Thema

Eine Renaissance der klassischen Medien

Die Corona-Krise hat die Nachfrage nach verlässlichen Informationen in die Höhe schnellen lassen. Fernsehen, Magazine und Qualitätszeitungen liefern unter erschwerten Bedingungen ein gesteigertes Angebot, das dankbare Abnehmer findet.

Text: Michael Hirz

Illustration: Julia Praschma

In den vergangenen Jahren ist viel vom Zerfall der Öffentlichkeit die Rede gewesen. Das Kommunikationsverhalten und der Medienkonsum hatten sich drastisch gewandelt und in der Gesellschaft auseinanderentwickelt. Vielleicht mit Ausnahme des Fußballs gab es wenig, was die Menschen über Alters-, Bildungs- und Geschlechtsgrenzen hinweg interessierte, was Ost wie West, sozial Abgehängte und materiell Privilegierte gleichermaßen beschäftigte. Das hat die Corona-Pandemie innerhalb weniger Wochen fundamental geändert. Natürlich gibt es weiterhin all die Unterschiede zwischen den Menschen, auch der Interessen. Aber in der gemeinsamen Sorge darum, wie es mit uns allen weitergeht, ist gleichsam eine Renaissance der alten, nur scheinbar längst verloschenen Lagerfeuer zu beobachten. So hat die Krise die traditionellen Info-Marken wieder zu ersten Adressen werden lassen. Ob „Tagesschau“, „heute“ oder „RTL aktuell“, ob „ZEIT“, „Welt“ oder „Spiegel“ – sie haben alle wieder Konjunktur. Einschaltquoten, Zugriffszahlen, Auflagen haben deutlich zugenommen. Das Bedürfnis nach verlässlicher Information und Orientierung hat zu einer Renaissance der klassischen Medien geführt. Medienwissenschaftler und Beobachter staunen besonders darüber, dass sich das bereits mehrfach totgesagte lineare Fernsehen als höchst vital erwies. „Acht der zehn zuschauerstärksten Ausgaben der ‚Tagesschau‘ seit 1992 liefen in den letzten Wochen“, berichtet Helge Fuhst, Chefredakteur bei ARD aktuell in Hamburg. Im Durchschnitt 17 Millionen Menschen sahen die „Tagesschau“-Hauptausgabe, rund sieben Millionen mehr als sonst. Die Website „tagesschau.de“, die führende Marke auf den Social-Media-Plattformen, bekam an einzelnen Tagen mehr als zehn Millionen Zugriffe. Das News-Flaggschiff der ARD erreichte auch das jüngere Publikum, das sonst die Öffentlich-Rechtlichen eher meidet: Der Anteil der unter 30-Jährigen lag in den Corona-Wochen doppelt so hoch wie ein Jahr zuvor. Ähnliches berichten ZDF und Deutschlandfunk.

In der gemeinsamen Sorge, wie es mit uns allen weitergeht, ist eine Renaissance der alten, nur scheinbar verloschenen Lagerfeuer zu beobachten.

Michael Hirz

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der zehn zuschauerstärksten Ausgaben der Tagesschau seit 1992 liefen in den ersten Corona-Wochen, wie Helge Fuhst berichtet, Chefredakteur bei ARD aktuell in Hamburg.

Der Umstieg der Leser vom Papier auf den Bildschirm wird sich auch nach der Krise mit erhöhter Geschwindigkeit fortsetzen.

Der Umstieg der Leser vom Papier auf den Bildschirm wird sich auch nach der Krise mit erhöhter Geschwindigkeit fortsetzen.

Die gedruckten Qualitätsmedien, von Nachrichtenmagazinen wie dem „Spiegel“ über nationale Tageszeitungen wie der „F.A.Z.“ und der „Süddeutsche Zeitung“ bis hin zur seriösen Regionalpresse, haben eine steigende Zahl von Abonnenten verbucht. Die Online-Zugriffszahlen haben sich teilweise vervielfacht. „Ein Effekt von Krisen ist es, dass das Wesentliche an Bedeutung gewinnt, dass Qualität gefragt ist“, stellt Christoph Schwennicke fest, Herausgeber und Chefredakteur des Monatsmagazins „Cicero“. Dabei musste das nunmehr so stark nachgefragte Angebot, ergänzt mit zahlreichen Extra-Anstrengungen, Newslettern, Sondersendungen, Hintergrund-Dossiers und Tipps etc., unter erschwerten Bedingungen entstehen. Wegen der Ansteckungsgefahr ließen sich die Newsrooms der Redaktionen nicht oder nicht optimal nutzen, und Homeoffice ist im Kommunikationsberuf nicht förderlich. Vor allem aber stellte ein Personal den gesteigerten Output in Zeiten von Corona auf die Beine, das wegen weggebrochener Erträge entweder von Kurzarbeit bedroht ist oder sich schon in Kurzarbeit befindet. Das verlangt einer Branche, die sich ohnehin in einem existenziellen Umbruch befindet, enorm viel ab.

Die Werbeerträge brechen weg

Denn anders als im Fall der finanziell gesicherten öffentlich-rechtlichen Sender verursachte das Virus in der Presse einen dramatischen Einbruch der wichtigen Werbeerträge. Bis zu 80 oder gar 90 Prozent dieser Erträge sind ausgefallen, was die Kalkulationen der Verlage über den Haufen wirft. „Wir haben die Auflage gesteigert und die Zugriffszahlen für unser Online-Angebot sind geradezu explodiert, aber dennoch sind wir in einer Zeit, in der uns viele Leserinnen und Leser wiederentdecken, in die roten Zahlen geraten“, klagt beispielsweise der Chefredakteur einer großen westdeutschen Regionalzeitung. Die Befürchtung etlicher Verlage ist derzeit, ausgerechnet bei wachsendem Zuspruch in die Pleite zu segeln. Der Trend zur Digitalisierung erfährt unterdessen einen Schub. Der Umstieg der Leser vom Papier auf den Bildschirm wird sich auch nach der Krise, zumindest im Nachrichtengeschäft, mit erhöhter Geschwindigkeit fortsetzen. Inhaltlich fällt auf, dass die meisten Medien der Versuchung weitestgehend widerstanden haben, mit Panikmache Auflage oder Quote zu generieren. Barbara Hans, die Chefredakteurin von „SPON“, des Online-Angebots des „Spiegel“, erklärt das so: „Die Lage ist groß genug.“ Ein Vokabular, das permanent auf Ausnahmezustand und Krise abhebe und die Panik schüre, sei unangemessen. Es genüge, sich auf Daten, Fakten und Zahlen zu beschränken und zu versuchen, diese einzuordnen. Kritische Stimmen gibt es zwar auch. Der Medienwissenschaftler Otfried Jarren bezeichnet die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens als „Systemjournalismus“, der sich eher als Sprachrohr der Exekutive verstehe und weniger als kritisch-reflektierend. Es werde nicht ausreichend nachgefragt. Es finde zudem keine öffentliche Debatte über die staatlichen Maßnahmen zur Krisenbekämpfung statt. Der heikle Aspekt Überwachung und Datenschutz, so monierten andere Kritiker, komme in den Medien ebenfalls zu kurz. Doch insgesamt gilt für Medien wie Politik: Die Pandemie hat Zustimmung und Vertrauen der Bevölkerung überwiegend gestärkt. Da die Zukunft offen ist, ist auch dieser Befund fragil, nur ein Zwischenstand. Krisen sind Bewährungsproben. Die Ausbreitung des Corona-Virus stellt Gesellschaft, Politik, die Wirtschaft und auch die Medien vor Herausforderungen, deren Ausmaß sich erst in der Nachbetrachtung richtig einordnen lassen wird. Jedenfalls kommt den Medien, den elektronischen wie den gedruckten, bei alledem eine Bedeutung und Verantwortung zu, die mit „systemrelevant“ wohl nicht übertrieben beschrieben ist.


Michael Hirz ist Journalist und Moderator. Er war von 2008 bis 2018 Programmgeschäftsführer des Fernsehsenders Phoenix. Seitdem arbeitet er als freier Journalist und Medienberater in Köln und Berlin.

Die gedruckten Qualitätsmedien, von Nachrichtenmagazinen wie dem „Spiegel“ über nationale Tageszeitungen wie der „F.A.Z.“ und der „Süddeutsche Zeitung“ bis hin zur seriösen Regionalpresse, haben eine steigende Zahl von Abonnenten verbucht. Die Online-Zugriffszahlen haben sich teilweise vervielfacht. „Ein Effekt von Krisen ist es, dass das Wesentliche an Bedeutung gewinnt, dass Qualität gefragt ist“, stellt Christoph Schwennicke fest, Herausgeber und Chefredakteur des Monatsmagazins „Cicero“. Dabei musste das nunmehr so stark nachgefragte Angebot, ergänzt mit zahlreichen Extra-Anstrengungen, Newslettern, Sondersendungen, Hintergrund-Dossiers und Tipps etc., unter erschwerten Bedingungen entstehen. Wegen der Ansteckungsgefahr ließen sich die Newsrooms der Redaktionen nicht oder nicht optimal nutzen, und Homeoffice ist im Kommunikationsberuf nicht förderlich. Vor allem aber stellte ein Personal den gesteigerten Output in Zeiten von Corona auf die Beine, das wegen weggebrochener Erträge entweder von Kurzarbeit bedroht ist oder sich schon in Kurzarbeit befindet. Das verlangt einer Branche, die sich ohnehin in einem existenziellen Umbruch befindet, enorm viel ab.

Die Werbeerträge brechen weg

Denn anders als im Fall der finanziell gesicherten öffentlich-rechtlichen Sender verursachte das Virus in der Presse einen dramatischen Einbruch der wichtigen Werbeerträge. Bis zu 80 oder gar 90 Prozent dieser Erträge sind ausgefallen, was die Kalkulationen der Verlage über den Haufen wirft. „Wir haben die Auflage gesteigert und die Zugriffszahlen für unser Online-Angebot sind geradezu explodiert, aber dennoch sind wir in einer Zeit, in der uns viele Leserinnen und Leser wiederentdecken, in die roten Zahlen geraten“, klagt beispielsweise der Chefredakteur einer großen westdeutschen Regionalzeitung. Die Befürchtung etlicher Verlage ist derzeit, ausgerechnet bei wachsendem Zuspruch in die Pleite zu segeln. Der Trend zur Digitalisierung erfährt unterdessen einen Schub. Der Umstieg der Leser vom Papier auf den Bildschirm wird sich auch nach der Krise, zumindest im Nachrichtengeschäft, mit erhöhter Geschwindigkeit fortsetzen. Inhaltlich fällt auf, dass die meisten Medien der Versuchung weitestgehend widerstanden haben, mit Panikmache Auflage oder Quote zu generieren. Barbara Hans, die Chefredakteurin von „SPON“, des Online-Angebots des „Spiegel“, erklärt das so: „Die Lage ist groß genug.“ Ein Vokabular, das permanent auf Ausnahmezustand und Krise abhebe und die Panik schüre, sei unangemessen. Es genüge, sich auf Daten, Fakten und Zahlen zu beschränken und zu versuchen, diese einzuordnen. Kritische Stimmen gibt es zwar auch. Der Medienwissenschaftler Otfried Jarren bezeichnet die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens als „Systemjournalismus“, der sich eher als Sprachrohr der Exekutive verstehe und weniger als kritisch-reflektierend. Es werde nicht ausreichend nachgefragt. Es finde zudem keine öffentliche Debatte über die staatlichen Maßnahmen zur Krisenbekämpfung statt. Der heikle Aspekt Überwachung und Datenschutz, so monierten andere Kritiker, komme in den Medien ebenfalls zu kurz. Doch insgesamt gilt für Medien wie Politik: Die Pandemie hat Zustimmung und Vertrauen der Bevölkerung überwiegend gestärkt. Da die Zukunft offen ist, ist auch dieser Befund fragil, nur ein Zwischenstand. Krisen sind Bewährungsproben. Die Ausbreitung des Corona-Virus stellt Gesellschaft, Politik, die Wirtschaft und auch die Medien vor Herausforderungen, deren Ausmaß sich erst in der Nachbetrachtung richtig einordnen lassen wird. Jedenfalls kommt den Medien, den elektronischen wie den gedruckten, bei alledem eine Bedeutung und Verantwortung zu, die mit „systemrelevant“ wohl nicht übertrieben beschrieben ist.


Michael Hirz ist Journalist und Moderator. Er war von 2008 bis 2018 Programmgeschäftsführer des Fernsehsenders Phoenix. Seitdem arbeitet er als freier Journalist und Medienberater in Köln und Berlin.