Gesellschaft

Wenn wir über Identitäten streiten, geht es um Erzählungen, die Gesellschaften zusammenhalten sollen. In Zeiten starken Wandels stehen sie unter Druck. Das Vehikel des Wandels ist die Sprache. Sie muss sich an der Wirklichkeit orientieren.

Text: Alexander Görlach Foto: Getty Images

Warum ist Identität für Menschen eigentlich so wichtig? Der Historiker Yuval Noah Harari beschreibt den Grund dafür in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“: Wann immer Menschen sich zusammentun und gemeinsam etwas angehen wollen, brauchen sie nach Harari eine Erzählung, welche die neu entstandene Gruppe zusammenhält. Alle Gruppen brauchen solche Erzählungen, in der Sozialwissenschaft Narrative genannt. Allein der Familienverbund ist schon seine eigene Erzählung.

Diese Narrative haben, so erklärt Harari, zwei Stoßrichtungen: Sie liefern Mythos und Klatsch. Eine Erzählung gibt der Gruppe Antworten auf die Fragen nach dem Woher und dem Wohin, dem Sinn und Zweck der Gemeinschaft. Diese Aufgaben erfüllen heute die Religionen. Eine Gruppe von Menschen, die zusammenhalten sollen, ohne dass sie einander wirklich kennen, braucht aber auch Geschichten mit all ihren Verkürzungen und Verknappungen, die Mitmenschen fassbar und begreiflich machen. Deshalb gibt es kein Land unter der Sonne, in dem nicht eine eigens dafür geschaffene Boulevardpresse die privaten Angelegenheiten von Stars und Sternchen auswalzt. Mythos und Klatsch bilden die Identität einer Gruppe aus. Diese ist häufig exklusiv, das heißt, sie grenzt sich scharf von der Identität anderer Gruppen ab und stellt sich als die bessere und überlegene dar.

Nur wer das versteht, kann die aktuelle Debatte über Identitäten gut einordnen. In den vergangenen Jahren sind überall auf dem Globus Parteien, Autokraten und Bewegungen aus dem Boden geschossen, welche die Idee einer eigenen überlegenen Identität politisch ausnutzen. So werden im Indien Narendra Modis 200 Millionen Musliminnen und Muslime drangsaliert, weil angeblich nur ein Hindu ein „echter Inder“ ist. Nebenan in der autokratisch geführten Volksrepublik China sind ethnische und religiöse Minderheiten der Verfolgung ausgesetzt. Mit Blick auf Xinjiang sprechen Beobachterinnen und Beobachter bereits von einem Genozid an der Minderheit der Uigurinnen und Uiguren, verübt von der chinesischen Führung unter Xi Jinping, um die Erzählung einer starken Han-Nation mit 5000 Jahren Geschichte erzählen zu können. Geschichten von eigener Erwähltheit und Unterlegenheit der anderen finden sich überall auf der Welt. Diese Narrative sind von Ressentiments getrieben, der Ersatzhandlung für konstruktive Politik. Die ist unmöglich, wenn man den ganzen Tag mit Hassen beschäftigt ist.

Identitätspolitische Giftpfeile

In seinem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine“, „Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft?“, warnte der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse vor identitäts­politischen Grabenkämpfen in Debatten um Rassismus, Postkolonialismus und Gender. Diese hätten angesichts der immer stärker werdenden Radikalisierung von Diskursen das Potenzial, Menschen mit unliebsamen Meinungen auszuschließen und den Gemeinsinn zu zerstören. Thierse sprach sich für einen offenen Diskurs und gegen Denkverbote aus; statt auf abgrenzenden Identitäten zu beharren, sollten grundlegende Gemeinsamkeiten identifiziert werden.

Die aufgeworfene Frage, wie viel Identitätspolitik die Plura­lität einer Gesellschaft stärkt und wann sie in Spaltung umschlägt, löste eine emotional geführte Grundsatzdebatte über linke Identitätspolitik aus. In jene Grabenkämpfe, die Thierse kritisiert hatte, geriet er selbst: Empörung löste die notwendige rationale Argumentation rund um das kontroverse Thema ab. So bleibt die Problematik unbeantwortet – und einmal mehr steht die Frage im Raum: Führt die Kultur des „Entweder-oder“ tatsächlich zu einer schleichenden Aushöhlung der Meinungsfreiheit und letztendlich der liberalen Demokratie?

„Vertreter ressentimentgeladener Narrative halten jede Veränderung für einen Angriff auf ihre Identität.“

Glücklicherweise gibt es auch Narrative der Empathie, der Inklusion, der Freundschaft. Sie betonen die Gemeinsamkeiten von Menschen und werben auf der Grundlage eines allen gemeinsamen menschlichen Bandes für Zusammenarbeit. Dringende Zukunftsthemen, die der Kooperation bedürfen und nicht an Länder- und Narrativ-Grenzen halt machen, gibt es genügend, zum Beispiel den Schutz der Natur und das Abwenden der Klimakatastrophe. Gerade die freiheitlich-demokratische Ordnung ruht auf Narrativen von Empathie und Freundschaft. Der römische Staatsmann Cicero formulierte bereits im ersten Jahrhundert eine Theorie des Kosmopolitismus und forderte ein Folterverbot. Erst vor wenigen Jahrzehnten war es so weit. Die Antifolterkonvention der Vereinten Nationen stammt aus dem Jahr 1984.

Die Identität von Gemeinwesen wird in Zeiten des Wandels besonders herausgefordert. Das gegenwärtige Wiederaufkommen exklusiver, ressentimentgeladener, nationalistisch und religiös-chauvinistischer Narrative hat darin seinen Grund, ebenso wie umgekehrt die Renaissance gemeinschaftlicher, inklusiver und emphatischer Narrative. Wandel ist für die einen Teufelszeug, für die anderen Chance. Das Vehikel jeden Wandels in einer Gesellschaft ist die Sprache. Beide Lager nutzen in Konflikten das Instrument der Sprache. Sprache, Denken und Bewusstsein stehen zueinander im Bezug. Wer Wandel wünscht, muss diese drei berühren. Den Anfang macht man dabei immer über die Sprache, denn sie und ihr Gebrauch sind letztlich das Bindeglied zwischen äußerer und innerer Welt.

Vertreter ressentimentgeladener Narrative halten jede Veränderung für einen Angriff auf die eigene Identität. Aus ihren Reihen kommt häufig das viel bemühte „man wird doch noch sagen dürfen“. Doch die Welt dreht sich nun einmal weiter. Imperialismus und Kolonialismus gehören im Westen der Vergangenheit an, ebenso wie, zumindest formal, die Benachteiligung der Frau, die Herabwürdigung von Menschen anderer Hautfarbe, Religion oder sexueller Orientierung. Diese neue rechtliche Wirklichkeit darf sich nicht nur in den Taten, sondern auch in der Sprache der Menschen spiegeln. Das „N“-Wort, mit dem Menschen schwarzer Hautfarbe in den Vereinigten Staaten geschmäht wurden, gehört daher genauso wie das deutsche Wort „Mohr“ heute nicht mehr ins Vokabular. Spätestens seit den Arbeiten des Philosophen Michel Foucault wissen wir, dass Sprachnutzung zugleich Herrschaftsausdruck ist. Es ist daher alles andere als unerheblich, ob man Frauen und Männer gleichermaßen anspricht. Wobei die sprachliche Inklusion an der einen oder anderen Stelle sperrig oder fremd wirken mag, weil man früher in Kirche und Staat großzügig die Schwestern und Bürgerinnen mit zu meinen vorgab, wenn man Brüder und Bürger sagte.

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Wenn schon nicht zu weit, kann Inklusion jedoch auch zu schnell gehen. Sprachwandel muss plausibel sein oder plausibel gemacht werden. Direkte Sprachlenkung gehört nicht in den Instrumentenkasten eines demokratischen Gemeinwesens. Es wird zu Recht als unzeitgemäß empfunden, dass es in Frankreich in der Académie française gleichsam eine Behörde gibt, die über Nutzung und Verbreitung des Französischen wacht. Doch auch die Zivilgesellschaft muss sich vor dogmatischen Setzungen hüten. Wenn man den Wandel nicht mit der Faust in der Tasche vollzogen sehen will, muss man bereit sein, Neuerungen zu erklären und ihre Überprüfung zu ermöglichen.

Geschieht das nicht, kommt es wie in den USA: Dort gaben 2018 in einer Untersuchung 80 Prozent der Befragten an, sie empfänden politisch korrektes Sprechen als übergriffig und „too much“. Über die Parteigrenzen von Republikanern und Demokraten hinweg herrschte in diesem Punkt (seltene) Einigkeit. Die Begründung indes war in ihrer Unterschiedlichkeit interessant: Konservative sahen im Sprachwandel einen Angriff auf ihre Identität. Liberale hingegen nervte es, dass sie beim Aufwachen nicht wussten, welcher Begriff über Nacht in die Welt gesetzt worden war, für dessen Nicht-Verwendung sie sich in ihrer Gruppe eine Rüge einfangen würden.

Wie können Gesellschaften aus diesem Konflikt herausfinden? Dazu sind zwei Schritte erforderlich. Den ersten Schritt tut jede Gruppe für sich. Den zweiten Schritt tun sie dann gemeinsam und, hoffentlich, aufeinander zu: Der auf Inklusion dringenden, „inklusiven“ Seite muss bewusst werden, dass Sprachwandel nicht in Sprachlenkung abirren darf. Die Dinge mögen sich wandeln, aber man darf sie nicht erzwingen. Der auf Abgrenzung ausgerichteten, „exklusiven“ Gruppe wiederum muss dämmern, dass nichts immer schon so war, wie es heute ist. Jeder Ist-Zustand ist das Konglomerat, die Aneignung oder Überwindung von Vergangenem und anderem. Die deutsche Sprache enthält Fremd- und Lehnwörter aus dem Englischen, dem Französischen, dem Italienischen, und natürlich aus dem Lateinischen und dem (Alt-)Griechischen. Und es ist schon immer gut gegangen.

„Konstruktive Politik ist unmöglich, wenn man den ganzen Tag mit Hassen beschäftigt ist.“

Der zweite Schritt ist die Vermittlung zwischen den beiden Gruppen. Auch hier sind Sprache und Sprachverwendung der Schlüssel. In dem polarisierten Zustand, in dem sich viele Gesellschaften heute befinden, zwischen einem „das wird man doch noch sagen dürfen“ und dem „das kann man so nicht mehr sagen“, gilt es, sich darauf zu besinnen, dass nicht Sprachwächterinnen und Sprachwächter entscheiden, was gesagt werden darf, sondern die Wirklichkeit. Und nicht jede Meinung ist gleich viel wert, nur weil jede Person das Recht auf Identitäten hat.

(Sprach-)Konflikte können in Gesellschaften nur ausgetragen werden, wenn Einigkeit über die Faktenlage besteht. Über deren Auslegung oder Konsequenz lässt sich dann streiten. Man mag also früher einmal gesagt haben: „Kolumbus hat Amerika entdeckt.“ Aber hat der amerikanische Kontinent darauf gewartet, dass ein Europäer ihn erstmals erblickt und ihm damit Leben einhaucht? Existiert Amerika nur, weil Kolumbus es erreicht hat? Nein. Warum sollte man also nicht sagen: „Kolumbus erreichte mit seinen Schiffen im Jahr 1492 den amerikanischen Kontinent.“? Das ist kein Einknicken vor dem Zeitgeist oder der politischen Korrektheit, sondern schlicht genauer. Diese Formulierung liegt näher an der Wirklichkeit, die Sprache beschreiben soll.

Wir werden nie ohne Narrative auskommen, die unsere Identität prägen und begleiten. Wir werden nie ohne (sprachlichen) Wandel auskommen. Er ist der Motor jeder Entwicklung. Wo man einander in diesem Prozess konstruktiv begegnen will, müssen sich Menschen die Mühe machen, zu hören, was sie sagen, und sich selbst zu fragen, ob das Gesagte wirklich das ist, was sie ausdrücken wollen.

Alexander Görlach ist Senior Fellow am Carnegie Council for Ethics in International Affairs. Zuletzt erschienen von ihm die Bücher „Homo Empathicus – Von Sündenböcken, Populisten und der Rettung der Demokratie“ (Herder, 2019) und „Brennpunkt Hongkong – warum sich in China die Zukunft der freien Welt entscheidet“ (Hoffmann und Campe, 2020). 2019 war er Freedom Fellow der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.