Barbara Honigmann „Unverschämt jüdisch“, Carl Hanser Verlag (2021), 156 Seiten, 20 Euro

REZENSION

So hell, so klar

In ihrer Essay-Sammlung „Unverschämt jüdisch“ gewährt Barbara Honigmanneinen Einblick ins Jüdischsein, der Nichtjuden ansonsten verwehrt bleibt: wissend, weise und witzig.

TEXT: JO BERLIEN

REZENSION

So hell, so klar

In ihrer Essay-Sammlung „Unverschämt jüdisch“ gewährt Barbara Honigmanneinen Einblick ins Jüdischsein, der Nichtjuden ansonsten verwehrt bleibt: wissend, weise und witzig.

Barbara Honigmann „Unverschämt jüdisch“, Carl Hanser Verlag (2021), 156 Seiten, 20 Euro

Gäbe es nur einen echten intellektuellen Austausch über jüdisches Leben in Deutschland! Dann säße Barbara Honigmann in Talkshows, bekäme TV-Features angeboten, vielleicht sogar eine eigene Sendung, zumindest aber eine Kolumne. Sie ist eine der wichtigsten Stimmen ihrer Generation – sie ist Jahrgang 1949 – und der nachfolgenden Generationen im deutschsprachigen Raum. Sie schreibt klar, wissend, weise und witzig über ein Thema, das sie schon ihr ganzes Leben lang studiert und erforscht: Sie schreibt übers Jüdischsein und über nichts sonst. Plots, Personen, Orte wechseln, das Sujet bleibt. Wer die schon seit bald 40 Jahren im Elsass lebende Schriftstellerin von ihren Romanen her kennt, erlebt sie in dem neuen Sammelband „Unverschämt jüdisch“ nunmehr als scharfsinnige Denkerin und Kritikerin. Hier und da lüftet sie den Schleier und gewährt einen Einblick ins Jüdischsein – in eine Welt, die verloren gegangen ist und durch Debatten kaum wieder aufleben wird.

Das Buch versammelt Honigmanns Preisreden und Essays über Franz Kafka und Marcel Proust, Max Frisch, Ricarda Huch und andere. Die Autorin kann schwärmen wie ein Teenager, beispielsweise für Frisch, dessen Souveränität und Immunität gegenüber Ideologien. Als sie mit dem Langgässer-Preis ausgezeichnet werden soll, nimmt sie die Schriftstellerin und Namenspatronin Elisabeth Langgässer kühl abwägend auseinander, weil diese opportunistisch zum Christentum konvertiert ist und der Nazi-Ideologie nicht widerstanden hat. Man erfährt dadurch auch viel über Honigmann selbst: Niemals würde sie sich einfangen lassen und als Sprecherin für eine Ideologie des Unrechts dienen. Nicht sie, die im Alter von 35 Jahren die DDR verließ, froh, all dem, was da war, entronnen zu sein.

Der Band „Unverschämt jüdisch“ lässt in seinen unterschiedlichen Vignetten auf 150 Seiten eine Welt erstehen, die fremd und gerade darum reizvoll erscheint. Barbara Honigmann nimmt die Leserinnen und Leser bei deren Erkundung an die Hand. Sie kann eine strenge Begleiterin sein, zumal sie sich als vielleicht „letztes Kind der Aufklärung“ sieht. Sie verspüre jedenfalls „keine Neigung zum Mythischen und am Judentum zieht mich seine helle, die Tagesseite an und nicht die mystische, kabbalistische, von der so viele Nichtjuden merkwürdigerweise glauben, sie repräsentiere das Jüdische in besonderer Weise. Das Gegenteil ist der Fall.“

Barbara Honigmann kann schwärmen wie ein Teenager. Und niemals würde sie sich einfangen lassen als Sprecherin für eine Ideologie des Unrechts.

Barbara Honigmann kann schwärmen wie ein Teenager. Und niemals würde sie sich einfangen lassen als Sprecherin für eine Ideologie des Unrechts.

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