„Theaterarbeit ist in hohem Maße aufklärerisch“

Cottbus ist eine Hochburg rechter Gewalt. Das Ensemble des Jugendtheaters Piccolo bemüht sich unverdrossen um die Weitergabe humanistischer und demokratischer Grundwerte – auch gegen die Sticheleien der AfD.

„Die Freiheit der Kunst steht im Grundgesetz. Das kann auch die AfD nicht ändern.“

Reinhard Drogla ist Gründer und Direktor des Cottbusser Kinder- und Jugendtheaters Piccolo.

Text: Kira Brück

Fotos: Xander Heinl

Ein Jugendtheater in Zeiten von YouTube, Instagram und TikTok? Ja, das funktioniert. Die Vorstellungen im Cottbusser Piccolo Theater sind gut besucht. Der AfD-Fraktion im brandenburgischen Landtag indes ist dieses Jugendtheater in der Stadt nahe der polnischen Grenze ein Dorn im Auge. Anfang 2019 stellte sie eine kleine Anfrage. Man wollte wissen, weshalb das Kultusministerium das Piccolo Theater fördert. Eine ausdrückliche Missbilligung der Einrichtung wurde nicht ausgesprochen, aber sie war offensichtlich.


Konkret ging es um das Theaterstück „KRG – eine Heimatbetrachtung“, ein Werk, das die virulenten Ängste vor Flüchtlingen aufnimmt und in gedanklicher Spiegelung zu überwinden sucht. Den Anlass dazu liefert die rechte Gewalt. Cottbus ist die Stadt mit den meisten rassistisch motivierten Übergriffen in Brandenburg. Die Szenerie im Theaterstück ist ein Gedankenspiel, vielleicht aber auch eine düstere Prophetie: „Die demokratische Politik ist gescheitert und faschistische Diktaturen haben die Macht übernommen. Wer kann, flieht in den Nahen Osten.“ So steht es im Ankündigungstext für das Stück.

Der Theaterleiter Reinhard Drogla ärgert sich vor allem darüber, dass niemand aus der AfD-Landtagsfraktion das hinterfragte Stück je gesehen habe. „Aber die Anfrage der AfD hat mich nicht verwundert“. Es stehe der Partei zu, Fragen zu stellen. Auch der Geist der Zensur, der in der Anfrage zum Ausdruck kam, hat ihn nicht überrascht. Er sei es von der DDR nicht anders gewohnt, als dass die Kulturfinanzierung politisch reglementiert wurde. Aber die DDR ist heute Vergangenheit. „Die Freiheit der Kunst steht im Grundgesetz, das kann auch die AfD nicht ändern“, sagt Drogla. Auch die brandenburgische Landesverfassung ist in diesem Punkt eindeutig. „Die Kunst ist frei. Sie bedarf der öffentlichen Förderung.“ Drogla neigt nicht zum Dramatisieren: „Man sollte sich nicht zu Opfern stilisieren, nur weil man im Kunstbetrieb tätig ist.“ Doch man müsse sich darauf einstellen, dass es künftig neue Töne in der politischen Auseinandersetzung mit der Kultur und deren Finanzierung geben werde.

Maria Schneider ist seit 14 Jahren Schauspielerin am Piccolo Theater.

Seit 1997 wird das Theater von der Stadt Cottbus und dem Land Brandenburg unterstützt.

Der heute 69-jährige Theaterdirektor Drogla hat das Piccolo Theater kurz nach der Deutschen Einheit gegründet. Ihm war es damals ein Anliegen, gerade jener Generation humanistische und demokratische Grundwerte zu vermitteln, die der politische Systemwechsel orientierungslos gemacht hatte – auf spielerische Weise. „Wenn es ein Theater gibt, das man überhaupt für wichtig erachten kann, dann ist es das für Kinder und Jugendliche. In Bezug auf Wertebildung und Persönlichkeitsentwicklung passiert da noch so viel“, erklärt Drogla mit Begeisterung. Sein Theater nahm 1991 im Nebenraum eines soziokulturellen Zentrums den Betrieb auf. Später zog es in einen Jugendclub um. Seit 2011 wird in einem freundlichen, orangefarben gestrichenen Neubau geprobt und gespielt. Dass die jungen Leute hierfür auch schon mal ihre mobilen Endgeräte aus der Hand legen, findet er ganz natürlich: „Jeder Mensch hat ein tiefes Bedürfnis nach direkter Kommunikation, und das ist die Stärke des Theaters“.


Der pädagogische Anspruch steht im Vordergrund. „Wir proben bewusst nicht die Klassiker, sondern wollen das auf die Bühne bringen, was die jungen Menschen umtreibt“, sagt Maria Schneider. Die 34-jährige Schauspielerin gehört dem Ensemble seit vierzehn Jahren an. Jeder Schauspieler leitet eine wöchentliche Spielgruppe, in der Kinder und Jugendliche ein Jahr lang ein eigenes Stück entwickeln. Das Spektrum reicht vom Puppentheater für Kita-Kinder bis hin zu Aufklärungsstücken für Jugendliche. Was hier auf die Bühne kommt, berührt auf jeden Fall das junge Publikum – eben weil die Stoffe selber ausgesucht, die Stücke eigens geschrieben sind. Dabei wird es automatisch politisch, wenn es um Zeitthemen geht. „Es ist in hohem Maße aufklärerisch, was Theater zu tun haben. Wir müssen jungen Menschen helfen, sich ein Bild von der Gesellschaft zu machen, ohne dass wir es ihnen vorgeben“, sagt Drogla.


Das Stück „KRG – eine Heimatbetrachtung“, das Matthias Heine mit seiner Spielgruppe inszeniert und aufgeführt hat, bekam vom Bund Deutscher Amateurtheater den Sonderpreis für „Demokratietheater“. Und im April 2019 wurde das Cottbusser Piccolo Theater mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet – für seine hervorragende Arbeit mit Jugendlichen, aber auch für den Einsatz aller Beteiligten für humanistische und demokratische Grundwerte.