Übernahme oder Vereinigung? Neues zum Aufbau Ost

Text: Karl-Heinz Paqué

Die Debatte geht weiter. 30 Jahre nach dem Mauerfall sorgen neue Bücher zur Deutschen Einheit für Gesprächsstoff. Kein Wunder, denn seit dem Aufstieg der AfD im Osten fragen sich viele, wie es dazu kommen konnte. Zwei besonders interessante Streitschriften dazu sind jüngst erschienen: „Die Übernahme“ von Ilko-Sascha Kowalczuk und „Der Treuhandkomplex“ von Norbert F. Pötzl. Beide Bände haben den Charakter von erweiterten Essays: inhaltlich dicht, aber flott geschrieben. Ansonsten könnten sie unterschiedlicher nicht sein.


Ilko-Sascha Kowalczuk, gebürtiger Ostdeutscher aus Berlin, Historiker und Bürgerrechtler der ersten Stunde, liefert die bittere Bilanz einer Übernahme des Ostens durch den Westen. In seinem Buch findet sich ein Kaleidoskop an Beispielen, wie seit dem Mauerfall der Westen den Osten im wahrsten Sinne des Wortes kolonisiert hat. Dies geschah keineswegs in böser Absicht, und an diesem Prozess waren beide Seiten beteiligt: die Westdeutschen mit einer Kombination aus Hilfsbereitschaft und Überheblichkeit, die nie Zweifel an der Dominanz der eigenen Erfahrung zuließ; und die Ostdeutschen mit einer Mischung aus Selbstzweifeln und Unterwürfigkeit, die es nicht erlaubte, der Vereinigung einen eigenen Stempel aufzudrücken.


Es liegt Kowalczuk fern, sich über diese Entwicklung zu beklagen. Vielmehr macht er sie sachlich dingfest als eine Art historische Realität, der etwas Schicksalhaftes anhaftet. Mit seiner eigenen Rolle als Bürgerrechtler verfährt er dabei durchaus kritisch: Er sieht sich im Nachhinein als einen hochfahrenden Jakobiner, ohne viel Verständnis für die Umwälzungen und deren Folgen für Menschenschicksale. Konsistente Erklärungen für das Erlebte liefert Kowalczuk nicht, wohl aber bewegende Lebensbilder.


Ganz anders der westdeutsche Journalist Norbert F. Pötzl. Ihm geht es um die wirtschaftliche Seite des Aufbaus Ost, konkret: die Treuhandanstalt, den Sündenbock der Deutschen Einheit. Pötzl berichtet in lockerem, bisweilen etwas spöttischem Ton über die Legenden, die sich um die Treuhandanstalt ranken und regelmäßig nicht allzu viel mit den Fakten zu tun haben. Der Bogen wird dabei weit gespannt: von den Illusionen über das angeblich bevorstehende Wirtschaftswunder bis hin zu den Erfahrungen von industriellem Zusammenbruch, die schließlich in die verworrene Gemütslage von heute umschlugen.


Auch Pötzl kann natürlich kein Rezept bieten, wie sich unser Land mental wieder zusammenführen ließe. Wie Kowalczuk glaubt er aber, dass es helfen kann, darüber zu reden. Es gilt Lebensgeschichten miteinander zu teilen, die Verständnis wecken für die jeweils andere Erfahrungswelt. Das ist in den drei Jahrzehnten der Deutschen Einheit zu wenig geschehen. Zeit, dass es nachgeholt wird – gerade zwischen jenen älteren Generationen, deren Leben der Mauerfall so tief berührt hat.

Ilko-Sascha Kowalczuk
„Die Übernahm
e“
C. H. Beck, 319 Seiten, Preis: 16,95 Euro,
2. Auflage (2019)


Norbert F. Pötzl

„Der Treuhand-komplex“
kursbuch.edition, 265 Seiten, Preis: 22 Euro, 1. Auflage (2019)