Thema

Die Globalisierung muss bleiben

Die Corona-Krise traf eine hochintegrierte Weltwirtschaft. Auf dieser Verflechtung beruht unser Wohlstand, gerade in einer Industrie- und Exportnation wie Deutschland. Das muss jetzt wiederhergestellt werden.

Text: Karl-Heinz Paqué

Illustration: Julia Praschma

Was für ein Schock! Das Corona-Virus traf Europa und große Teile der Welt völlig unvorbereitet. Das ist gerade mal einige Wochen her. Und es erinnert stark an die Weltfinanzkrise, die vor zwölf Jahren begann. Damals hatte kaum jemand im Vorhinein die Fantasie, sich vorzustellen, dass ein Immobilienboom in den Vereinigten Staaten das globale Bankensystem an den Rand des Ruins bringen könnte. Aber es geschah. Die Folge war eine hektische Serie von Notmaßnahmen, die nach schwerer scharfer Krise 2009 die Weltwirtschaft stabilisierte und das Schlimmste verhinderte. Es wurden auch Lehren gezogen, von denen wir allerdings bis heute nicht wissen, ob sie ausreichen, für immer eine solche Katastrophe zu verhindern.

Ganz ähnlich wird es mit der Corona-Krise laufen. Jede Krise ist anders. Nur eines ist ziemlich sicher: Die gleiche Krise wird es nicht noch einmal geben. Trotzdem hilft jede Krise, Schwachstellen des Bestehenden zu erkennen und zu beheben oder zumindest zu mildern. Dazu gehört Selbstkritik, eine Eigenschaft, die nicht unbegrenzt im Angebot ist. Dies gilt für die gesamte Politik – und es gilt auch für jene, die sich einem liberalen Weltbild verpflichtet fühlen. Denn eines ist klar: Die Corona-Krise ereignet sich in einer hochintegrierten Weltwirtschaft – mit Ketten der Wertschöpfung, die globale Ausmaße haben. Darauf beruht unser Wohlstand, gerade in einer Industrie- und Exportnation wie Deutschland. Das muss erhalten bleiben bzw. wiederhergestellt werden.

Am Wichtigsten ist das entschlossene Signal an die Märkte: Wir kehren gemeinsam zurück zur internationalen Integration, darauf könnt ihr euch verlassen!

Karl-Heinz Paqué

Die Globalisierung ist nicht das Problem, sondern die Lösung.

Was muss sich ändern? Fünf Punkte ragen heraus:

1. Deutschland braucht ein System der Frühwarnung. Es ist ein gesundheitspolitisches Desaster, dass erst im März das Ausmaß einer Epidemie erkannt wurde, die spätestens seit Ende Dezember das Zeug dazu hatte, eine Pandemie zu werden. So reagierte Taiwan auf den Ausbruch von COVID-19 im benachbarten China schon Anfang Januar mit scharfen Kontrollen, gut zehn Wochen vor Deutschland. Die Insel wurde von der Johns Hopkins University als das am meisten gefährdete Gebiet außerhalb Chinas eingestuft – und hat seit Mitte April keine neuen Infektionen mehr, bei 23,6 Millionen Einwohnern! 2. Deutschland braucht eine Politik der Wachsamkeit. Als sich im Februar die Indizien für die Ausbreitung des Corona-Virus erhärteten, wurden diese lange nicht ernst genommen. Karneval und Aschermittwoch fanden statt – feucht und fröhlich, fast wie immer; Massen von infizierten Skiläufern aus den Alpen Italiens, Österreichs und der Schweiz strömten ungetestet zurück ins Land, vor allem in dessen Süden, wo Bayern und Baden-Württemberg bis heute die großräumigen Corona-Hotspots der Nation sind. Offenbar fehlte es komplett an der Sensibilisierung für das Problem, sei es aus politischer Naivität oder aus mangelnder Erfahrung mit Epidemien. 3. Deutschland braucht gesundheitspolitische Reserven. Im Zuge der Krise zeigte sich eine groteske Situation: Es fehlte überall an professioneller Schutzkleidung und Masken, alles Standardprodukte ohne hohen technologischen Anspruch – und dies in einem Land, das für seine Medizintechnik in aller Welt gerühmt wird. Es gab auch wenig Flexibilität, diese Lücke durch Produktionsverlagerungen in Unternehmen zu schließen. Überdies gab es viel zu wenig Testkapazitäten zur Feststellung des Erregers. Und eine flächendeckende digitale Spurensuche nach Infektionsquellen, die sogenannte Tracing-App, ist bis heute noch nicht vorhanden. 4. Deutschland braucht eine Exit-Strategie. Mitte März wurde die Notbremse gezogen – mit einem umfassenden Kontaktverbot. Es wirkte; die Neuinfektionen gingen zurück. Aber wie geht es weiter? Es fehlt an Lösungen der „Smart Safety“, also der Organisation des Lebens, die Risiken minimiert, aber das „normale“ Zusammenwirken der Menschen wieder ermöglicht: mit Mindestabständen am Arbeitsplatz sowie intelligenter Organisation von Betrieben sowie Kindergärten und Schulen bis zu Kirchen, Theatern und Gaststätten. Stattdessen wird vor dem Ende des Shutdown gewarnt, statt es als unausweichlich zu akzeptieren. Oder soll er ewig bleiben? 5. Deutschland braucht europäische Zusammenarbeit. Beim panikartigen Weg in die Krise wurden Grenzen geschlossen, Wertschöpfungsketten unterbrochen und die Mobilität von Arbeitskräften behindert – alles unilateral. Der Weg zurück in die Globalisierung muss kooperativ und koordiniert erfolgen: mit großen nationalen und europäischen Hilfspaketen. Teils sind diese beschlossen, teils stehen die Verhandlungen noch an. Änderungen der EU-Verträge bedarf es da nicht. Am Wichtigsten ist das entschlossene Signal an die Märkte: Wir kehren gemeinsam zurück zur internationalen Integration, darauf könnt ihr euch verlassen!

Deutschland braucht gesundheitspolitische Reserven.

Ein riesiges Paket an Aufgaben

Nimmt man all dies zusammen, ist dies ein riesiges Paket an Aufgaben, das viel Geld, aber noch mehr politische Führungskraft verlangt. Es geht um nicht weniger als die Rettung der Globalisierung, die ohnehin durch den Protektionismus von Trumps Amerika und den Staatskapitalismus Chinas gefährdet war. Jetzt kommt noch ein Zusammenbruch der Wertschöpfungsketten selbst in Europa hinzu, der den hiesigen Mittelstand schnell in den Abgrund reißen kann. Ganz anders als die Weltfinanzkrise vor zwölf Jahren hat die Corona-Krise ja nicht in erster Linie die Banken getroffen, sondern den gesamten gewerblichen Mittelstand – vom weltmarktorientierten Ingenieursbetrieb bis zum kleinen Technologie-Start-up mit überaus dünner Kapitaldecke. Und lokal: vom Blumenladen um die Ecke über den Friseur bis zum Handwerksmeister und Gastronomen. Das ist – zusammen mit den Millionen Arbeitsplätzen, die dahinterstehen – wirklich die gesamte Breite der Bevölkerung. Gerade deshalb ist es auch so wichtig, die allgemeinen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern. Was vor Corona schon richtig war, ist während und nach Corona geradezu zwingend: die Entlastung des Mittelstands durch niedrige Steuern und weniger Bürokratie. Wer in dieser Lage mit ideologischen Floskeln nach Umverteilung von Reich zu Arm aufruft, der hat den Ernst der Lage nicht begriffen. Erstmalig seit Jahrzehnten ist der Motor unseres Wohlstands in akuter Gefahr: der gewerbliche Mittelstand mit allen Arbeitsplätzen, die er in der Vergangenheit schuf und sicherte. Corona hat ihm einen ungeheuer harten Schlag versetzt. Die Politik muss dafür sorgen, dass er sich davon erholt.


Karl-Heinz Paqué ist Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Volkswirt und Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Wirtschaft an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.