Gesellschaft

„Unsere Angst schießt gern einmal über das Ziel hinaus“

Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt sind so hilfreich wie umstritten. Der Philosoph Philipp Hübl erklärt, woher die Skepsis gegenüber dem Neuen kommt und was wir für eine größere Offenheit tun können.

„Unsere Angst schießt gern einmal über das Ziel hinaus“

Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt sind so hilfreich wie umstritten. Der Philosoph Philipp Hübl erklärt, woher die Skepsis gegenüber dem Neuen kommt und was wir für eine größere Offenheit tun können.

Interview: Karen Horn Foto: Gunter Gluecklich/laif

Herr Professor Hübl, die medizinische Forschung hat in Windeseile Corona-Impfstoffe hervorgebracht, die Informationstechnologie erlaubt uns, per Zoom auch im Lockdown im Austausch zu bleiben. Fallen Ihnen noch andere Beispiele ein, warum Technik etwas Großartiges ist? Außer Strom, Zentralheizung und Tesafilm? Die Medizintechnik ist natürlich das eindrücklichste Beispiel. An Pocken starben im 20. Jahrhundert schätzungsweise 300 Millionen Menschen; durch Pflichtimpfungen sind diese Viren seit 40 Jahren ausgerottet. Anderes Beispiel: Agrartechnik. Heute arbeiten weniger als 2 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft, vor 1800 waren es in Europa noch über 80 Prozent. Ein Knochenjob: Die Menschen waren chronisch unterernährt. Etwa ein Fünftel konnte nicht mehr als eine Stunde am Tag arbeiten. Heute muss in großen Teilen der Welt niemand mehr hungern, weil Landwirtschaft so effizient technisiert ist. Der Ökonom Robert Fogel führt einen erheblichen Teil des Wirtschaftswachstums der vergangenen 200 Jahre auf die „technophysische Evolution“ zurück: Weil die Menschen immer mehr zu essen hatten und hygienischer lebten, konnten sie überhaupt am Wirtschaftsleben teilnehmen.

Warum erleben wir dann trotzdem nur wenig Technik- und Fortschrittsbegeisterung? Dafür gibt es viele Gründe, und viele davon sitzen tief. So existiert traditionell im linksintellektuellen, progressiven Lager eine Technikkritik. Die Progressiven sind zwar grundsätzlich für Fortschritt, nicht nur des persönlichen Lebenswandels, sondern auch gesamtgesellschaftlich, aber gleichzeitig betrachteten sie die Technik mit Sorge. Technologisierung wurde dort schon immer auch als Mittel der Unterdrückung und Entmenschlichung und damit als Bedrohung gesehen. Hinzu kommen Stimmen aus dem spirituellen Lager der Linken. Dort findet man Gaia-Gedanken, benannt nach der Göttin aus der griechischen Mythologie: Die Erde wird als gutmütige Mutter personifiziert vorgestellt, die für alle sorgt, weil alles im Vorhi­nein gut eingerichtet ist. Wer auch nur einen Baum abholzt, fügt diesem Riesenorganismus „Erde“ einen Schaden zu. Die Erde als Lebewesen: Diese Idee findet man sogar bei einigen Vertretern der Fridays-for-Future-Bewegung. Viele übersehen dabei völlig, dass die Natur extrem gewalttätig ist, dominiert vom Prinzip Angriff und Verteidigung. Aus Sicht der Menschen gibt es in der Natur keine stabile Harmonie, sondern es wirken alle möglichen Kräfte, die uns etwas Böses wollen – von den Raubtieren über die giftigen und stacheligen Pflanzen bis hin zu den Bakterien und Viren.

„Progressive Linksintellektuelle sehen die Technologiesierung immer auch als Mittel der Unterdrückung.“

Gibt es diese Technikopposition nicht auch im rechten politischen Spektrum?

Doch. Im rechtsintellektuellen, konservativen Lager gibt es in Bezug auf die Technik Vorstellungen, die sich mit dem linken Denken sogar mehr überschneiden, als man vielleicht erwarten würde. Auch hier findet man die Ansicht, dass uns die Technik entfremdet. Sie hält uns, so die Überzeugung, von dem „eigentlichen“, „natürlichen“, unmittelbaren Austausch mit der Natur ab. Sie entwurzele uns. Der technische Fortschritt verschärft noch die uns ohnehin häufig überfordernde Komplexität einer Welt, die zusammenwächst und uns mit ihrem kosmopolitischen Anspruch dem überschaubaren, humanen, intuitiv erfassbaren und bewahrenswerten Lokalen entzieht. Alles Globale wird somit als bedrohlich für das „Ursprüngliche“ empfunden, ob es multinationale Konzerne sind, die Finanzmärkte oder die Globalisierung allgemein.

Manche grundsätzlichen Bedenken gegenüber moderner Technologie sind gewiss nicht unbegründet. In welchen Fällen haben sie uns in der Vergangenheit auch schon mal vor Schlimmem bewahrt?

Technik hat immer zwei Seiten: Sie kann der Menschheit dienen oder zerstörerisch wirken. Zur Erinnerung: Die ersten Werkzeuge der Menschen waren Waffen. Bis heute investieren Staaten viel Geld in Kriegstechnologie. Die Angst vor der Atomkraft im 20. Jahrhundert war auch durch die sinnlosen Nukleartests während des Kalten Krieges motiviert. Je größer die potenzielle Energie, desto größer die Wirkkraft. Daher ist es vernünftig, über langfristige Gefahren zu diskutieren, etwa über die Gefahren der Gentechnik oder der künstlichen Intelligenz.

Aber manchmal erscheinen diese Bedenken trotzdem eher als ein Ausdruck einer grundlegenden psychologischen Befindlichkeit.

Ja. Wir Menschen haben alle nun einmal einen Angstmechanismus in uns. Angst warnt uns vor Gefahren und lässt uns vorsichtig sein. Das ist in vielen Situationen, die wir aus dem Alltag kennen, auch gut so. Um das Gute, das uns widerfährt, müssen wir uns nicht kümmern, aber das Schlechte fordert uns heraus. Aber in der modernen Zivilisation schießt dieser Mechanismus gern einmal über das Ziel hinaus. Wenn man einmal damit anfängt, nur noch auf das zu achten, was schiefgehen kann, bekommt man ein vollkommen verzerrtes Bild davon, wie gefährlich nicht nur die Technik ist, sondern die Welt ganz allgemein. Der schwedische Statistiker Hans Rosling hat in seiner Forschung gezeigt, dass Menschen glauben, die Welt werde immer schlechter, obwohl sie faktisch fast überall besser geworden ist. Die Überraschung: Je gebildeter die Versuchspersonen waren, desto schlechter schnitten sie in den Fragen ab. Nobelpreisträgerinnen und -preisträger waren in ihrer Einschätzung am weitesten von den Tatsachen entfernt. Dabei hat sich in den letzten hundert Jahren die Lebenserwartung der Menschen fast verdoppelt, und in den letzten zwanzig Jahren sind im Schnitt jeden Tag weit über 100 000 Menschen aus der absoluten Armut entkommen. Das sehen viele nicht.

„Menschen glauben, die Welt werde immer schlechter, obwohl sie faktisch fast überall besser geworden ist.“

Liegt das daran, dass man auf alles Gute, das einmal errungen ist, Anspruch zu haben meint? Ja. Der Status quo wird zur Norm. Ein gutes Beispiel für die Wahrnehmungsverzerrung, die ich gerade beschrieben habe, ist übrigens die Einstellung zur Kernenergie. Natürlich ist die Endlagerung der Abfälle problematisch. Aber schauen wir einmal auf die Unfallrisiken. Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima sind 2000 Menschen gestorben, aber nicht durch Strahlung, sondern größtenteils durch eine unnötige Evakuierung. Das sind sehr viele Menschen. Aber die Alternative, die Kohleförderung, führt dazu, dass weltweit über 5000 Kohlearbeiter durch die direkten Folgen ihrer Jobs sterben. Mehr noch: Jedes Jahr kommen Millionen Menschen durch Atemwegskrankheiten um. Das ist uns bloß deshalb nicht bewusst, weil wir es nicht mit einem konkreten, punktuellen Ereignis zu tun haben, sondern sich der Effekt sowohl räumlich als auch zeitlich verteilt. Weil wir also die Gesundheitsrisiken der Kohle und anderer fossiler Brennstoffe nicht wahrnehmen und angemessen gewichten, kam es zu dem Ausstieg aus der Atomenergie, obwohl sie eine Brückentechnologie sein könnte, bis wir etwas Besseres gefunden haben.

Das erinnert an die Mahnung des französischen Liberalen Frédéric Bastiat (1801–1850), dass man nicht nur bedenken soll, was man sieht, sondern auch das, was man nicht sieht. Aber was ist zu tun, damit Menschen dazu fähig sind? Damit es mehr Offenheit für technische Neuerungen gibt? Ein Ansatz ist schlicht Aufklärung. Er zielt direkt auf die kognitive Sphäre. Es ist zum Beispiel hilfreich, wenn sich Menschen mit Statistiken auskennen, numerische Fähigkeiten entwickeln und wissen, wie man an verlässliche Informationen kommt. Da bewirkt eine entsprechende Schulbildung einiges, und da sind wir schon auf einem guten Weg. Die Menschen haben heute insgesamt einen wesentlich wissenschaftlicheren Denkstil als noch vor wenigen Jahrzehnten. Sie sind sich auch durchaus im Klaren darüber, dass Wissenschaft immer etwas Vorläufiges an sich hat. Aber die Forschung zeigt uns auch Ernüchterndes: Wenn sich Leute einer moralisch-ideologischen Gruppe zuordnen, dann setzen bei ihnen sogenannte Mechanismen der interessengeleiteten Kognition ein.

Was verstehen Sie unter einer moralisch-ideologischen Gruppe?

Eine Gruppenzugehörigkeit, die sich danach definiert, ob man politisch links oder rechts steht, Auto oder Fahrrad fährt, Fleisch isst oder nicht. Wenn das im Vordergrund steht, dann funktioniert die kognitive Informationsverarbeitung unter Umständen nicht mehr richtig. Vielen Leuten ist dann ihre Gruppenidentität wichtiger als irgendwelche Fakten, was dann dazu führt, dass sie die Welt so sehen, wie sie sie sehen wollen. Man erkennt das sehr stark im Zusammenhang mit den Einstellungen gegenüber dem Klimawandel am rechten Rand. Für Amerika hat die Forschung gezeigt: Je weiter rechts jemand ist, desto eher leugnet er den menschengemachten Klimawandel, auch wenn er eigentlich ziemlich genau denselben Bildungs- und Wissensstand hat wie ein Linker, für den der Klimawandel im Wesentlichen vom Menschen gemacht ist. Inhaltlich hat die politische Haltung und die Einschätzung des Klimawandels gar nichts miteinander zu tun. Die Rechten leugnen nur deshalb den Klimawandel, weil die Linken das Thema so groß gemacht haben. Es ist eine reine Trotzreaktion.

Das ist ja fürchterlich! Was lässt sich dagegen tun?

Ich halte es mit Groucho Marx: Ich würde keinem Club angehören wollen, der mich als Mitglied aufnimmt. Im Ernst: Jeder Einzelne sollte versuchen, sich nicht zu sehr einer Gruppe zuzuordnen. Aber das ist eine große Herausforderung, denn die sozialen Medien laden uns ständig dazu ein, immer neue Gruppen zu finden. Es ist schon eine Ironie der Geschichte: In der Nachkriegszeit sind wir infolge des progressiven Wandels in Gesellschaft und Technik immer individueller geworden und haben den Kollektivismus hinter uns gelassen. Überall waren vorrangig die individuellen Freiheitsrechte das Thema, die Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung der einzelnen Person. Doch jetzt stehen wir an einem Kippmoment, wo sich die Menschen neue Kollektive, denen sie angehören wollen, selber suchen. Vor allem für die jungen Menschen, die mit den sozialen Medien aufgewachsen sind, wird es offenbar immer wichtiger, zu einer Gruppe dazuzugehören, als ein Individuum zu sein.

Was kann man dafür tun, dass sich diese Entwicklung nicht immer weiter verschärft?

Eigentlich muss man die Menschen, die sich in Blasen verkriechen und dort beispielsweise ihre Technikopposition hochjazzen, ständig he­rausfordern. Der Ratschlag an jeden Einzelnen wäre, etwa auf Twitter gerade auch solchen Leuten zu folgen, deren Meinung man nicht teilt. Dann würde der Selbstverstärkungseffekt in der Echokammer, der zur Verhärtung führt, auf jeden Fall gemildert, und man würde sich in Kompromissfähigkeit üben. Denn das ist es, was uns heute allgemein so fehlt: das offene Gespräch, in dem man nicht vornehmlich versucht, sich selbst zu bestätigen und der eigenen Gruppe Zugehörigkeitssignale zu senden, sondern in dem man sich von anderem überraschen lässt und vielleicht sogar den politischen Kompromiss sucht.

Philipp Hübl ist Philosoph. Er lehrt als Gastprofessor für Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin und forscht auf dem Gebiet der Moralpsychologie, der Wissenschaftstheorie und der Philosophie des Geistes. Sein jüngstes Buch: „Die aufgeregte Gesellschaft. Wie Emotionen unsere Moral prägen und die Polarisierung verstärken“ (2019).