GESELLSCHAFT SPEZIAL

Eine Investment-formel, mit der man nicht verlieren kann

Die Unternehmerin und Diversity-Expertin Tijen Onaran macht sich auch als Business-Angel für mehr Gleichbereitung und Teilhabe stark. Reden wir mit ihr also über Geld, Aufstiegsversprechen und welche Unternehmerinnen sie beeindrucken.

TEXT: SEBASTIAN HIMSTEDT

GESELLSCHAFT SPEZIAL

Eine Investment-formel, mit der man nicht verlieren kann

Die Unternehmerin und Diversity-Expertin Tijen Onaran macht sich auch als Business-Angel für mehr Gleichbereitung und Teilhabe stark. Reden wir mit ihr also über Geld, Aufstiegsversprechen und welche Unternehmerinnen sie beeindrucken.

TEXT: SEBASTIAN HIMSTEDT

Frau Onaran, die Wohlstandsformel in der alten Bundesrepublik war noch recht einfach: Arbeiten, Bausparen, Hauskauf. Funktioniert das berühmte „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ nicht mehr?

Ich kann diese Frage mit einer persönlichen Geschichte beantworten. Vor ein paar Wochen schrieb mir meine Mutter, dass sie kürzlich bei unserer Bank war. Die Bankangestellte hatte sie darauf hingewiesen, dass es noch ein altes Konto gibt, das meine Eltern einmal für mich angelegt haben. Wir gingen also beide ganz aufgeregt zur Sparkasse in Karlsruhe. Das Ergebnis: Es waren noch ganze fünf Euro und fünf Cent auf dem Konto.

Das ist eine sehr überschaubare Summe. 

Ich habe diese Anekdote dann auf meinem Instagram-Kanal gepostet. Und in ganz vielen Nachrichten wurden mir ähnliche Erfahrungen geschildert. In den Zuschriften ging es vielleicht um zehn Euro oder elf. Was ich damit sagen will: Meine Eltern haben schon früh versucht, mich an Geld und Banking heranzuführen. Aber es fehlte einfach das Verständnis dafür, wie man richtig investiert.

Sie kommen aus eher weniger betuchten Verhältnissen. Da waren andere Dinge relevanter.

Absolut. Es ging bei uns zu Hause auch nicht darum, wie man Geld vermehren kann, sondern wie man mit wenig Geld umgeht. Und da geht es los: Genauso wie ich sage, dass Emanzipation im Haushalt beginnt, beginnt Finanzwissen im Haushalt. Wenn man über etwas nicht spricht, kann man es nicht verändern. 

Woher kommt das? Ist das in Deutschland immer noch ein schwieriges Thema?

Ja, Geld ist weiterhin tabubehaftet. Über Geld spricht man eben nicht. Das sollte man aber auf jeden Fall tun und man sollte sehr viel über Geld mit Verbündeten sprechen. Wir haben jedoch leider weder eine Transparenzkultur in puncto Finanzen noch eine Bildungskultur dahingehend.

Verstärkt fehlendes Finanzwissen in Familien und Schulen ungleiche Startchancen, gerade weil der Faktor Zeit bei Investments sehr wichtig ist?

In diesem Bereich schlagen sich Privilegien aus dem Elternhaus doppelt negativ nieder. Irgendwann ist man im Job umgeben von Menschen, die einen anderen Startpunkt hatten, wo sich auf dem Sparbuch aus der Jugend nicht nur etwas mehr als fünf Euro befinden, sondern vielleicht 50.000 Euro. Da entwickelt sich dann ein Schamgefühl. Diese Intransparenz wirkt sich beispielsweise auf die Forderung nach Gehältern aus. Man weiß nicht, was man verlangen kann. Das ist dann irgendwann ein Teufelskreis, Stichwort Gender Pay Gap.

Das Bild des Investors ist ja nicht das beste. Man denke nur an die ikonisch gewordene Figur des Leonardo di Caprio in „The Wolf of Wall Street“.

Ja, in der Tat. Man denkt an dicke Krawatten und Nadelsteifen. Aber die Investorenschaft demokratisiert sich langsam, auch durch den digitalen Wandel. Insbesondere der Wille nach finanzieller Unabhängigkeit wird gerade bei Frauen immer stärker. Und je mehr Menschen am Finanzmarkt unterwegs sind, desto mehr wird sich auch das Bild von Investoren verändern.

Durch Ihre Auswahl an Investments wollen Sie dazu beitragen, den Finanzmarkt selbst zu verändern. Sie wählen sehr genau nach Diversitätskriterien aus. Hätten PayPal oder Facebook bei Ihnen eine Chance gehabt?

Wahrscheinlich wären die rausgefallen. Ein Grundsatz bei mir lautet: Ohne Diversität kein Geld. Aber man gibt ja als Business-Angel nicht nur Geld, sondern auch Wissen und Sichtbarkeit weiter. Man nimmt dadurch Einfluss und kann Überzeugungsarbeit leisten, dass Diversität auch ein Erfolgsfaktor für Unternehmen ist. 

Tijen Onaran ist eine deutsche Unternehmerin, Moderatorin und Autorin, die sich international für Digitalisierung und die Sichtbarkeit von Frauen in der Wirtschaft engagiert. Sie ist CEO des Beratungs- und Netzwerkunternehmens Global Digital Women.

Tijen Onaran ist eine deutsche Unternehmerin, Moderatorin und Autorin, die sich international für Digitalisierung und die Sichtbarkeit von Frauen in der Wirtschaft engagiert. Sie ist CEO des Beratungs- und Netzwerkunternehmens Global Digital Women.

Könnte man so weit gehen, dass Ihre Strategie nicht nur auf Rendite angelegt ist?

Ich engagiere mich immer mittel- bis langfristig. Als Geschäftsfrau muss ich bei meinen Investments in Gründerinnen auch Geld verdienen. Aber für mich kommen dann noch Dinge über die Rendite hinaus dazu: Es ist ein Investment in eine bunte und nachhaltige Zukunft. Und diese Zukunft ist nicht Facebook und Paypal.

Sie wollen mit Ihren Investments also nicht nur Rendite erzielen, sondern die Welt verändern?

Ich glaube an eine nachhaltigere Wirtschaft und möchte mit meinen Investments einen Impact erzielen. Danach suche ich mir meine Spielfelder aus und unterstütze in meiner Beratungstätigkeit Unternehmen im Wandel. 

Und in diesem Wandel spielen Frau eine wichtige Rolle.

Auf jeden Fall. Denn: Diverse Teams und Unternehmen haben langfristig mehr Erfolg. Dieser Zusammenhang muss in Herz und Hirn ankommen. Ich unterstütze vor allem Gründerinnen mit einem hohen Maß an Frustrationstoleranz und anderen Soft Skills wie Empathie, Resilienz und langfristiger Orientierung. Dahingehend berate ich auch CEOs in meiner anderen Tätigkeit, v.a. ausgewogene Teams zu rekrutieren. Rendite und Diversität bedingen sich positiv und stehen nicht im Widerspruch. 

Sie haben kürzlich - zusammen mit Carolin Kebekus und anderen prominenten Frauen - sehr aktiv für das Startup Nevernot geworben, das neuartige Damenhygieneprodukte herstellt. Investitionen in Startups sind aber hochspekulativ. Muss man all-in gehen, um etwas zu erreichen?

Ja, muss man. Aber man muss natürlich diversifizieren und sein Engagement mittel- und langfristig sehen. Aber dazu kommt noch etwas Anderes: Selbst, wenn ein Unternehmen scheitert, lerne ich etwas von jeder Gründerin, erweitere mein Netzwerk und kann durch mein Geld diese Frauen unterstützen, damit sie vielleicht beim nächsten Mal durch die Decke gehen.

Kürzlich haben Sie auch einen neuen Podcast mit dem Namen „Aufsteiger:innen“ gestartet.

Gutes Unternehmertum zeichnet sich dadurch aus, vor seiner Zeit zu sein und den Markt zu bereiten. Unternehmerinnen, die das erkennen, unterstütze ich mit meinem Engagement. Der Podcast soll solche Storys zeigen und aufzeigen, dass Leistung nicht etwas Böses ist, sondern etwas Schönes. Und ich möchte zeigen, dass es etwas Wunderbares ist, etwas mit den eigenen Händen aufzubauen. Solche Gründerinnen unterstütze ich und gebe ihnen eine Bühne.

Die Onaransche Investmentformel lautet also Rendite plus Impact plus Persönlichkeit. Noch etwas vergessen?

Ich muss überzeugt sein, dass dieser Bereich Wachstumschancen bietet und ich helfen kann. Mein Portfolio ist dabei extrem divers: Intime Wellness, Babynahrung, Software für inklusive Sprache oder alkoholfreien Gin.

Und die Rendite kommt auf zwei Wegen: Wenn ein Startup Gewinne abwirft und wenn man einen Impact erzielt wird, wie Sie sagen. 

Das Geld muss arbeiten und was Gutes tun. Verantwortung ist elementarer Bestandteil des politischen und wirtschaftlichen Handelns. Das steht nicht im Widerspruch zu Geld oder Erfolg. Der Impact gibt zusätzlichen Mehrwert. Und der Impact kommt durch Gleichberechtigung und Diversity.

Sebastian Himstedt ist 1981 in Forst/Lausitz geboren und in Cottbus aufgewachsen. Er studierte Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin und in Tallinn (Estland). Journalistisch arbeitete er für den WDR und die ARD.

Sebastian Himstedt ist 1981 in Forst/Lausitz geboren und in Cottbus aufgewachsen. Er studierte Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin und in Tallinn (Estland). Journalistisch arbeitete er für den WDR und die ARD.

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