Thema

Der Wille zur Freiheit in unsicheren Zeiten

Auch in Zeiten der Pandemie sollte man das nackte Überleben nicht zur alles bestimmenden Maxime erklären. Der eigentliche Feind einer Politik der Freiheit ist die Erstarrung in Angst und Sorge.

Der Wille zur Freiheit in unsicheren Zeiten

Auch in Zeiten der Pandemie sollte man das nackte Überleben nicht zur alles bestimmenden Maxime erklären. Der eigentliche Feind einer Politik der Freiheit ist die Erstarrung in Angst und Sorge.

Der Wille zur Freiheit in unsicheren Zeiten

Auch in Zeiten der Pandemie sollte man das nackte Überleben nicht zur alles bestimmenden Maxime erklären. Der eigentliche Feind einer Politik der Freiheit ist die Erstarrung in Angst und Sorge.

Text: Wolfram Eilenberger Illustration: Emmanuel Polanco

Wäre die Welt, in der wir leben, für uns vollends zu beherrschen und zu prognostizieren, dann wüsste niemand zu begründen, weshalb es offene Gesellschaften geben sollte. Wir brauchen sie, weil die Zukunft unbestimmt und damit offen ist. Eine Situation wie die derzeitige Pandemie, die in einer verschärften, existenziellen Weise offen ist, muss man deshalb nicht unbedingt nur beklagen, sondern kann sie aus liberaler Sicht auch bejahen. Statt einer defensiven Hingabe an staatliche Prognose- und Steuerungsphantasien verlangt sie die Mobilisierung freiheitlicher Haltungen. Um Kant zu paraphrasieren: Es bedarf des Ausgangs aus der pandemischen Unmündigkeit.

Zunächst gilt es, fehlgeleitete, um nicht zu sagen kindliche Erwartungen darüber abzulegen, was die Wissenschaft will, soll und vermag. Gewiss, die binnen nur weniger Monate erzielten pharmazeutischen Fortschritte, insbesondere in Sachen Impfstoff, sind bewundernswert. Doch ihnen steht das alltäglich gewordene Bad im Ozean des pandemischen Nicht-Wissens gegenüber. Selbst elementare Daten und Informationen sind bis heute nicht oder nur in Annäherung vorhanden: Wie viele Menschen hatten Kontakt mit dem Virus? Wie hoch ist die Sterberate wirklich? Welche Mutationen sind um wie viel ansteckender? Es fehlt deshalb an der empirischen Belastbarkeit vieler Prognosen und an der Alltagsrelevanz so mancher Schätzmodelle. Wo viele Menschen seit Jahr und Tag eindeutig orientierende Analysen erwarten, werden allenfalls Faustregeln geliefert. Nicht zu reden von der bisweilen widersprüchlichen Vielstimmigkeit ausgewiesener Experten und Forscherinnen, auch auf dem Feld der Virologie.

Ein Tölpel indes, wer hier ein Versagen der Wissenschaft vermutete. Wissenschaft strebt gerade nicht Einigkeit oder gar Einheitlichkeit an, sondern handlungsleitende Erkenntnis. Und dieses Streben profitiert erfahrungsgemäß von Divergenz und Pluralität. Fehlender Konsens ist einer der aussagekräftigsten Indikatoren dafür, dass sich ein Forschungsgebiet in produktiver Dynamik befindet.

„Selbst elementare Informationen zum Virus sind nicht oder nur in Annäherung vorhanden.“

Die Bereitschaft, kommunizierte Unsicherheit und Fehlbarkeit als Tugenden der Forschung zu erkennen, ist besonders dort unabdingbar, wo die naturwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Sphären untrennbar verwoben sind. So bilden Prognosen zum Pandemieverlauf nicht nur ein zu erwartendes Geschehen ab, sondern stellen als öffentliche verlautbarte Einschätzungen vielmehr konkrete Eingriffe in den zu ermittelnden Verlauf dar. Ähnlich wie demoskopische Wahlprognosen wirken sie performativ, sind selbst Treiber oder Minderer des Geschehens. In einer pandemischen Situation verschränkt sich der wandlungsfrohe Eigensinn des Viralen mit dem quasi-natürlichen Eigensinn menschlicher Individualität und erzeugt so ein Geschehen, das die Offenheit der Zukunft für uns in beispielhafter Weise verdeutlicht. So öffnen sich stetig neue Räume der Kontingenz, der Unabsehbarkeit und der Widerlegung. Politisch wirken sie als Freiheitsräume, da sie jedem Anspruch auf totale Steuerung „von oben“ oder allzu starren Planvorgaben Hohn spotten. Kein Mensch oder Kollektiv vermag daran etwas ändern. Und das ist, wenigstens aus liberaler Sicht, auch gut so.

Mündigkeit beweist sich zudem in der Anerkennung eigener Beurteilungsgrenzen. Der gerade in vulgärliberalen Milieus verbreitete Hang, jede nahegelegte Beschränkung als Eingriff und jede verbindliche Vorgabe als Ermächtigung zu denunzieren, ist kein Dienst an der Freiheit und schon gar kein Ausweis mutigen Selbst-Denkens. Schließlich gibt es keine schnelleren und effizienteren Lösungen als vernünftige. Wirklichkeit ist das, was in seiner Gegebenheit beharrt, obwohl man sich es anders wünschte. Nur ein Kind rebelliert dauerhaft dagegen. Keine Haltung ist aufgeklärter Liberalität ferner als das Verharren in der pseudo-autonomen Trotzphase des „Ich will aber …“, der struwwelpeterhaften Revolte gegen jede Form notwendiger Einsicht und höherer Urteilskraft. Der Mut, sich des eigenen Verstands zu bedienen, wie es der Aufklärung entspricht, erweist sich deshalb nicht zuletzt darin, eigene Urteilsgrenzen anzuerkennen. Gehorsam zu sein und Experten zu folgen, kann eine liberale Tugend sein, nie aber reflexhafte Renitenz und narzisstische Eigenmächtigkeit.

„Es gibt noch wesentlich üblere Schicksale als den Tod.“

Wer seine Sinne in dieser Weise geschärft hat, bleibt aber besonders hellhörig für ein begriffliches Manöver, das als meisterhafter Schachzug des totalitären Strebens gelten darf: die Erhebung des „Überlebens“ zum vorrangigen Ziel politischen Handelns. Wer nacktes Überleben zur alles bestimmenden Maxime erklärt, beendet das Spiel guter politischer Begründungen und Abwägungen, bevor es begonnen hat. Zu keiner Zeit liegt dies näher als während lang andauernder Naturkatastrophen. Im Nachhall mag sich das als verheerend erweisen.

Demgegenüber ist eine Intuition zu mobilisieren, die freiheitsliebende Geister von Sokrates bis hin zu Hannah Arendt von je im Innersten geleitet hat: Es gibt noch wesentlich üblere Schicksale als den Tod. Vor allem ist dies das Schicksal einer Existenz, die dauerhaft jeder Form alltäglicher Selbstbestimmung und damit Eigensinnigkeit beraubt bleibt. Hannah Arendt spricht von dieser möglichen Endstufe vollends unterdrückten Vegetierens als Daseinsform „lebendiger Leichname“ und sieht diese als den Zielzustand totalitärer Systeme. In Konzentrationslagern und Gulags, so Arendt, entstehen durch Überwachung, Furcht und Apathie menschliche Wesen, denen sukzessive jede Form der Spontaneität und Eigensinnigkeit ausgetrieben ist – und zwar im Namen eines Kollektivs im permanent gewordenen Ausnahmezustand, das sich und sein Handeln ganz und gar im Zeichen des nackten Überlebens zu verstehen gelernt hat.

Zwar gleicht nichts an der gegenwärtigen Pandemiesituation in Umsetzung und Ziel dieser Extremform, weshalb jede Parallelisierung eine rhetorische Verheerung darstellt, die bestenfalls auf Geschmacklosigkeit und Unbildung, gängiger aber auf zynischem Populismus gründet. Dennoch muss aus liberaler Sicht immer wieder daran erinnert werden, dass nicht nur das Überleben, sondern vielmehr das gute und gerne auch bessere Leben das Ziel politischen Handelns bleibt. Ein gutes Leben, das diesen Namen verdient, ist ein selbstbewusster Gruß an eben jene Offenheit der Zukunft, die uns überhaupt lebendig und damit lebensfroh sein lässt. Der eigentliche Feind einer Politik der Freiheit ist die Erstarrung in Angst und Sorge: nicht der Verlust des Lebens, sondern der Lebendigkeit.

Nicht nur in Zeiten der Pandemie steht das Bedürfnis nach totaler Absicherung und Berechenbarkeit in direkter Opposition zur freiheitlichen Gesinnung. Es ist deshalb kein Zufall, dass sich ein Krypto-Totalitarismus des nackten Überlebens politisch derzeit mit einem Rigorismus der Restlosigkeit verschränkt. Man sieht dies beispielhaft in der #ZeroCovid-Initiative, deren Aktivistinnen und Aktivisten gerade in Deutschland kein Hehl aus ihrer Hoffnung machen, mit den Mitteln der Pandemieangst einen umfassenden, allerdings tief illiberalen Systemwechsel herbeizuführen.

„Gerade bei beschränkter Sicht verlangt jeder Schritt nach umsichtigem Lebensmut.“
„Gerade bei beschränkter Sicht verlangt jeder Schritt nach umsichtigem Lebensmut.“
„Gerade bei beschränkter Sicht verlangt jeder Schritt nach umsichtigem Lebensmut.“

An die Stelle solch priesterlicher und damit immer auch demokratieferne Utopien hätte aus freiheitlicher Sicht der Zukunftsmut eines „schmutzigen Pragmatismus“ zu treten, der fern von Bürokratismus, Neid und Überregulierung Lösungsstrategien des mündig eingegangenen Restrisikos bejaht. Gerade in den kommenden Monaten unvermeidlicher Impfungleichheit kann Solidarität, richtig verstanden, nie darin bestehen, anderen Menschen Wege zu verstellen, nur weil sie einem selbst noch nicht offenstehen. Nichts droht die Rückkehr aus dem Regiment der Pandemie nachhaltiger zu verbauen und zu beschweren als eine anschwellende Gleichheitsrhetorik, in der Grundrechte mit Privilegien verwechselt werden. Es ist kein Privileg, seinen Beruf auszuüben, in ein anderes Land zu reisen oder unbehelligt gesellig zu sein, sofern man damit nicht Dritte gefährdet. Und mehr noch: Freiheitliche Haltungen sind getragen von existenzieller Großzügigkeit und alltäglichem Wohlwollen, das nicht und schon gar nicht vorrangig die eigenen Lebensvollzüge betrifft. Dies zu begreifen, mag ein liberales Schlüsselerlebnis aus der Zeit der Pandemie sein.

Als der amerikanische Philosoph und Psychologe William James Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Essay „The Will to Believe“ das Manifest eines hoffnungsfrohen Pragmatismus niederschrieb, begann er mit der Schilderung einer Situation, die in diesem zweiten Frühling mit der Pandemie besonders treffend wirkt. James verdichtete sein Verständnis der Conditio humana – und damit seiner Vision eines guten Lebens – in einem einzigen Bild: „Wir stehen auf einem Gebirgspass mitten in wirbelndem Schnee und blendendem Nebel, durch den wir dann und wann einen flüchtigen Blick erhaschen auf Pfade, die vielleicht trügerisch sind. Bleiben wir stehen, so erfrieren wir. Schlagen wir einen falschen Weg ein, so werden wir zerschmettert. Wir wissen nicht sicher, ob es überhaupt einen rechten gibt. Was sollen wir tun? Stark und guten Mutes sein! Zum Besten handeln, das Beste hoffen und nehmen, was kommt … Wenn der Tod allem ein Ende macht, können wir ihm nicht besser entgegengehen.“

Gerade mitten im Nebel ist der Wille zur Klarheit gefordert. Gerade bei beschränkter Sicht verlangt jeder Schritt nach umsichtigem Lebensmut. Dass wir den Weg über den schmalen Grat derzeit noch nicht klar sehen, bedeutet nicht, dass er nicht Schritt für Schritt beschreitbar wäre. Dass wir in dieser passartigen Enge alle miteinander verbunden sind, heißt nicht, auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet zu sein. Dass dieses Leben, womöglich sogar im nächsten Moment, für jeden einzelnen von uns enden mag, geht nicht damit einher, dass es nicht wert sei, lustvoll erkundet und erforscht zu werden. Erfahrungen pandemischer Ausgesetztheit liefern keine Argumente gegen ein Leben in mündiger Selbstbestimmung. Im Gegenteil, sie offenbaren dessen tiefste Bedingungen und Möglichkeiten. Wir sollten sie preisen, statt sie zu verfluchen, und uns klüger auf den Weg machen. Also, vorwärts!

Wolfram Eilenberger ist Philosoph und Schriftsteller. Sein Buch „Zeit der Zauberer – Das große Jahrzehnt der Philosophie (1919–1929)“ erhielt den Bayerischen Buchpreis und in Frankreich den renommierten „Prix du Meilleur livre étranger“. Klett-Cotta, 25 Euro.