Distanzgebot

Professionelle Distanz ist die große Tugend unabhängiger Redaktionen. Der mediale Umgang mit den Rändern der politischen Skala wirft Fragen auf: Verspielen die Medien ihre Glaubwürdigkeit?

Text: Michael Hirz // Illustration: Ramona Ring

Genaue Zahlen gibt es nicht, aber eine Wette würde wohl niemand verlieren, der die Menge der AfD-Sympathisanten in den deutschen Redaktionen für sehr überschaubar hält. Von Spiegel bis Handelsblatt, von RTL bis WDR stehen die Medien in ihrer Mehrzahl weltanschaulich und lebenskulturell in großer bis größtmöglicher Distanz zur Partei von Gauland, Weidel, Höcke und Meuthen.


Nun ist Distanz durchaus eine journalistische Tugend. Der legendäre Hanns Joachim Friedrichs hat stets gefordert, man dürfe sich nie mit einer Sache gemein machen – auch mit keiner guten. Doch diese geforderte professionelle Distanz bricht häufig an den Rändern der politischen Skala aus. Zwischenzeitlich muss auch Grünen-Chef Robert Habeck von den Wogen der Sympathie fast verschluckt worden sein, die ihn und seine Partei medial umspülten. Manche Beiträge und Kommentare lasen sich eher wie Glaubensbekenntnisse, weniger wie nüchterne Analysen von Inhalten und Strategien eines Anbieters politischer Inhalte. Da wurde teilweise eine Flughöhe erzeugt, die keine Partei auf Dauer halten kann. Wie auch?

Ins Reich der Finsternis

So wie die Grünen in einigen Redaktionen eine Projektionsfläche für alles Gute und Schöne sind, beginnt am rechten Rand des Spektrums das Reich der Finsternis. Interessant ist, dass sich die AfD alle Mühe gibt, diesem Bild zu entsprechen: Die Partei lebt von kalkulierten Tabubrüchen. Gleichzeitig inszeniert sie sich als Opfer der Medien eines, wie Jörg Meuthen es formulierte, „links-rot-grün versifften 68er-Deutschlands“. Es ist ein taktisches Spiel, das die Rechtspopulisten spielen, und sie tun das recht erfolgreich. Ihre Provokation führt zu Berichterstattung, die knappe Ressource Aufmerksamkeit wird auf die AfD gelenkt. Auch die Medien profitieren, ihre Währung sind die Klicks im Netz, die Auflage, die Einschaltquoten. Auf der Strecke bleibt der rationale öffentliche Diskurs – Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie.


Inzwischen haben viele Redaktionen gelernt, dieses Reiz-Reaktions-Muster zu durchbrechen. Damit folgen sie einerseits einer Logik des Berufsethos im Journalismus. Andererseits ist es für sie existenzsichernd. Denn angesichts zunehmender Direktkommunikation der Parteien via Twitter, Facebook, YouTube & Co – und da ist die AfD ganz vorne – können etablierte Medien nur durch nachvollziehbare Standards und Qualität bestehen. Geboten ist kein neuer Journalismus, sondern ein Zurück zu den klassischen Tugenden des Berufsstandes: Distanz zum Gegenstand der Berichterstattung, Kompetenz – und Selbstkritik. Auch darf man – wie im Fall der Flüchtlingsfrage – Themen nicht tabuisieren, nur weil die AfD sie bearbeitet. Der Preis für ein solches Ausweichverhalten wäre der höchst mögliche: die Glaubwürdigkeit.

„Auf der Strecke bleibt der rationale öffentliche Diskurs.“