Kultur

„Ein guter Film muss ein politisches Bewusstsein haben“

Volker Schlöndorff ist einer der renommiertesten deutschen Regisseure. Im Interview spricht der Oscar-Gewinner über die Zukunft des Films. Und darüber, warum wir unser Verhältnis zu Afrika neu denken müssen.

Interview: Jordi Razum

Fotos: Thomas Köhler

Herr Schlöndorff, Sie wurden 1939 geboren, haben also den Zweiten Weltkrieg erlebt, das Wirtschaftswunder, die Achtundsechziger, den Mauerfall.

… von Nazis bis Nachwende.

Kurzum: Sie sind ein Zeitzeuge vieler gesellschaftlicher Veränderungen. Vor welchen Herausforderungen stehen wir heute? Uns in eine globalisierte Welt einzufügen. Die Mentalität der Völker ist noch immer nationalistisch geprägt. Ich fürchte, das wird auch noch hundert Jahre so bleiben. Solche Veränderungen geschehen sehr langsam. Deutschland und Frankreich, die umfassend ausgesöhnt sind, verwenden in den Schulen bis heute kein gemeinsames Geschichtsbuch. Deutschland hat Wirtschaftsbeziehungen zu fast allen Ländern der Welt, aber mental sind wir sehr abgeschottet. Am Ende klammert sich eben doch jeder an das, was ihm nahe ist. Das wird für ganz Europa ein Problem, weil dadurch auch Europa nicht zu einer Einheit werden kann. Nach 1945 wollten wir alle möglichst weg und nie wieder was von Nationalitäten hören. Das Pendel ist wieder zurückgeschwungen.

Lübcke, Halle, Hanau: Welche Regieanweisung würden Sie unserer Gesellschaft geben? Die Gesellschaft lässt sich keine Regieanweisung geben. Es ist schwierig, überhaupt auf sie einzuwirken. Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss vermutete, dass es unterirdische Strömungen in den Gesellschaften gibt, die sich über Jahrzehnte entwickeln. Und wir befinden uns gerade eindeutig in einem Strom nach rechts. Wir erklären uns das im Nachhinein mit dem „Abgehängtsein“ mancher Leute, doch diese Erklärungen greifen alle nicht. Es gibt überhaupt keine linke Politik oder starke linken Positionen mehr. Die Linke hat immer von der Utopie gelebt, und die hat sich verbraucht. Einen neuen Entwurf gibt es nicht.

Sie sehen keine Abgehängten im Osten? Schon vor Jahren hätte die Kanzlerin da ein Machtwort sprechen müssen – in dieser Sache wie in vielen anderen. Gerade weil sie aus der DDR kommt, hätte sie die notwendige Glaubwürdigkeit und Legitimität. Bei diesem größten Transfer, den es je in der europäischen Geschichte gab, kann man nicht davon reden, dass irgendwelche Leute „abgehängt“ wurden. Es gibt im Osten einfach Strukturprobleme. Im Übrigen kann man nicht immer alle mitnehmen. Die Leute müssen auch da hingehen, wo etwas los ist. Mentale und geografische Unbeweglichkeit sind ein echtes Handicap.

Von der AfD, aber auch aus konservativen Kreisen, ist regelmäßig die Forderung nach einer deutschen Leitkultur zu hören. Zu Recht? Das habe ich schon so oft gehört! Von Stoiber, von Franz-Josef Strauß, schon unter Adenauer. Damals wurde zwar nicht das Wort Leitkultur genutzt, aber sie wurde gelebt. Heinrich Böll nannte es satirisch „Das Erbe des Abendlandes“.

Sie waren mit Böll gut bekannt und haben seine Werke verfilmt … Böll war jemand, auf den man hörte. Wenn er sich im Fernsehen, im Rundfunk oder in der Presse äußerte, war das offiziell nie eine Ansprache an die Nation, aber im Grunde war es genau das. Er hat zur Nation gesprochen. Generationenübergreifend wurde es als wohltuend empfunden, wie Böll die Probleme auf den Punkt brachte. Auch weil er nicht so dogmatisch war wie Grass. Es hatte immer etwas Versöhnliches, aber auch etwas Strenges.

„Die Aggressivität ist sicher auch heute da, aber sie wird nicht ausgelebt. Wir waren viel ruppiger; wir brauchten den klaren Bruch mit der Generation der Eltern.“

Volker Schlöndorff

Sie haben einmal gesagt, die jungen Leute seien in ihrer Kritik heute nicht mehr so aggressiv wie einst. Wieso? Die Aggressivität ist sicher auch heute da, aber sie wird nicht ausgelebt. Wir waren viel ruppiger; wir brauchten den klaren Bruch mit der Generation der Eltern. Beim Film begann der Bruch mit dem Schlagwort „Opas Kino ist tot“. Eine ganze Generation von Regisseuren und Autoren wurde von uns nicht nur abgekanzelt, sondern auch aus Berufsleben gedrängt. Ich habe noch Kurt Hoffmann erlebt, der mit Filmen wie „Wir Wunderkinder“ der absolute Quotenkönig an den Kinokassen war. Von einem auf den anderen Tag wurde er als Regisseur nicht mehr beschäftigt. Er gehörte eben zu „Opas Kino“ und das war nicht mehr „in“. Auch politisch war der Bruch radikal, und zwar radikal bis zur Gewalt. Einen Kritiker wie Reich-Ranicki würden wir heute nicht mehr sehen …

… und heute? Heute verhalten sich alle zu vorsichtig, zu ausgeglichen. Auch dazu gab es eine Satire von Böll, über die Ausgewogenheit in Fernsehnachrichten. Wenn die eine Partei zu Wort kommt, dann müssen auch alle anderen Parteien irgendwie ein Wort dazu sagen. Man kann niemals einfach nur eine Position stehen lassen. Und vor allem muss man sich in jeder Rede von Gewalt distanzieren. Mich hat es total verblüfft, dass es einen solchen Aufstand gegeben hat, weil bei den Linken jemand gesagt hat: „Na ja, wenn wir erst mal das eine Prozent Reiche umgebracht haben“ ... Niemand erschießt die Reichen. Diese Rhetorik ist in Frankreich ganz normaler Klassenkampf. Überall demonstrieren heute junge Menschen im Rahmen der „Fridays for Future“. Ist das gut oder schlecht? Die Politisierung der Jugend kann man nur mit Freude zur Kenntnis nehmen. Dass sich junge Menschen überhaupt wieder für Politik interessieren, ist begrüßenswert. Sie sind dabei auf andere Art informiert als wir. Meine 28 Jahre alte Tochter liest weder Zeitung noch schaut sie je fern, aber sie ist bestens unterrichtet. Viele junge Menschen wählen aber auch die AfD. Wie erklären Sie sich das? Vielleicht nicht 25 Prozent, aber doch 15 Prozent Rechte hat es immer und überall in allen Gesellschaften gegeben. Nur hat sich das bei uns lange nicht gezeigt. Aber dieses Gedankengut war einfach immer da. Die Eltern übertragen dieses Weltbild auf die nächsten Generationen. Ständig wird nachgebetet, was die Eltern sagen – besonders im Osten führt das zu vielen Mythen um DDR und Wiedervereinigung. Dabei kannten die jungen Menschen die DDR gar nicht. In Ihren Filmen behandeln Sie regelmäßig hochpolitische Themen. Warum? Mein Temperament lässt nichts anderes zu. Ich kann nicht anders, als mich immer wieder einzumischen. Das war schon in der Schule so: idiotisch, unausgegoren, rausgeplatzt, wann immer es ungerecht zuging. Daraus hat sich die Haltung in meinen Filmen entwickelt. Oft habe ich Themen gewählt, die mich aufregten. Im besten Sinne nach dem Motto von Stéphane Hessel: „Empört Euch!“. Dabei war das Wort „politischer Film“ keine Auszeichnung – das waren immer langweilige Thesenfilme. Aber eigentlich müssten alle Filme politische Filme sein – in dem Sinne, dass ein guter Film ein politisches Bewusstsein haben muss. Es muss sich aber vorrangig um die Menschen drehen, die von etwas betroffen sind. Es geht darum, diese Menschen im Film wahrhaftig zu zeigen. Der Film selbst darf keine Thesen verkaufen. Das wäre Propaganda. Warum sind Sie eigentlich Regisseur geworden? Ich hatte als Kind Fotos von Teams gesehen, die irgendwo auf der Welt Filme drehten. Dann dache ich mir: Das muss doch ein aufregender Beruf sein, wo man überall hinkommt. Darum wollte ich Kameramann werden und lernte erst einmal Fotografieren. In Frankreich war ich dann in einem Internat, in dem es einen Filmclub gab und in dem sehr viel über Film diskutiert wurde. Dort hat sich dieser Wunsch gefestigt, und meine jesuitischen Lehrer haben mich sogar ermutigt. In Deutschland hingegen war der Film damals völlig verschrien. Er galt auch nicht als Kunst. Film war Jahrmarkt, ein Schaustellergewerbe!