Endstation
Görlit
zer Park

Gut ausgebildete junge Männer, die in Deutschland ihr Glück finden wollten, haben ihr Leben verfehlt. Sie ertränken es in Alkohol und Drogen und dealen im Berliner Stadtteil Kreuzberg, um ihre Familien im Senegal zu unterstützen.

Text: Mor TaLla Gaye und Daouda Mine
Illustration:
Getty Images

Kleine Gruppen irren durch den Görlitzer Park im Berliner Stadtteil Kreuzberg umher. Mit dabei sind Abdou Laye, H. B. und Modou Diané. Es sind Afrikaner, die sich über Wasser halten, indem sie mit Rauschgift dealen. Die Schicksale sind tragisch, die Lebenswege gewunden und holprig. Sie hatten ein besseres Leben gesucht, fern der Armut Afrikas, und finden sich in der Hölle des Drogenhandels wieder.


Er hatte die besten Voraussetzungen: Abschlüsse von der Universität Düsseldorf, eine deutsche Ehefrau, ein Kind, das ihm Stabilität verlieh, ordnungsgemäße deutsche Papiere, eine eiserne Gesundheit und ein Herkunftsland, Senegal, das er nach Belieben besuchen konnte. Doch Abdou Laye, ehemals ein brillanter, vielversprechender junger Mann, hat sein Leben verfehlt. Dieser junge Mann, einst voller Schwung, ist heute ein Vierzigjähriger mit glasigem Blick, dem alle Würde abgeht. Ein menschliches Wrack, das Gesicht geschwollen, die Zähne verfault. Abdou Laye verwendet die Vergangenheitsform, wenn er von sich erzählt. Dabei verteidigt er sich mehr, als dass er sich erklärt. „Mein einziges Laster ist der Alkohol; ich trinke, um die Kälte auszuhalten“. In seine Heimat zurückzukehren, ist für Abdou Laye keine Option, schon die Vorstellung bereitet ihm Pein. „Ich denke nicht einmal darüber nach.“ Lieber ertrage er die Einsamkeit und die Kälte des Parks als die fragenden Blicke seiner Familie im Senegal. Wie viele andere westafrikanische Migranten in diesem Park ertränkt er sein Dasein im Alkohol, betäubt sich mit Kokain und dealt mit Drogen.


Durch den dicht mit Bäumen bestandenen Park schlängeln sich schmale Wege. In diese Wälder verkriechen sich die jungen Afrikaner, schwatzen ihre illegalen Waren den Erstbesten auf, die scheinbar zufällig vorbeikommen, ob Touristen oder Einheimische. Deren verlegene Mienen sind ein Signal, das die jungen Afrikaner als Einladung zu lesen verstehen, ihnen ihre „schmutzige“ Ware anzubieten, in kleine Tüten verpackt, die sie in allen Ecken des Parks in Erdlöchern verstecken.


Einige Afrikaner schließen sich in dieser Lage den großen mafiös organisierten Dealern an. So auch Modou Diané, ein Senegalese in den Zwanzigern, Dreitagebart, Hemd und zerschlissene blaue Jeanshose. Er ist aus Italien nach Deutschland gekommen. Dem war ein erzwungener Aufenthalt in Libyen vorausgegangen, wo ihm Grausamkeiten angetan wurden. Als er beginnt, seine Geschichte zu erzählen, verzerrt sich sein Gesicht, seine Lippen beben. „Ich wurde zu Unrecht beschuldigt, ein Handy gestohlen zu haben. Ich wurde in libyschen Gefängnissen fast zu Tode geprügelt, weil ein neidischer Libyer meinen Platz im Gewerbe einnehmen wollte“, erklärt er verlegen. Nach zehn Monaten Inhaftierung und Folter kam er wieder frei. Er schlug sich mühsam durch. Eines Tages bot sich die Gelegenheit, das Mittelmeer zu überqueren. Er ergriff sie, und nun gehört auch er zu den Afrikanern im Görlitzer Park. Sein Erzählfluss wird von seinem Handy unterbrochen. Modou kramt in seinen Taschen, eine Nummer aus dem Senegal erscheint auf dem Bildschirm. Das Gespräch ist kurz. Er kehrt mit finsterem Blick zurück. „Das war meine Mutter. Das Geld, das ich ihr geschickt habe, ist aufgebraucht“, sagt er niedergeschlagen. Es ist ihm wichtig zu demonstrieren, dass er sich nicht leichten Herzens, sondern aus Not dem Drogenhandel hingibt.


Fast alle Afrikaner, die den Görlitzer Park bevölkern, haben eine solche Begründung parat. Das gilt auch für H. B., der Jackett, schwarze Jeans und einen Bart trägt. Er spricht fünf Sprachen und ist viel herumgekommen. Als er vor zehn Jahren den Senegal verließ, hatte er ordnungsgemäße Papiere und den Kopf voller Träume. In Frankreich erwarb er einen Studienabschluss. Seine Tätigkeit führte ihn in verschiedene Länder, darunter Brasilien. Aber seine Arbeit brachte kaum genug zum Leben.


Auch aufgrund der Bitten seiner Familie, die im Senegal zurückgeblieben war, beschloss er, für ein besseres Leben nach Deutschland zu gehen. Die Gelegenheitsjobs reichten jedoch nicht aus, um seinen vielen Verpflichtungen nachzukommen. Eines Tages entdeckte er den Görlitzer Park, lernte dort Menschen kennen und gehörte schon bald dazu. Die nigerianische Mafia spürte ihn auf und warb ihn an. Sie ist der Großhändler, er der Einzelhändler. „Ich schäme mich dafür, dass ich trotz meines abgeschlossenen Studiums als Drogenhändler arbeiten muss. Aber das ist mein Lebensunterhalt. Nur so kann ich Geld verdienen, das ich dann in meine Heimat schicken kann. Stolz bin ich darauf nicht. Aber was soll ich machen? Ich habe keine Wahl, obwohl mir bewusst ist, dass das, was ich hier mache, nicht gut ist“, sagt er. Er wird von den Gewissensbissen gequält; er wurde als Muslim geboren, hat den Koran studiert und kennt die Verbote seiner Religion. Aber er ist auch von dem heftigen Wunsch erfüllt, seine Familie nicht zu enttäuschen und alles zu tun, um über die Runden zu kommen – was auch immer die Risiken sein mögen.


Als sein Handy klingelt, verschanzt er sich nach einem kurzen Gespräch in einem Haus nahe des Parks. Ein paar Minuten später erscheinen vier muskelbepackte Kerle, Rucksäcke über der Schulter. Das Gespräch ist kurz, die Zeit ist knapp. H. B. zieht ein Bündel Scheine aus der Tasche und reicht es dem Chef. Der hellhäutige Mann wirkt majestätisch, hat gerötete Augen und Rastas auf dem Kopf. Seine Stimme ist heiser. Er zählt die Scheine und grinst. Beim Geld hört die Freundschaft auf. Er wendet sich an einen seiner Gefährten; dieser holt einen Beutel hervor und übergibt ihn H. B., der ihn an sich nimmt. Er schüttet den Inhalt des Beutels aus und sortiert Gras, Kokain und Tabletten. Im Park vergräbt er den Beutel in einem zuvor ausgehobenen Erdloch.


In der Ferne taumelt Abdou Laye, seine Papiere in der Hand. Er hat Mühe, sich auf den Beinen zu halten; der Alkohol zeigt seine Wirkung. Nochmals darauf angesprochen, dass er in den Senegal zurückkehren könnte, antwortet er nur: „Lasst mich hier sterben, das ist mein Wunsch."

„Ich wurde in einem Libyschen Gefängnis fast zu Tode geprügelt, weil ein
neidischer Libyer meinen Platz im
Gewerbe einnehmen wollte.“

Modou Diané

Mor Talla Gaye ist Bereichsleiter „Investigation und Reportage“ beim senegalesischen Observateur.


Daouda Mine
ist Direktor für Digitale Medien der senegalesischen Mediengruppe Futurs Médias.


Beide Autoren waren Teilnehmer der Journalisten-Workshops 2018 und 2019 der Friedrich-Naumann-Stiftung
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