Wirtschaft

Mit Kreativität aus der Krise

Mit Kreativität aus der Krise

Wegen der Coronakrise stehen viele Einzelhandelsgeschäfte vor dem Aus, die Innenstädte veröden immer weiter. Doch die Pandemie beschleunigt nur einen längst überfälligen Wandel, die Branche steht schon lange unter Veränderungsdruck. Nun liefert die Krise eine Chance, sich neu zu erfinden. Neue Kundenservices und Einkaufserlebnisse sind der Schlüssel.

Wegen der Coronakrise stehen viele Einzelhandelsgeschäfte vor dem Aus, die Innenstädte veröden immer weiter. Doch die Pandemie beschleunigt nur einen längst überfälligen Wandel, die Branche steht schon lange unter Veränderungsdruck. Nun liefert die Krise eine Chance, sich neu zu erfinden. Neue Kundenservices und Einkaufserlebnisse sind der Schlüssel.

Text: Daniela Schröder Fotos: Dietmar Gunne

Eine Standard-Büroklammer in Nahaufnahme – beim Schreibwarenladen Carl Dames in Hamburg ist sie ein Instagram-Hit. „Bei uns gibt es auch ganz banale Dinge zu kaufen“, kommentiert Inhaberin Britta Barthel das Foto. Die Kundschaft reagierte mit Herzchen und Smileys; jemand schrieb: „Das ist nicht banal!“ Auf Instagram kommuniziert Barthel mit ihren Stammkundinnen und -kunden. Dort gewinnt sie auch neue, vor allem jüngere Kundschaft, dort vernetzt sie sich mit anderen Läden im Viertel. Alle machen Werbung füreinander.

1917 gegründet, ist Carl Dames einer der traditionsreichsten Einzelhändler Hamburgs. Seit fast 30 Jahren führen Barthel und ihr Mann das kleine Fachgeschäft im Stadtteil Eppendorf. Sich verändern zu müssen, ist für sie nicht neu. Weil der Handel mit Bürobedarf längst nicht mehr die Ladenmiete deckt, nahmen die beiden früh Premium-Schreibwarenmarken ins Programm. Britta Barthel designt eine Kartenkollektion aus Büttenpapier und vertreibt sie auf einer Onlineplattform für kleine Fachhandelsgeschäfte. Einen eigenen Webshop aufzubauen, war ihr zu teuer. Dann entdeckte sie das Potenzial von Instagram. „Heute ist Insta unser wichtigster Marketingkanal“, sagt Barthel. „Das liegt vor allem an der Coronapandemie.“

Die Krise wirkt als Beschleuniger eines überfälligen Wandels. Wie die Barthels arbeiten auch andere im Einzelhandel daran, neue Verkaufskanäle aufzubauen und innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln. Damit stemmen sie sich nicht nur gegen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, denn der Einzelhandel steht seit Langem unter Veränderungsdruck. Ladensterben und verödende Innenstädte sind nicht neu.

Es begann mit dem Verschwinden der Tante-Emma-Läden Mitte der Siebzigerjahre. Damals war vor allem der Lebensmitteleinzelhandel betroffen; die Verbraucher wanderten zu den neuen und günstigen Supermärkten ab. Als die ihr Sortiment erweiterten, fielen die Umsätze der Fachgeschäfte. In den Achtzigerjahren entstanden Fachmärkte auf der grünen Wiese, später große Shoppingzentren. In den Innenstädten setzten Malls und Filialketten den herkömmlichen Einzelhandel zusätzlich unter Druck. Doch zum größten Konkurrenten ist der Onlinehandel geworden. Während die Umsätze bei Amazon & Co. stetig steigen, schrumpfen sie im stationären Handel.

„Selbst ohne die Pandemie gibt es kein Szenario, bei dem keine Betriebe verloren gehen.“

Kai Hudetz, Institut für Handelsforschung Köln

1917 gegründet, ist Carl Dames einer der traditionsreichsten Einzelhändler Hamburgs.

„Selbst ohne die Pandemie gibt es kein Szenario, bei dem keine Betriebe verloren gehen“, sagt Dr. Kai Hudetz, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung (IFH) in Köln. Einer aktuellen IFH-Analyse zufolge werden bis 2030 bis zu 64 000 Handelsbetriebe vom Markt verschwinden – die Effekte der Pandemie noch nicht eingerechnet. Doch Corona verschärfe die Situation, sagt Hudetz. „Die Krise wirkt wie ein Brandbeschleuniger.“ Vor allem der stationäre Einzelhandel ist eingebrochen. Tausende Händlerinnen und Händler stehen vor dem Aus, nur wenige können finanziell länger durchhalten.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) beziffert den Umsatzausfall durch staatlich verordnete Geschäftsschließungen auf 1,15 Milliarden Euro pro Tag. Die Bundesregierung hat ein 40-Milliarden-Hilfspaket für Kleinstunternehmen sowie Solo-Unternehmerinnen und -Unternehmer geschnürt, und viele Städte planen eigene Rettungsfonds. Dem HDE genügt das nicht. Er fordert 100 Millionen Euro, um den Händlerinnen und Händlern beim Digitalisieren ihrer Unternehmen zu helfen, dazu einen 500 Millionen Euro schweren Fonds zum Wiederbeleben der Innenstädte. Der Einzelhandel müsste sich für die Zukunft fit machen, heißt es, aber wegen des Lockdowns fehlt oft das Eigenkapital. Zugleich räumt der Verband ein: Manche Händlerinnen und Händler hätten Fehler gemacht und müssten jetzt ihre Hausaufgaben angehen.

Doch für viele Einzelhändlerinnen und -händler ist es dafür bereits zu spät. Die Innenstädte stecken längst in einem Teufelskreis. Schon wenn die ersten Geschäfte schließen, bleibt die Kundschaft aus. Das geschrumpfte Angebot wiederum schreckt weitere Kaufwillige ab, sie fahren zum Shoppen in eine andere Stadt, in Einkaufszentren am Stadtrand – oder sie kaufen direkt im Internet. In der Folge geben weitere Läden auf und die Gastronomie leidet mit. Ist ein gewisses Angebotsniveau unterschritten, fällt auch der letzte Anreiz zum Innenstadteinkauf weg. Übrig bleibt ein Mix aus Billigläden, Fast-Food-Ketten und Leerstand: die Shoppingwüste. Wo es diese Wüste bisher noch nicht gab, führt nun der Corona-Shutdown drastisch vor Augen, wie sie aussieht: Plakate für den Räumungsverkauf, leere Schaufenster, Schilder mit der Aufschrift „Nachmieter gesucht“ – viele Stadtzentren wirken wie ausgestorben.

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Schreibwarengeschäft Carl Dames in Hamburg: „Ob es auf Dauer einen Aufschwung für kleine Läden gibt, liegt allein an uns selbst.“

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