DEMOGRAFIE

Fachkräftige Konkurrenz

Vorbei sind die Zeiten, in denen wir unseren Fachkräftebedarf bequem aus Süd- und Osteuropa decken konnten. Der internationale Wettbewerb um Mitarbeitende dürfte bald schärfer werden. Nicht nur Deutschland braucht gute Ideen, um Migrantinnen und Migranten aus Nicht-EU-Ländern anzulocken.

TEXT: MARGARET HECKEL

DEMOGRAFIE

Fachkräftige
Konkurrenz

Vorbei sind die Zeiten, in denen wir unseren Fachkräftebedarf bequem aus Süd- und Osteuropa decken konnten. Der internationale Wettbewerb um Mitarbeitende dürfte bald schärfer werden. Nicht nur Deutschland braucht gute Ideen, um Migrantinnen und Migranten aus Nicht-EU-Ländern anzulocken.

TEXT: MARGARET HECKEL

Schweine können nicht geschlachtet werden, weil Schlachter fehlen. Tankstellen sind geschlossen, weil es zu wenig Tanklastfahrer gibt. In Supermärkten bleiben die Regale leer, weil niemand die Waren einräumt: Nirgendwo in Europa ist der Fachkräftemangel derzeit so sichtbar wie in Großbritannien. Die Lage dort ist zwar noch hauptsächlich vom Brexit und von der Ausgrenzung ost- und südeuropäischer Zuwanderer verursacht, aber sie lässt trotzdem schon erahnen, welche Verwerfungen auch auf den europäischen Arbeitsmärkten in den kommenden Jahren bevorstehen.

Am deutlichsten wird Deutschland betroffen sein – nicht nur als das wirtschaftlich stärkste Land in Europa. Vielmehr altert die Bevölkerung in Deutschland auch schneller als in anderen Staaten. Ursache dafür sind sowohl eine weiterhin niedrige Geburtenquote als auch die falschen Anreize, die von der Renten- und Familienpolitik für rüstige Ältere und gut qualifizierte Frauen ausgehen. Und in Deutschland zeigt sich wie im Brennglas die immer noch fehlende europäische Migrationsstrategie. Detlef Scheele, der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, warnte im Sommer 2021 klar und drastisch: „Wir brauchen 400 000 Zuwanderer pro Jahr. Also deutlich mehr als in den vergangenen Jahren.“

Warnungen vor einem demografisch bedingten Fachkräftemangel gibt es schon seit den frühen 2000er-Jahren. Und doch haben Europa und vor allem Deutschland gerade im vergangenen Jahrzehnt eine spektakuläre wirtschaftliche Entwicklung erlebt, die auch auf der deutlichen Ausweitung des Arbeitskräfteangebots basierte. Wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einer Ende November 2021 erschienenen Studie berichtet, steckt dahinter eine Sonderentwicklung. Deren zentrale Aspekte sind „hohe Zuzüge aus dem Ausland und eine zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren“. Die Menschen aus Ost- und Südosteuropa haben fundamental am europäischen Wirtschaftsaufschwung des vergangenen Jahrzehnts mitgearbeitet. Der viel geschmähte „polnische Fliesenleger“ hat also niemandem die Arbeit weggenommen, sondern im Gegenteil mit die Grundlage für deutliches Wachstum gelegt.

Deutschland wird am deutlichsten vom Fachkräftemangel betroffen sein, weil die Bevölkerung schneller altert als in Nachbarstaaten.

Deutschland wird am deutlichsten vom Fachkräftemangel betroffen sein, weil die Bevölkerung schneller altert als in Nachbarstaaten.

Nordeuropa hat bessere Strategien

Seit 2015 sinken die Zuzüge aus dem EU-Ausland allerdings, und die Fortzüge aus Deutschland steigen. Den wichtigsten Grund für diese Entwicklung sehen die IAB-Forschenden in der Demografie: In den Hauptherkunftsländern der EU-Migranten – Polen und Rumänien, aber auch Italien und Spanien – altert die Bevölkerung ähnlich schnell wie in Deutschland, und die Arbeitslosigkeit sinkt. Ins Ausland abzuwandern, um eine neue Stelle zu finden, ist kaum noch notwendig. Dementsprechend könnte sich die Nettozuwanderung aus der EU nach Deutschland in den kommenden Jahren allein aus demografischen Gründen von jährlich 100 000 auf 50 000 Personen halbieren. „Ökonomische Faktoren wie Löhne und die Arbeitsmarktlage in der EU könnten diesen Trend zwar abschwächen und auch verstärken, aber kaum völlig aufhalten“, heißt es in der IAB-Studie.

Im europäischen Kontext ergibt sich daraus ein für Deutschland schwieriges Paradox: Die EU und vor allem die EU-Finanzen profitieren, wenn die Länder in Süd- und Osteuropa ihre Volkswirtschaften in Ordnung bringen. Das ist auch im deutschen Interesse. Gleichzeitig aber kommen deutlich weniger Arbeitskräfte nach Deutschland. In manchen Nachbarstaaten dürfte die Entwicklung weniger drastisch ausfallen. So ist in Frankreich die demografische Lage entspannter. Und Nordeuropa hat schon länger Strategien der Anpassung an den Fachkräftemangel entwickelt, vor allem durch Aktivierung von Älteren und Frauen.

In diesen beiden Bevölkerungsgruppen hat sich zwar durchaus auch in Deutschland einiges getan: Der Anteil der über 60- bis 64-Jährigen, die noch arbeiten, ist seit 2009 von 39 auf 62 Prozent gestiegen. Wer noch älter ist, arbeitet zunehmend Teilzeit. Das IAB rechnet damit, dass sich dieser Trend in den kommenden Jahren verstärkt. Ursache sind die geänderten Rentengesetze, darunter das 2006 beschlossene Renteneintrittsalter von 67 Jahren. Aber Nordeuropa nutzt die längeren Lebensarbeitszeiten und den flexibleren Renteneintritt besser: Mit Ab- und Zuschlägen bei der Rente können alle bald selbst bestimmen, wann für sie der Ruhestand beginnt. Besser aufgestellt ist man dort in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Erwerbsquote von Frauen liegt dadurch deutlich höher als in Deutschland.

Großbritannien hat die Bestimmungen für die Einreise gesuchter Fachkräfte gelockert. Die Bewerbungen aus Indien, Hongkong, Nigeria und Pakistan stiegen sofort an.

Großbritannien hat die Bestimmungen für die Einreise gesuchter Fachkräfte gelockert. Die Bewerbungen aus Indien, Hongkong, Nigeria und Pakistan stiegen sofort an.

Blaue EU-Karte bietet wenig Anreiz

Die neue deutsche Ampel-Regierung setzt in ihrem Koalitionsvertrag nun zudem auf außereuropäische Fachkräfte und eine bessere berufliche Integration von Geflüchteten, die sich schon im Land befinden. Ob sich damit dauerhaft die jährlich notwendigen 400 000 Nettozuwanderer sichern lassen, ist allerdings fraglich: Über die sogenannte Blaue Karte, mit der die Europäische Union seit 2009 internationale Fachkräfte anlocken will, kamen bislang gerade einmal insgesamt 37 000 Männer und Frauen nach Europa.

Es ist gut möglich, dass sich der Wettbewerb um Fachkräfte deshalb in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auf Afrika und Asien verlagern wird. Das Europäische Parlament hat soeben den Zuzug von dort über die Blaue Karte erleichtert. Allerdings waren die Briten hier deutlich schneller: Schon im Juli 2020 hat Premierminister Boris Johnson allen drei Millionen Hongkong-Chinesen die britische Staatsbürgerschaft angeboten. Und zeitgleich mit den Visaverschärfungen für EU-Bürger hat das Vereinigte Königreich die Einreisebestimmungen für gesuchte Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten gelockert. Sofort zogen die Bewerbungen aus Ländern wie Indien, Hongkong, Nigeria und Pakistan an. 

Die deutsche Politik wird hier ihren Weg finden müssen, wobei sie innenpolitisch von latenter Ausländerfeindlichkeit und zweistelligen AfD-Wahlergebnissen in manchen Regionen eingeengt ist. Zum Glück hat sich das noch nicht allzu weit herumgesprochen: Immerhin drei Viertel der mit einer Blauen Karte Zugewanderten haben sich für Deutschland entschieden. Das ist ein kleiner Lichtblick.

Margaret Heckel ist freie Journalistin, Moderatorin und Buchautorin. Seit 2009 arbeitet sie zum Thema demografischer Wandel und hält bundesweit Workshops und Vorträge zu diesem Thema. Sie lebt in Potsdam.

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