„Das Problem war nicht der Einzelne“

Die Kommunalpolitikerin Anita Maaß ist seit 2005 Bürgermeisterin von Lommatzsch. Im Interview erklärt sie, warum ihre Biografie den eigenen Politikstil prägt. Damit ist sie politisch erfolgreich in einer sächsischen Kommune mit 4.879 Einwohnern.

Interview geführt von Anders Mertzlufft

Illustration von Niels Schröder

Frau Maaß, was sind denn Ihre Erinnerungen an den Mauerfall?

Den Herbst 1989 habe ich sehr intensiv erlebt. Als 13-Jährige bekommt man das eine oder andere schon mit, nicht nur die Demonstrationen. Das hat zu Fragen und Diskussionen mit meinen Eltern geführt. Mein Vater – er war in der Partei – sagte immer: Wir wissen um die Probleme, aber ich bin hier, um es besser zu machen. Anfangs wollten viele Leute einen solchen dritten Weg. Das ist schnell umgeschlagen, am Ende stand der komplette Systemwechsel.


Kam der Beitritt zu schnell?

Das ist immer die Frage. Aus der Rückschau ist man ja immer schlauer. Wir haben damals spaßeshalber gesagt, so wie die Staatschefs aussehen, so ist auch die Wiedervereinigung gelaufen. Kohl und de Maizière, stellen Sie sich die beiden einmal vor. Das eigentliche Schlüsselerlebnis für mich kam 1992. Da war die Arbeitsgerichtsverhandlung meines Vaters. Ich war in der neunten Klasse, als pauschal mit der Arbeit meines Vaters abgerechnet wurde. Er war Leiter eines Forschungsinstitutes, das Umweltforschungen durchführte. Das unterlag der Geheimhaltung. Fast alle hatten zwangsläufig mit der Stasi zu tun, denn sie ging dort ein und aus. Nach der Wende hat mein Vater die ganze Institution in das Landesamt für Umwelt und Geologie eingegliedert. Einige Mitarbeiter sind bis heute hochgeachtet, auch aufgrund ihrer Forschungsleistung. Meinem Vater wurde wegen Staatsnähe gekündigt. Diese Gerichtsverhandlung glich einem Basar. Es war eine Massenverhandlung. Mein Vater war der Direktor und dann gab es andere, die waren Parteisekretäre. Und noch andere waren im Kulturbund … Die Richter verstanden die ganzen Zusammenhänge nicht. Das Problem war nicht der Einzelne, sondern dass so unglaublich viele Bürger in der DDR organisiert waren. Aber das war eben die DDR.


Wie haben Sie diese Verhandlung empfunden?

Als ungerecht. Ich habe mir damals geschworen, Geschichte zu studieren. Es muss ja irgendwo eine objektive Wahrheit geben. Ich hatte parallel noch den Austausch unserer Geschichtsbücher erlebt. Wir hatten ja die DDR-Bücher, dann kamen die Bücher aus dem Verlag Cornelsen. Da stand das Gegenteil von dem drin, was wir vorher hatten. Ich dachte: Das kann nicht sein. Dazwischen muss irgendwo die Wahrheit liegen.


In meinem Erdkundebuch war die DDR auf der Karte grau …

Da haben wir uns ja nichts genommen: In meinem Geografiebuch waren die osteuropäischen Länder alle mit bunten Bildern dargestellt und die westeuropäischen Länder alle in Schwarz-Weiß. Und Paris sah so furchtbar aus.


Wie war das dann später an der gesamtdeutschen Universität, an der Sie gearbeitet haben, an der TU Dresden?

Das war auch schwierig. Wir hatten ausgewiesene Experten in der sächsischen Landesgeschichte. Die hatten alle keine Chance. Wer Glück hatte, konnte noch seine wissenschaftliche Assistenzstelle zu Ende wahrnehmen. Die Professorenstellen haben dann andere bekommen.

„Das Problem war nicht der Einzelne, sondern dass so unglaublich viele Bürger in der DDR organisiert waren. Aber das war eben die DDR.“

Anita Maaß ist seit 2005 hauptamtliche Bürgermeisterin der sächsischen Stadt Lommatzsch. Bei ihrem Amtsantritt war sie die jüngste Bürgermeisterin einer Stadt im Freistaat Sachsen. Seither wurde sie zwei Mal im Amt bestätigt. Seit 2013 ist Maaß Mitglied im Kuratorium der Friedrich-Naumann-Stiftung.

Seit 2005 sind Sie Bürgermeisterin der Stadt Lommatzsch. Was sind Ihre Erkenntnisse? Steht die Sachpolitik in den neuen Ländern stärker im Vordergrund?

Das hängt von der Größe der Kommunen ab. Die Probleme kreisfreier Städte wie Düsseldorf und Dresden dürften vergleichbar sein. Diese Städte haben eine Größe, bei der die Abgeordneten vielleicht das Gefühl haben, dass sie eher Parlament als Teil der Verwaltung sind. In den kleinen Kommunen wird überwiegend Sachpolitik gemacht. Zumindest ist es parteipolitisch schwieriger, Themen zu setzen, weil eine Kommune alltägliche Herausforderungen hat, gegen die sich keine Partei so leicht stemmen kann. Man kann nicht aus parteitaktischen Gründen sagen, wir wollen die Schule nicht sanieren oder die Straße nicht bauen.


Aber haben Sie in Ihrer Kommune nicht auch Themen, die kontrovers sind?

Das Abwasserthema hat mich die ersten Jahre extrem beschäftigt. Wenn man als junge Frau überhaupt die Chance hat, als Unbekannte gewählt zu werden, dann ist es meist Ausdruck davon, dass es einer Stadt nicht gut geht. Und so war es auch bei uns. Unsere Stadt war hoch verschuldet; wir hatten keine Bewegungsfreiheit mehr. Das heißt, wir mussten den Haushalt konsolidieren. Ein großes Thema in diesem Zusammenhang war die Erhebung von Abwasserbeiträgen. Die Bürgerinnen und Bürger sollten an Investitionen in die Abwasserkanäle beteiligt werden. Das haben die Leute nicht verstanden, weil diese Investitionen zum Teil schon zehn Jahre zurücklagen.


Wie sind Sie damit umgegangen?

Sicher hat mir geholfen, ein ganz schöner Trotzkopf zu sein. Ich habe mir gesagt, da will ich mich durchkämpfen. Aber das Erfolgsgeheimnis ist, viel zu erklären und zu Entscheidungen zu stehen. Wenn die Leute verstehen, warum man Dinge tut, müssen sie das nicht gut finden, aber sie haben die Chance, es zu verstehen. Das schafft Vertrauen.