Gesellschaft

Das Internet wird zum Internat

Die Psychologin und Autorin Birgit Langebartels und der Psychologe und Autor Stephan Grünewald über die Folgen von Homeschooling, digitale Parallelwelten, aufgestaute Energie und Rollenbilder unter Coronabedingungen.

Das Internet wird zum Internat

Die Psychologin und Autorin Birgit Langebartels und der Psychologe und Autor Stephan Grünewald über die Folgen von Homeschooling, digitale Parallelwelten, aufgestaute Energie und Rollenbilder unter Coronabedingungen.

Interview: Annett Witte Foto: Christoph Ruecker, Christoph Hardt/Geisler-Fotopress/picture alliance

Frau Langebartels, Herr Grünewald, Sie sind als Eltern von Corona-Lockdowns und Schulschließungen besonders betroffen. Wie gehen Sie damit um? Langebartels: Das ist von Tag zu Tag sehr unterschiedlich. Heute morgen war ich echt genervt – und froh, ausnahmsweise ins Büro fahren zu können. Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Familie sich gut eingestimmt und Rituale gefunden hat, an denen wir festhalten. Aber das müssen wir immer wieder neu aushandeln. Einerseits finde ich es ganz schön, dass man viel voneinander mitbekommt. Andererseits bekommt man teils mehr mit, als einem lieb ist. Grünewald: Meine Tochter hat Trisomie 21. Sie hat in einer Wohngemeinschaft gelebt, die während des ersten Lockdowns aufgelöst wurde. Das war für sie eine schlimme Erfahrung. Sie verlor an einem Tag ihre Stelle in einer Jugendherberge, die schließen musste, und ihr Wohnumfeld war obsolet. Sie war über Wochen komplett orientierungslos und mitunter verwirrt. Jetzt geht es ihr wieder besser. Die Wohngemeinschaft ist im Neuaufbau, und ich hoffe, dass sie bald wieder in die Selbstständigkeit kann.

Welchen Einfluss hat das monatelange Homeschooling auf Eltern und Kinder? Grünewald: Für viele bildungsferne Familien ist die Situation extrem schwierig. Es herrscht eine heillose Überforderung mit dem Homeschooling. Zeit, Muße und pädagogische Grundlagen sind nicht vorhanden. Hinzu kommt die räumliche Enge. Langebartels: Viele Eltern haben den Anspruch, alles perfekt hinzukriegen. Sie meinen, sie müssten alles im Blick haben und die Kinder rund um die Uhr monitoren. Das kann nicht funktionieren. In der Folge kippt der Überanspruch in eine gefühlte Verwahrlosungsangst. Die Eltern haben das Gefühl, wenn sie keine „perfekte“ Erziehung leisten, gerate das Kind auf die schiefe Bahn und das gesamte Familiensystem zerbreche.

Und die Kinder? Langebartels: Den Kindern rauben die Lockdowns Spielräume. Schule ist ja viel mehr als nur eine reine Lerninstitution. Sie ermöglicht den Kindern, sich zu entwickeln und sich jenseits des Blicks der Eltern zu entfalten. Kinder brauchen diese Entwicklungsräume. Gerade die Generation Z hat das Gefühl, dass ihr viel genommen wird. Auch die Politik schaut kaum auf die jungen Menschen und ihren Alltag. Sie haben nicht nur einen kompletten Strukturverlust, sondern auch einen Bedeutungsverlust erlebt. Im Grunde brauchen sie sich gar nicht mehr anzuziehen. Sie bleiben im Bett liegen, fahren den Rechner hoch und sind mal in einem Meeting, mal nicht – und das in einer Endlosschleife. Das tut nicht gut. Grünewald: Spielräume gibt es im Grunde nur noch in den digitalen Sphären. Das Internet wird zunehmend zum Internat. Dort wird die Schule absorbiert, indem man sich in virtuellen Welten misst und gemeinsam Prüfungen besteht. Es ist wichtig, den Kindern eine Struktur zu geben, damit sie nicht komplett in der digitalen Parallelwelt aufgehen.

„Schule ist viel mehr als nur eine Lernsituation.“

Birgit Langebartels

„Schule ist viel mehr als nur eine Lernsituation.“

Birgit Langebartels

Birgit Langebartels ist Psychologin und leitet beim Kölner Marktforschungsinstitut rheingold den Bereich „Kids & Family Research“. 2019 erschien ihr Buch „Leben im Leerlauf – Die verborgene Logik der Depression verstehen“ (Beltz).

Wozu kann die Überforderung der Familien führen? Grünewald: Bestehende Tendenzen verschärfen sich jetzt. Viele Ansprüche an die Kinder, gerade aus der bürgerlichen Mitte, sind nicht neu. Das Kind muss Abitur haben; Real- oder Hauptschulabschluss gelten als Scheitern. Gemäß diesem Anspruch haben viele Eltern die Sorge, dass das Kind im Vergleich zu anderen Generationen wichtige Skills verliert und besonders gefördert werden muss. Für Kinder, deren Eltern sich weniger um sie kümmern und um sie sorgen, ist es noch schwieriger. Sie wurden durch die Struktur der Schule, den Zuspruch der Lehrkräfte und die Klassengemeinschaft im Sozialleben gehalten. Das wurde ihnen genommen. Da geht die Schere immer weiter auseinander.

Was erwarten Sie von der Politik? Grünewald: Die Politik muss Perspektiven schaffen, mit Anreizen zur Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit. Sonst verlieren sich die Menschen in einer resignativen Starre. Wir haben aktuell eine starke Fixierung auf die Inzidenzwerte. Wenn diese dann regelmäßig verändert werden, schürt das Resignation. Wenn die Menschen das Gefühl haben, immerzu auf ein nicht zu erreichendes Ziel zusteuern zu müssen, kann das anarchisch werden, und es entstehen Verhältnisse, in denen jeder jenseits aller Hygienekonzepte das macht, was ihm gerade in den Kram passt. Daher darf nicht nur über Mutationen und Inzidenzen gesprochen werden, sondern vor allem über das „Wie“: Wie kann Unterricht in Schulen stattfinden? Wie kann man Sport im Verein ermöglichen? Wie kann man die Läden öffnen? Wir sind doch das Land der Dichter und Denker, tun uns derzeit aber schwer damit, kluge Konzepte zu finden oder konsequent umzusetzen.

… was die Menschen zunehmend frustriert. Grünewald: Der erste Lockdown hatte noch eine abenteuerliche Qualität, viele Menschen haben entdeckt, was man zu Hause wie auf einem Abenteuerspielplatz alles anrichten und reparieren kann. Das hat sich mittlerweile totgelaufen. Die Menschen wissen nicht mehr, wie sie sich beschäftigen können. Manch ein Familienmitglied geht ihnen zunehmend auf den Zeiger. Jetzt beginnt der Frühling, und die Menschen strömen mit berstender Energie ins Freie. Sie sind mürbe und wollen raus. Diese Energie muss kanalisiert werden. Die Sportstätten und Vereine müssen wieder öffnen, damit das unter kontrollierten Bedingungen passiert. Sonst werden vermehrt geheime Partys im Park gefeiert.

Die Bilder von Familien im Park kommen nicht überall gut an. Freiheit scheint heute ein Luxus zu sein. Grünewald: Diese ständigen unterschwelligen Vorwürfe sind unproduktiv. Durch das ständige Moralisieren und Schuldverschieben wird kein Klima geschaffen, das die Eigenverantwortung stärkt. Familien, gerade junge Menschen, wollen der Enge entfliehen und das Weite suchen – was ja infektionstechnisch sogar sinnvoll ist. Bewegung im Freien sorgt nicht nur für Entspannung, sie vitalisiert auch, sie ist daher gelebte Gesundheitsprophylaxe.

„Die Menschen wissen nicht mehr, wie sie sich beschäftigen können.“

Stephan Grünewald

„Die Menschen wissen nicht mehr, wie sie sich beschäftigen können.“

Stephan Grünewald

Stephan Grünewald ist Psychologe und Gründer des Marktforschungsinstituts rheingold und Autor. Kiepenheuer & Witsch verlegt sein Buch „Wie tickt Deutschland – Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft“.

Was können Familien noch für die eigene physische und psychische Gesundheit unternehmen? Langebartels: Die Familien müssen neue Handlungsspielräume schaffen, um der Ohnmacht entgegenzuwirken. Die Kinder müssen spüren, dass sie selbst etwas schaffen können – ohne ihre Eltern. Dafür brauchen sie Freiräume ohne den elterlichen Blick – und feste Rituale. Man beginnt den Tag morgens gemeinsam am Frühstückstisch. Manche Kinder laufen anschließend mit dem Schulranzen um den Block und beginnen erst dann ihren Schultag. Wichtig ist es auch, Pausen zu machen und nach draußen zu gehen. Hauptsache, man kann durch diese kleinen Schlupflöcher ausbrechen. Langfristig sollte man Träume und Ziele anvisieren. Gemeinsam darüber nachzudenken, wo man als Erstes hinreist, wenn es wieder möglich ist, kann schon helfen.

Kann die Zeit auch produktiv genutzt werden? Langebartels: Man kann sich mit neuen Fertigkeiten ausrüsten. Das muss nicht gleich das Spielen eines neuen Instruments sein. Es reicht auch, mal zu werkeln und zu backen – mit Kindern oder ohne Kinder. So entsteht ein gewisser Werkstolz. Hauptsache, man kommt ins Machen und probiert Neues aus.

Die Pandemie stellt alte Rollenmodelle infrage. Bietet das Chancen oder Risiken? Langebartels: Es birgt auf jeden Fall viele Chancen. Frauen halten mitunter stark daran fest, dass bei ihnen alle Fäden zusammenlaufen. Sie müssen alles im Griff haben und können nur selten loslassen. Das hätte in diesen Zeiten, in denen Väter und Mütter zu Hause sind, besser aufgeteilt werden können. Da gab es anfangs auch ein Versäumnis der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, die nicht akzeptieren konnten, wenn Männer im Homeoffice gearbeitet haben.

Hat sich das inzwischen geändert? Langebartels: Der Druck ist stärker, dass möglichst alle im Homeoffice arbeiten. Das hat einiges zum Positiven verändert. Es bleiben aber große Unterschiede in der Wahrnehmung: Setzt sich ein Kind während eines Videocalls auf den Schoß des Vaters, wird das als „süß“ bezeichnet. Passiert das Gleiche einer Mutter, heißt es oft, sie habe das Kind nicht im Griff. Grünewald: Es kann aber auch Verhärtungstendenzen geben: Wenn der Mann nicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, verhindert das eine Neuaufstellung. Dann werden die alten Klischees und Modelle reaktiviert. Dann entsteht bei manchen Männern die Herd-Immunität schneller als die Herden-Immunität.

Wie können Eltern diese Zeiten durchhalten? Langebartels: Die ganze Coronasituation ist kein Sprint mehr, sondern ein Marathonlauf. Damit uns dabei nicht die Puste ausgeht, müssen wir uns auch mal ein Päuschen zugestehen. Pragmatisch gesagt: Schrauben Sie die Ansprüche ab und an etwas runter und verlieren Sie nicht den Humor. Es ist für uns alle eine extrem herausfordernde Situation. Da darf man auch mal etwas doof finden und darüber meckern.