„Die junge Generation macht mir Hoffnung“

Cornelia Schmalz-Jacobsen war viele Jahre Ausländerbeauftragte der Bundesregierung. Im Interview spricht sie über ihre Eltern, die während des Holocaust Juden vor der Vernichtung gerettet haben. Und warum die Lehren der Vergangenheit gegen den Hass von heute helfen.

Interview geführt von: Daniela Oberstein

Fotos: Thomas Koehler / photothek / Science Week

Frau Schmalz-Jacobsen, die AfD ist in Thüringen zweitstärkste Kraft geworden. Manche Kommentatoren ziehen Parallelen zu 1932. Es gibt jedenfalls eine Diskursverschiebung nach rechts, die sich aus einer Angst vor dem „Anderen“ speist. Wie sollten wir damit umgehen?

Ich würde die gegenwärtige Lage nicht mit 1932 vergleichen wollen. Aber die AfD ist gefährlich und besonders Björn Höcke. Wer ihn gewählt hat, muss wissen, was er da getan hat. Und die Angst vor dem „Anderen“ – nun, was die Angst vor dem jüdischen Teil der Bevölkerung angeht, ist sie mir unverständlich. Dass jedoch die Migration manchen Leuten unheimlich ist, sollte man nicht wegschieben, auch wenn im Osten der Anteil an Migranten bisher gar nicht groß ist. Doch zum Antisemitismus braucht es keine Juden und zum Rassismus keine Migranten. Gegen die Angst jedenfalls muss man vorgehen, indem man erklärt und aufklärt. Da geschieht allerdings nicht genug.


Wenn Sie Deutschland im Jahr 2019 betrachten, was bereitet Ihnen am meisten Angst und was am meisten Hoffnung?

Am meisten Angst macht mir der Hass und dass er noch weiter um sich greift. Ich kann nur hoffen, dass sich gesellschaftlich und politisch nach den Anschlägen in Halle etwas verändern wird. Es war merkwürdig, dass manche wiederholt haben, das sei ein „Weckruf“ gewesen. Wir haben viele Weckrufe gehabt. Diesmal geht es wohl wirklich tiefer. Aber wir leben in einem guten und sicheren Land, uns geht es gut. Was mir Hoffnung macht, ist die nächste Generation. Da bin ich sehr gespannt. Ich rate den jungen Leuten: Haltet die Augen offen, traut euch was, mischt euch ein! Politik und Gesellschaft können nur so gut sein, wie ihr sie macht! Und: Stay away from ideology!


In Ihrem Buch „Zwei Bäume in Jerusalem“ erzählen Sie die Geschichte Ihrer Eltern, die im Nationalsozialismus Juden gerettet haben. Wie kam es zu diesem Engagement Ihrer Eltern?

Beide haben irgendwann gemerkt, dass sich die Stimmung im Land gegen die Juden richtete und dass man anfing, diesen den Besitz wegzunehmen. Meine Mutter und meine Großmutter haben daraufhin mit dem Schmuggeln angefangen. Mit der Pogromnacht 1938 wurde meinen Eltern bewusst, wie brutal es weitergehen würde. Sie haben sich entschieden weiterzumachen und gesagt: „Es ist besser für die Kinder, sie haben tote Eltern als feige Eltern.“ Sie waren sich des Risikos bewusst.


Was genau haben Ihre Eltern getan?

Mein Vater ist 1941 nach Drohobycz im damaligen Polen versetzt worden. Er war in einem Gebiet des Generalgouvernements zuständig für die Landwirtschaft. Er suchte sich vorsichtig Kontakte und hielt nach Rettungsmethoden Ausschau. Eine seiner Ideen war, junge Frauen mit falschen Papieren als Haushaltshilfen nach Berlin zu schicken. Diese Frauen haben alle überlebt. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Neben meinen Eltern gab es ein Netz an unerklärten Helfern, beispielsweise die Marktfrau, die meiner Mutter mehr Fisch einpackte, als sie bezahlt hatte, oder der Polizist, der bei meiner Mutter klingelte, um ihr zu sagen, sie solle ihre „Gäste“ an diesem Tag nicht auf die Straße lassen.


Wie haben Sie dieses Engagement Ihrer Eltern erlebt?

Ich war sechs Jahre alt, als mir meine Mutter sagte: „Du wirst Sachen in der Schule hören, mit denen wir nicht einverstanden sind. Aber du musst den Mund halten. Wir haben eine Art König, er heißt Hitler und er ist sehr böse. Wenn er von uns wüsste, würde er uns die Köpfe abschlagen.“ Ich war stolz, weil mir meine Eltern vertrauten. Ich habe nichts verraten. In solchen Zeiten sind Kinder sehr erwachsen.

„Ich rate den jungen Leuten: Haltet die Augen offen, traut euch was, mischt euch ein! Politik und Gesellschaft können nur so gut sein, wie ihr sie macht.“

Cornelia Schmalz-Jacobsen war Generalsekretärin der FDP und Ausländerbeauftragte der Bundesregierung.
Kürzlich erschien ihr Buch „Zwei Bäume in Jerusalem“ auf Hebräisch.

Ihr Buch ist in Deutschland 2002 erschienen, auf Ihrer Reise nach Israel haben Sie nun die Übersetzung ins Hebräische vorgestellt. Wie ist es dazu gekommen?

Ein Helfer meines Vaters in Drohobycz war Naftali Backenroth. Er hat sich später zu Bronicki umbenannt. Bei der Pflanzung des Baumes für meine Mutter als „Gerechte unter den Völkern“ in Yad Vashem vor 32 Jahren, 19 Jahre nach meinem Vater, traf ich erstmals Bronickis Sohn Lucien. Auf einer Podiumsdiskussion vor drei Jahren in Tel Aviv lernte ich ihn näher kennen. Er war Vorstandsmitglied einer Organisation der Nachkommen von Geretteten aus Drohobycz und Borislaw. Ich erzählte, dass ich die Gedenkstätte Yad Vashem erfolglos gebeten hatte, eine Übersetzung meines Buches ins Hebräische zu ermöglichen. Bronicki sagte: „Dann mache ich es!“ Er fand Übersetzer und Verleger und ließ auf eigene Kosten 3.000 Exemplare drucken. Die Geschichte unserer Väter verbindet uns.


Sie haben in Israel die Kinder und Enkelkinder der Juden getroffen, die von Ihren Eltern gerettet wurden. Wie haben Sie diese Begegnungen empfunden?

Diesen Leuten gegenüberzusitzen und zu wissen, dass sie nie geboren wären ohne meine Eltern – das Gefühl kann man nicht beschreiben. Auf einem Treffen sagte mir eine Überlebende, Celia Kupferberg: „Wir beide verdanken dem gleichen Mann das Leben. Wir sind Schwestern.“ Das hat mich tief berührt.


Wie wurden Ihre Eltern in Deutschland nach dem Krieg wahrgenommen?

Leute wie meine Eltern galten nach dem Krieg als Volksverräter, die zudem die „Frechheit“ besaßen, überlebt zu haben. Mein Vater ist nach dem Krieg in die USA emigriert. Er war 1945 ein gebrochener Mann. Von der Geschichte hat meine Mutter nur scheibchenweise erzählt. Ich hätte vor ihrem Tod nicht gewagt, davon etwas zu publizieren.


Hatte Ihre Familiengeschichte Einfluss darauf, dass Sie sich politisch engagiert haben?

Ja, sicherlich. Meine Mutter hat mir einmal gesagt: „Wir hätten damals viel aufmerksamer sein müssen, wir hätten politisch tätig sein müssen.“ In der Broschüre meiner ersten Kandidatur, in einer Kommunalwahl, stand: „Wir müssen alles tun, um die Zukunft unserer Kinder mitzubestimmen.“ Dieser Anspruch hing für mich persönlich natürlich eng mit der Geschichte meiner Familie zusammen.


Was ist das Vermächtnis Ihrer Eltern?

Es war meinen Eltern, insbesondere meiner Mutter, nicht gegeben, in Worte zu fassen, was ihnen geschehen war. Also lag es an mir. Ich bin für die Nachkommen ein lebender Beweis, dass es das alles gegeben hat. Es gibt viele Biografien der Überlebenden, aber wenige aus der Perspektive derer, die geholfen haben. Es war mir wichtig, zu zeigen: Man hätte helfen können, und es gab Menschen, die geholfen haben. Man sollte immer seinem moralischen Kompass vertrauen.

Cornelia Schmalz-Jacobsen im Gespräch mit Redakteurin Daniela Oberstein. Foto: Thomas Koehler / photothek / Science Week

Cornelia Schmalz-Jacobsen „Zwei Bäume in Jerusalem“

Hoffmann und Campe, 220 Seiten, Preis: 19,90 Euro,

1. Auflage (2002)