Kultur

Das geht alles zu schnell hier

Quo vadis TikTok? Das Videoportal steht für belangloses Gehüpfe und Gesinge. Oder ist es womöglich doch mehr als nur ein digitaler Spielplatz für Kids, die sich wie ein Star fühlen wollen? Kira Brück probiert es aus.

Text: Kira Brück

Foto: One Pixel studio/Adobe Stock

Wenn ich an TikTok denke, schießen mir unweigerlich Lisa und Lena in den Kopf. Die hibbeligen Zwillingsmädchen wurden auf dem Portal berühmt, das bis August 2018 noch Musical.ly hieß. Womit die 17-Jährigen dort Bekanntheit erlangten? Mit Tanzen und Lippensynchronisation zu Musikvideo-Schnipseln. Klingt absurd, aber darin sind Lisa und Lena wahnsinnig gut. Ich lade mir die TikTok-App aufs Smartphone. Bevor ich das erste Video zu sehen bekomme, soll ich meine Interessen auswählen. Ich entscheide mich für Kunst, Leben und Comedy. Sofort geht es los, ein Clip nach dem anderen wird abgespielt – automatisch. Nach zehn Minuten bin ich reizüberflutet. Das geht mir alles zu schnell hier! Dagegen war MTV-Gucken in den neunziger Jahren ein geradezu entschleunigtes Vergnügen. Ich stoße auf den Account von Jennifer Lopez (7,7 Millionen Follower). Sie zeigt sich ihren Fans beim Training, nimmt aber auch an „Challenges“ teil: J.Lo tanzt in einem weißen Kleid, ihr Verlobter Alex Rodriguez filmt. Schnitt. Die beiden haben Outfit und Rollen getauscht: Er tanzt, sie filmt. Hier gibt es sie en masse: Teenager, die sich leicht bekleidet vor der Kamera bewegen. Das hat ohne Frage seine eigene Komik. Ist aber gleichzeitig einer der großen Kritikpunkte an TikTok. Denn keiner kontrolliert, was sie hier machen. Dabei kann es für die Psyche junger Menschen gefährlich werden, wenn sie ihre Persönlichkeit den Regeln der Social-Media-Welt anpassen. Überraschenderweise tummeln sich hier aber noch ganz andere Leute, die ich nicht erwartet hätte: Jens Spahn! Er beantwortet unter bmg_bund (41.200 Follower) Fragen zur Corona-Pandemie. Und auch die „Tagesschau“ (432.200 Follower) ist mit einem TikTok-gerechten Video-Angebot vertreten. Und was ist bei Lisa und Lena los? Nichts! Die Zwillinge haben sich schon vor über einem Jahr von TikTok verabschiedet. Dafür sind sie auf YouTube und Instagram vertreten – wo ihnen sagenhafte 15 Millionen User folgen.

Dagegen war MTV-Gucken in den neunziger Jahren ein geradezu entschleunigtes Vergnügen.

Fotos: ZinetroN/Adobe Stock

Ob Tagesschau oder Gesundheitsministerium: Für die Politik wird TokTok als Kommunikationskanal immer wichtiger, um eine junge Zielgruppe anzusprechen.

Follower Zahlen: Stand vom 14.04.2020


Kira Brück ist freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie ist freiberuflich Redaktionsleiterin bei CODING KIDS, einem Magazin für digitales Verstehen.