In Kürze

KOMPASS

„Der Status quo ist nicht mehr die bessere Wahl“

Die Princeton-Psychologin Elke U. Weber über den Umgang mit der Coronakrise und warum sie ihre eigene These kassieren musste.

Frau Weber, wa­rum kommen Gesellschaften so schwer mit dem Virus zurecht?

Politiker müssen etliche Zielkonflikte abwägen. Es geht um Gesundheits- und Datenschutz, wirtschaftliche Interessen, persönliche Freiheiten und vieles mehr. Diese „Trade-offs“ verändern sich sehr schnell, müssen also rasch neu ausgehandelt werden. Das ist sehr schwierig. Und auf individueller Ebene verhindert die Psychologie oft, dass wir Risiken rational begegnen.

Wie das?

Menschen mögen keine Trade-offs. Sie erinnern uns daran, dass wir nicht alles haben können – dass wir in manchen Dingen Zugeständnisse machen müssen, um in anderen etwas zu gewinnen.

Wir sind also nicht bereit, uns zu verändern?

In Krisen ist das schwer. Denn dann scheut der Mensch Risiken noch mehr als ohnehin. Man sagt sich: „Die Sachen um mich he­rum ändern sich schon genug – und zwar meist nicht zum Guten.“ Also versuche ich, das, was ich habe, nicht auch noch zu verändern. Im Status quo liegt ja meist eine gewisse Sicherheit.

Und das hat sich evolutionär bewährt?

Durchaus. Denn oft ist der Status quo ja tatsächlich besser oder zumindest sicherer als die Veränderung. Das Problem sind aber die neuen Krisen wie der Klimawandel oder die Pandemie. Einfach weiterzumachen wie bisher, ist bei beiden Krisen extrem gefährlich. Der Status quo ist nicht mehr die bessere Wahl.

Wie wird es weitergehen?

Vor etwa 15 Jahren habe ich die These des „Finite Point of Worry“ aufgestellt. Ich habe gesagt, dass sich Menschen nur bis zu einem bestimmten Punkt sorgen können. Nimmt die Sorge bei einem Thema zu, nimmt sie woanders ab. So stieg nach der Wirtschaftskrise 2008 die Sorge vor Jobverlust und Armut, während die Sorge um den Klimawandel sank. Das hat die Öl- und Gaslobby damals genutzt, um den wissenschaftlichen Konsens über den Klimawandel infrage zu stellen. Doch ich muss die These widerrufen: Es gibt keinen „Finite Point of Worry“! Es hat sich gezeigt, dass die Sorge bei einem Thema die Sorge bei einem anderen Thema noch verstärken kann. Bei vielen Menschen, die sich vor Corona fürchten, steigt auch ihre Sorge um den Klimawandel.

Das klingt düster.

Ich finde das gar nicht düster. Denn je mehr sich die Menschen um den Klimaschutz sorgen, desto mehr fordern sie ihn auch von ihren Politikern ein. Und die werden darauf reagieren müssen.

Elke U. Weber lehrt Psychologie und Public Affairs an der Princeton University. Sie forscht zu psychologischen Entscheidungsprozessen unter Unsicherheit sowie zur Wahrnehmung von Langzeitrisiken.

Foto: ullstein bild - Lengemann/WELT

buzzword

Vierundzwanzig Nationalmannschaften spielen in diesem Sommer unter Pandemiebedingungen um den Titel des Fußballeuropameisters. Nicht darunter ist das autokratisch regierte Aserbaidschan. Trotzdem ist Baku einer der Austragungsorte des Turniers. Lobbyismus für Aserbaidschan ist nicht nur in der Politik ein Problem.

Dass ich noch auf meine alten Tage einen Heribert Prantl Fanclub gründen will #Freiheit #grundgesetz

Ulf Poschardt, Chefredakteur der „WELT“, entdeckt durch die Coronakrise neue Gemeinsamkeiten mit Heribert Prantl, Kolumnist der „Süddeutschen Zeitung“.

Foto: Imago/Future Image

KONZENTRAT

Die Kultur-technik des Putzens …

… steht im Zentrum eines Bildbands von Honey & Bunny. Das Künstlerduo widmet sich dem Saubermachen als sozialem Ritual der Zivilisation. Nie wurde die menschliche Leidenschaft für Hygiene ästhetischer festgehalten – in der Pandemie ist sie wichtiger denn je. Böhlau, 35 Euro.

Foto: Sonja Stummerer & Martin Hablesreiter/Ulrike Köb/Böhlau

DURCHBLICK

Deutschland überwacht – gern auch ohne Anlass

Strafverfolgungsbehörden in Deutschland werten Daten von Bürgern in erheblichem Umfang aus. Das hat das Max-Planck-Institut in einem Gutachten im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit festgestellt, das erstmals eine Bestandsaufnahme der Überwachungslandschaft in Deutschland liefert. Die Aufstellung zeigt mehr als 50 Maßnahmen, mit denen der Staat schon jetzt ohne konkreten Anlass Informationen sammelt. Dabei helfen in vielen Fällen private Unternehmen wie Finanzinstitute und Telekommunikationskonzerne. Auf Basis des Gutachtens wird künftig in regelmäßigen Abständen ein „Überwachungsbarometer“ erstellt, das das Ausmaß der Datensammlung des Staates dokumentiert.

Foto: Michael Jakubowski/Unsplash

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DURCHBLICK

Gegen den Rückzug

Strafverfolgungsbehörden in Deutschland werten Daten von Bürgern in erheblichem Umfang aus. Das hat das Max-Planck-Institut in einem Gutachten im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit festgestellt, das erstmals eine Bestandsaufnahme der Überwachungslandschaft in Deutschland liefert. Die Aufstellung zeigt mehr als 50 Maßnahmen, mit denen der Staat schon jetzt ohne konkreten Anlass Informationen sammelt. Dabei helfen in vielen Fällen private Unternehmen wie Finanzinstitute und Telekommunikationskonzerne. Auf Basis des Gutachtens wird künftig in regelmäßigen Abständen ein „Überwachungsbarometer“ erstellt, das das Ausmaß der Datensammlung des Staates dokumentiert.

Foto: Michael Jakubowski/Unsplash

STAFFELEI

Kunstmuseum im eigenen Zuhause

„Hausarbeit“ ist eine Wanderausstellung, die Arbeiten von fünf Berliner Künstlerinnen und Künstlern zeigt. Das Neue: Die eigenen vier Wände werden zum Museum. Per Los wurde entschieden, in welchem Zuhause die Werke für drei Wochen hängen. Die Ausrichtung der Ausstellung ist ausdrücklich keine Aufforderung, Besuch zu empfangen. Der private Raum wird so um eine intime Ausstellung erweitert. Organisator ist „Raum www“, ein Non-Profit-Projekt der Berliner Künstler Johannes Mundinger und Daniel Hahn. www.raumwww.de

Foto: Manuel Stehli (Händepaar 8, 2021)

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Angela Merkel

weist im Interview mit der ARD jede Kritik an der Coronapolitik der Bundesregierung von sich.

Foto: Picture Alliance/NurPhoto

„Ich glaube, dass im Großen und Ganzen nichts schiefgelaufen ist.“

„Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist als Realität.“

Alfred Hitchcock

wusste, dass Menschen die Wirklichkeit sehr individuell auslegen.

Foto: Baron/Hulton Archive/Getty Images

PULSGEBER

Die Milliarden-Software

Fast eine Milliarde Euro bezahlte der Softwarekonzern SAP für das Start-up Signavio, eine Ausgründung des Hasso-Plattner-Instituts der Universität Potsdam. Signavios Software analysiert Daten und modelliert Geschäftsabläufe. Damit hilft sie, Prozesse zu optimieren und Synergien zwischen Abteilungen und Verantwortlichen gezielter zu nutzen. Vier Studenten hatten sie ursprünglich als Open-Source-Software für das Geschäftsmanagement entwickelt. Doch bereits in dieser Phase entschlossen sie sich, das Projekt durch eine Kommerzialisierung der Technologie weiterzuentwickeln. Ihr damals erklärtes Ziel: 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Heute unterstützt Signavio Mittelständler und Großkonzerne in aller Welt. Und die Universität Potsdam? Sie ist eine der Hochschulen mit den höchsten Gründungsquoten in Deutschland. Etwa 30 Ausgründungen begleitet der Start-up-Service „Potsdam Transfer“ jährlich. Mit Signavio hat sie nun ihren bislang größten Erfolg erzielt.

Foto: Signavio

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Foto: Signavio

GEGEN DEN STROM

Take me by the hand

Vor zehn Jahren begann der Bürgerkrieg in Syrien – und noch immer sind Gewalt und Flucht Alltag im Leben von Millionen Syrerinnen und Syrern. Wer sein Leben retten kann, flieht nach Jordanien oder in den Libanon. Kinder leiden in dem Konflikt am meisten. Sie sind auf humanitäre Hilfe und Bildungsangebote durch Organisationen wie die Mishwar Foundation angewiesen, gegründet von einem ehemaligen Stipendiaten der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Die Foundation motiviert geflüchtete Kinder, sich künstlerisch auszuleben und so ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Die Kunstwerke der Kinder werden anschließend digital vertrieben. Mit den Erlösen finanziert die Mishwar Foundation ihre Bildungsarbeit. Weitere Informationen über das Projekt finden Sie unter www.tmbth.org.

Foto: TMBTH Beispiel Wanderausstellung