Grenzen
überw
inden

Karl-Heinz Paqué, Herausgeber und Vorsitzender des Vorstands der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Liebe Leserinnen und Leser

Feiert Deutschland die falschen Feste?

So fragte Die Zeit in einem Debattenbeitrag zum Tag der Deutschen Einheit 2019. Statt des 3. Oktobers sollten wir den 9. Oktober, den Tag der Friedlichen Revolution, feiern, schlug dort die ehemalige Bürgerrechtlerin Kathrin Mahler Walther vor. Dieser stifte Identität für die Ostdeutschen, jedenfalls mehr als die Einheit selbst.


Darüber lässt sich natürlich streiten. Aber allein der Vorschlag selbst zeigt, dass das wiedervereinigte Deutschland auch 30 Jahre nach dem Mauerfall sich nicht wirklich gefunden hat. Die Gründe dafür sind so zahlreich wie vielschichtig: Wirtschaftlich hinkt – trotz aller Fortschritte – der Osten noch immer hinter dem Westen her; die jahrelange Abwanderung aus ländlichen Räumen hat Selbstvertrauen gekostet; der Fachkräftemangel verdüstert die Aussichten, denn er trifft den Osten besonders hart. All dies wird von Rechtspopulisten ausgenutzt. Sie erzielen Wahlerfolge in den neuen Ländern, mit Zustimmungsraten von über 20 Prozent.


Also gar kein Grund zum Feiern zur Jahreswende 2019/20, 30 Jahre nach Mauerfall und Wiedervereinigung? Ist die Deutsche Einheit gar gescheitert? Die Antwort ist ein klares Nein, sie ist nicht gescheitert. Allerdings hat sich das Zusammenführen zweier Landesteile, die 40 Jahre in unterschiedlichen Systemen lebten, als viel schwieriger erwiesen, als die meisten von uns in der Euphorie vor 30 Jahren erwarteten. Es ist in jeder Hinsicht ein komplexer Prozess: wirtschaftlich, politisch und vor allem psychologisch. Was wir erreicht haben, ist eine große Leistung, wie uns gerade ausländische Beobachter bestätigen. Darauf können wir stolz sein. Zu oft wird vergessen, dass die Wiedervereinigung kein Blitzlicht-Moment, sondern ein langwieriger sozialer Prozess ist und weiter bleibt – genauso übrigens wie das Zusammenwachsen von Europa über den früheren Eisernen Vorhang hinweg. Auch da gibt es viele Holprigkeiten und Missverständnisse.


Diese Liberal liefert eine Bestandsaufnahme des wiedervereinigten Deutschland anno 2019/20. Wir werfen einen Blick auf die aktuelle Situation: Wie hat sich unsere Gesellschaft entwickelt, und wo steuert sie hin? Wie gestaltet man vor Ort Kommunalpolitik in einem Umfeld, das 40 Jahre lang diktatorisch regiert wurde? Was können wir aus der Geschichte des Kalten Krieges für unsere heutige Zeit lernen? Diesen Fragen gehen der Politikwissenschaftler Tilman Mayer, die Bürgermeisterin Anita Maaß und der ehemalige Berater Helmut Kohls, Horst Teltschik, auf den Grund.


Freuen Sie sich außerdem auf Beiträge von und mit dem Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Johannes Tuchel, der Vorsitzenden der Jungen Liberalen, Ria Schröder, sowie dem Strafrechtler Thomas Fischer. Wir blicken hinter die Kulissen des großartigen Jugendtheaters Piccolo in Cottbus und beobachten die politische Situation in Kroatien, das im ersten Halbjahr 2020 die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen wird. Begleiten Sie uns durch eine Ausgabe der Liberal, die das Jubiläumsjahr der Wiedervereinigung einläuten sowie die Herausforderungen und Potenziale im Einheitsprozess aufzeigen soll.