Kultur

„Ein guter Film muss ein politisches Bewusstsein haben“

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Warum haben wir Deutsche einen Hang zu historischen Filmen? Arbeiten wir so unsere Geschichte auf? Sehr weitgehend. Mir fällt auf, dass man sich historisch derzeit viel mit der Stasi und der Wende auseinandersetzt, natürlich auch mit dem Zweiten Weltkrieg. Ansonsten kommt immer wieder das Trauma „Familie“ vor. Es geht immer wieder, wie auch im amerikanischen Film, um die Beziehung zum Vater, zur Mutter und zur Familie überhaupt. Und wie schätzen Sie die Zukunft des deutschen Films ein? Im Augenblick wird sich nichts ändern. Er ist wirtschaftlich reichlich ausgestattet, wir haben die besten Filmschulen. Aber entweder gibt es keine echten Probleme im Herzen der Gesellschaft oder sie werden ignoriert und nicht angegangen. Der beste Film im vergangenen Jahr war „Systemsprenger“. Der greift wirklich mitten rein, nicht nur halbherzig. Und das beweist eben doch, dass ein guter Film nur aus den Konflikten einer Gesellschaft entstehen kann – was ja überhaupt der Ursprung von Kunst ist. Im Jahr 2017 erschien ihr jüngster Film. Welche Projekte verfolgen Sie seitdem? Mein neuestes Projekt habe ich nach einer Zufallsbegegnung mit dem australischen Agronomen Tony Rinaudo begonnen. Er begrünt verdorrte oder fast der Wüste anheimgefallene Landstriche der Sahelzone. Er greift dafür auf das Wurzelwerk zurück, das überall im Boden weiterexistiert, auch noch Jahrzehnte, nachdem ein Baum gefällt worden ist. Da gibt es fast unsichtbare Triebe, die man pflegen kann. Nach zwei, drei Jahren hat man dann ein Bäumchen. Mit dieser Methode sind schon Flächen von fast sechs Millionen Hektar wieder begrünt worden. Anschließend gilt es dann im Schatten der Bäume Landwirtschaft zu treiben. Die Wurzeln der Bäume bringen Feuchtigkeit aus dem Boden; sie machen ihn fruchtbar und stabil. So ließen sich fünf Prozent der Erdoberfläche wieder begrünen, nicht nur in Afrika, auch in Asien. Mit Tony Rinaudo bin ich durch Indien und durch vier afrikanische Staaten gereist und habe ihn bei der Arbeit gefilmt. Für mich besteht die Herausforderung vor allem darin, dieses Thema spannend darzustellen. Unterschätzen wir Europäer die Vielfalt und das Potenzial Afrikas? Vollkommen. Afrika ist im Aufbruch. Alles ist ganz anders, als man sich das hier vorstellt. Die Menschen sind vital, fröhlich und voller Pläne. Die Veränderungen gehen schneller, als man denkt. In Ruanda gibt es ein Verbot von Plastiktüten, verbunden mit drakonischen Strafen bei Missachtung. Man staunt, wie schnell so etwas in einem von Plastik vermüllten Land gehen kann. In Afrika lebt die Zukunft. Müssen wir entwicklungspolitisch umdenken? Ja, und ich hoffe, mit meinem Film dafür einen kleinen Beitrag zu leisten. Entwicklungspolitik darf nicht versuchen, irgendwie Industrien zu implantieren. Sie muss viel einfachere Impulse geben, vor allem Infrastruktur schaffen. Man kann den Afrikanern nicht mehr vorschreiben, wo es langgeht. Nur muss da ein komplettes Umdenken stattfinden, und es braucht eine ganz andere Art von Landwirtschaft. In den ärmsten Ländern passiert am ehesten dann etwas, wenn es nicht mehr weitergeht. Es heißt, Künstler werde man auch, weil man geliebt werden will. Für was wollen Sie geliebt werden? Es ist einfach dieses Ego, das nach Aufmerksamkeit sucht. Aber ehrlich gesagt kann ich mir andere, weniger mühsame Arten vorstellen, geliebt zu werden. Dazu muss man nicht Filmregisseur werden.

Die Blechtrommel, 1977, ist Volker Schlöndorffs bekanntester Film. Für die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Günther Grass gewann Schlöndorff den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. "Die Blechtrommel" ist bis heute verboten: In China und in Teilen Kanadas.

Foto: imago/Prod. DB

Rückkehr nach Montauk, 2017, ist Schlöndorffs jüngster Spielfilm. Er erzählt, basierend auf dem Roman "Montauk" von Max Frisch, die Geschichte eines Schriftstellers, der seine frühere Geliebte wiedertrifft. Gemeinsam verbringen sie ein Wochenende im Küstenort Montauk.

Foto: Franziska Strauss/Wild Bunch Germany