Kommt, wir gründen eine Schule

Das Ökumenische Domgymnasium in Magdeburg ist weit über die Grenzen Sachsen-Anhalts hinaus bekannt. Es wurde in den Wirren der Wende von engagierten Bürgern gegründet.

Text von Kira Brück

Parkettboden, hohe Decken, Flügel-türen: Wenn Jürgen Scharf durch die Gänge des Schulgebäudes aus dem Jahr 1880 geht, erfüllt ihn das mit Stolz. Der heute 67-jährige Politiker hat das Domgymnasium in Magdeburg nach der Wende mit Eltern, Lehrern und anderen Interessierten gegründet. Einfach so, ohne groß Ahnung zu haben, wie das gehen soll.


„Das einheitliche sozialistische Bildungssystem unter Margot Honecker hat kaum Spielraum für Individualität gelassen“, sagt Scharf in der Schulbibliothek. Seine Tochter, für die er sich eine „vernünftige Allgemeinbildung“ wünschte, besuchte zur Wendezeit die sechste Klasse der Polytechnischen Oberschule.


In der Zeitung stand etwas von einer Elterninitiative, die sich darüber Gedanken machen wolle, wie gute Schule aussehen kann. Da ist Scharf einfach mal hingegangen. Wenig später war der Mathematiker Schulgründer und Vorsitzender des Trägervereins.


Der Schulleiter Dieter Lührs empfängt in seinem Büro. Seit 2002 leitet der heute 59-jährige promovierte Philologe das Gymnasium. „Ich habe kein Problem damit, dass die Schule einen elitären Ruf hat. Wer sein Kind auf eine Privatschule gibt, ist als Elternteil nicht unbedingt leichter zu ertragen, hat aber gewisse Ansprüche“, sagt Lührs. Es gingen mehr Anmeldungen ein, als freie Plätze zur Verfügung stünden. Dabei gebe es in Magdeburg vier freie Gymnasien. „Sie werden nicht noch einmal in einer deutschen Großstadt erleben, dass die Hälfte der Gymnasien in freier Trägerschaft ist. Wir haben also ziemliche Konkurrenz.“ Magdeburg sei ein Paradebeispiel dafür, dass es für den Staat finanziell günstiger ist, wenn er Schulen nicht selbst betreibt, sondern dies freien Trägern überlässt. Ein Stipendienfonds sorgt für sozialen Ausgleich, eine Geldelite soll an der Schule nicht vorherrschen.

„Das einheitliche sozialistische Bildungsystem hat kaum Spielraum für Individualität gelassen.“

Jürgen Scharf ist ehemaliger Politiker und Gründer des Magdeburger Domgymnasiums.

Gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, sich engagieren, eine Meinung bilden: Junge Leute darauf vorzubereiten, ist in den Augen von Lührs eine zentrale Aufgabe der Schule. Vielleicht ist dies das Geheimnis des Domgymnasiums: Man pflegt dort einen Bildungsbegriff und ein Ethos, die weit über das Vermitteln von Allgemeinbildung hinausgehen.

All das begann 1990 mit einer Gruppe engagierter Bürger, die ihre neu gewonnene Freiheit nutzten, Verantwortung übernahmen und sagten: „Kommt, wir gründen eine Schule.“