Wir sind ein Volk!

Die große Leistung
der
Ostdeutschen

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall zeigt sich: Die Wiedervereinigung Deutschlands ist gelungen, auch wenn der gemeinsame Weg von Ost und West noch immer beschwerlich ist und so manches Unbehagen fortbesteht. Um die Ressentiments aufzulösen und die Integration voranzubringen, bedarf es einer selbstkritischen Perspektive im Westen und eines wirtschaftspolitischen Impulses im Osten.

Text: Tilman Mayer

Illustration: Verena Postweiler

„Wir sind ein Volk!“ Keine Formel verdeutlicht besser, dass die Dynamik der Friedlichen Revolution vom Wunsch vieler Deutscher ausging, sich hinter einer gemeinsamen historischen, kulturellen und sprachlichen Identität als Nation zu versammeln. Die Verwirklichung dieses Wunsches war nicht einfach. Damit ein Ganzes entstand, genügte es nicht, die Teilung aufzuheben. Die Annäherung der beiden im Laufe der vielen Jahrzehnte sehr unterschiedliche Wege gegangenen Gesellschaften in Ost und West war eine Herausforderung, und sie war asymmetrisch.


Wie auch in diesem formalen Verfahren der staatlichen Vereinigung war von vornherein klar, dass es vor allem der Osten war, wo sich die Dinge ändern mussten. Die beiden Deutschlands fusionierten nicht, sondern die DDR trat der Bundesrepublik bei; und es galt alle gesellschaftlichen Prägungen durch das nunmehr abgeschüttelte realsozialistische und autoritäre – in früheren Jahrzehnten totalitäre – System zu erkennen und aufzuarbeiten. Dabei gab es keine Institution, die sich in dieser Hinsicht der Bürger angenommen und sie in die Einheit geleitet hat. Ihre Einstellungen und Werte zu prüfen und anzupassen, blieb die Angelegenheit der Bürger selbst. Heute möchte so gut wie niemand mehr zurück in den Mief des Honecker-Staats. Dass dieser geistige Wandel gelungen ist, diese Wiedervereinigung von unten, das ist die große Leistung der Ostdeutschen. Es ist auch ein im Westen oft verkanntes Zeichen ihrer Liberalität. Ihrem Selbstbewusstsein täte eine stärkere Anerkennung gut.

„Als die Ostdeutschen 1989 die nationale Frage revolutionär, aber friedlich lösten, waren sie darin eine fortschrittliche Kraft. Daran gilt es zu erinnern und anzuknüpfen.“

Tilman Mayer ist Professor für Politikwissenschaft an der
Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

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Menschen verliessen seit der Wiedervereinigung den Osten und lösten eine demografische Krise aus. Es gibt jedoch Hoffnung: Im Jahr 2017 zogen erstmals mehr Menschen von West- nach Ostdeutschland als umgekehrt..

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Menschen zogen seit der Wiedervereinigung von West- nach Ostdeutschland. Der Niedergang vieler Orte konnte dadurch nicht gestoppt werden.

Aus Sicht der aktiven Patrioten im Westen, in Bonn, die den Prozess von oben operativ ermöglicht haben, war die Transformation eigentlich ein Selbstläufer. Als sich die Chance der Wiedervereinigung ergab, ergriff man sie. Als der Prozess in Gang gekommen war, hatten die Ostdeutschen jedoch von Anfang an die größere Bürde zu tragen. Schon Max Weber hatte die Gefahr der Veralltäglichung des Charismas gekannt, in diesem Fall des friedlichen Revolutionscharismas. In den Niederungen der Ebene tat sich nun in den 1990er-Jahren so manche hinterlassene Zumutung auf, die unvorbereitet zu bewältigen war. Die von Bundeskanzler Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ gab es nicht sofort.


Die Zumutungen der Ebene indes überforderte oft die Bewältigungskompetenz der Menschen. Daraus entstand ein Unbehagen an der Einheit, eine wachsende Ungeduld angesichts der ausbleibenden Erfolge, so gut der Einigungsprozess insgesamt auch gelang. Es kam die fixe Idee auf, der Treuhandanstalt zuzuschreiben, was es an sozialen Belastungen im Osten auszuhalten galt. Es blieb nicht aus, dass sich Unmut dagegen regte, dass manche strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland nicht immer weiter staatlich gefördert werden sollten. Man spießte die ungleiche Verteilung von politischen wie auch wirtschaftlichen Führungsaufgaben zwischen Ost- und Westdeutschland auf. Manche Leute sprachen gar von neokolonialen Zuständen. An Vorurteilen und Kontroversen fehlt es bis heute nicht. Das sich verfestigende Unbehagen aufzulösen, setzt nicht zuletzt auch eine selbstkritische Perspektive im Westen voraus, in Deutschland wie in ganz Europa.


Die Teilung hat Spuren hinterlassen, und seit der Wende sind Vernachlässigungen festzustellen, die es nicht hätte geben müssen. Es gehört zu den schmerzlichen Erfahrungen, dass sich vor diesem Hintergrund auf der linken und später auch auf der rechten Seite des politischen Spektrums Ressentiments entwickelten, die nur darauf warteten, von Parteien abgeschöpft zu werden. Im Westen war man darauf nicht vorbereitet. Viele Menschen verfielen in eine Belehrungshaltung, als ob es nur gelte, die armen Verängstigten im Osten darüber aufzuklären, welche Regeln im Zeitalter der Globalisierung und unter den Bedingungen der Freiheit gelten. Dabei verdienen andere Auffassungen zu Fragen der Moderne auch dann Respekt, wenn man sie nicht teilt. In Ostdeutschland ist man zum Beispiel schlicht nicht überzeugt, dass so viel Zuwanderung wie im Westen sinnvoll ist. Man kann auch sagen: Es herrscht im Osten eine größere kulturelle Distanz in Migrationsfragen; man hegt dort mehr Reserven als im Westen. Die größere kulturelle Distanz kennzeichnet indes ganz Osteuropa, besonders die Visegrád-Staaten. Ist kulturelle Distanz illegitim? Muss sie beseitigt werden? Wer mit solchem Anspruch auftritt, läuft Gefahr, die offensichtlich in Deutschland und Europa fortbestehenden Gräben zu vertiefen und rechtspopulistischen Parteien die Wähler frei Haus zuzuliefern.

20%

beträgt der Rückstand der wirtschaftlichen Leistungskraft des Ostens gegenüber dem Westen, nach der Höhe der Arbeitsproduktivität bemessen. In der Industrie beträgt der Rückstand 30 Prozent. Dieser Wert ist seit 20 Jahren recht konstant.

Aufbruch Ost Karl-Heinz-Paqué, Ökonom und Vorstandsvorsitzender der Friedrich--Naumann-Stiftung, fordert einen „Aufbruch Ost“. Die ostdeutschen Hochschulstandorte sollten ihre Dynamik als Teil eines Netzwerks der Innovationskraft ausspielen – mit Berlin als Herz und Motor.


Mehr dazu: freiheit.org/aufbruch

Kulturelle Selbstbestimmung ist kein illiberaler Wunsch, aber man kann über sie streiten. Es trifft zu, dass Migration eine Bereicherung darstellen kann. Es gilt anzuerkennen, dass Nationen nicht nur Geburts- und Abstimmungs-gemeinschaften, sondern auch Gemeinschaften sind, die sich durch Zuwanderung entwickeln. Doch auf jeden Fall gibt es die Nation als solche, sie lässt sich nicht einfach „dekonstruieren“. Als die Ostdeutschen 1989 die nationale Frage revolutionär, aber friedlich lösten, waren sie darin eine fortschrittliche Kraft. Daran gilt es zu erinnern und anzuknüpfen, umso mehr, als es Differenzen gibt, die das Zusammenwachsen von Ost und West auch weiterhin belasten. Deutschland befindet sich in einem fortgeschrittenen nationalen Integrationsprozess, in dem man Unterschiede struktureller oder ideeller Art nicht ignorieren darf. Auch die Pluralismustoleranz ist in Ostdeutschland noch geringer ausgeprägt als im Westen. Man darf ruhig fragen, ob nicht manches, was im Westen toleriert wird, Kritik verdient.


Zu denken sollte geben, dass die Demokratieverankerung in Ostdeutschland seit 1990 manches Auf und Ab erlebt hat. Im Westen fand die Demokratie in den Anfängen der Bundesrepublik leichter ihren Weg in die Herzen der Menschen, weil parallel die soziale Marktwirtschaft deutlich spürbar ihre wohlfahrtssteigernde Wirkung entfaltete. Im Osten stehen die Dinge auch 30 Jahre nach dem Mauerfall noch lange nicht so günstig. Dem unmittelbaren Einigungsboom folgte die Stagnation. Die Abwanderung vieler Menschen hat schwerwiegende, auch strukturelle Folgen. Die Bevölkerung altert stark. Ganze Landstriche veröden, selbst Mittelstädte verlieren an Substanz. Hier gilt es endlich wirksame wirtschaftspolitische Akzente zu setzen und mit spürbaren Impulsen nachhaltige Wachstumsprozesse in Gang zu bringen. Deindustrialisierung sowie Verfall und Leerstand sind kein Schicksal, das es zu ertragen gilt. Was ist also zu tun? Es wäre überlegenswert, in der Ausgabenpolitik des Bundes für eine systematische Ost-Akzentsetzung zu sorgen – mit dem Ziel, alles zu fördern, was nach einem breiten Konsens der gesellschaftlichen Integration Deutschlands dient.