Thema

Selbstkritische Fragen

Die Corona-Krise fordert alle gesellschaftlichen Kräfte. Von sämtlichen Liberalen ist jetzt in besonderem Maße gefordert, dass sie konstruktiv dazu beitragen, Probleme zu lösen. Eine Einladung zu Selbstreflexion und Fehleranalyse.

Text: Karen Horn

Illustration: Julia Praschma

Noch steckt die Welt mitten in der Corona-Krise. Aber auch diese fürchterliche Pandemie wird abebben. Es wird Zeit und Mühe brauchen, das Erlittene zu verwinden und seine Folgen zu verarbeiten: die Todesfälle, die Dramen in den Kliniken, das Notrecht, die Ausgangssperren, den tiefen wirtschaftlichen Einbruch, die Existenznöte kleiner und mittlerer Unternehmen, die Kernschmelze an den Börsen, die Verschuldung. Kompetente, abgewogene, sensible, ermutigende Antworten werden erforderlich sein, die eine Aufbruchstimmung schaffen, im Interesse aller, damit der Wiederaufstieg gelingt. Allen konstruktiven Kräften wird in diesem Sinne die Stunde schlagen. Es könnte die Stunde der Liberalen sein. Von allen, die freiheitlich denken, innerhalb und außerhalb der Parteien, bedarf es mehr denn je einer verantwortlichen Haltung: eines Liberalismus, der sich nicht im Verteilen schlechter Noten und im Zerreden politischer Initiativen verliert, sondern der aufbaut und dazu beiträgt, Probleme zu lösen.

Das ist umso dringlicher, als die Corona-Krise die jüngsten Fehlentwicklungen in der Welt absehbar noch einmal deutlich verschärfen wird – dass antiliberale Kräfte fast überall Aufwind bekommen haben; dass auch in Demokratien nunmehr der Rechtsstaat unter Druck geraten ist; dass die Globalisierung bei vielen Leuten so verhasst ist wie die Börse und die Wirtschaft allgemein; dass Nationalismus und völkisches Denken aufs Neue verfangen; dass sich Bürger aufhetzen lassen; dass Fake News und manipulative Narrative die öffentliche Debatte verzerren. Auf der Suche nach den ursprünglichen Treibern dieser Entwicklung finden sich im großen Katalog des Staatsversagens eine Menge Ansatzpunkte. Doch mit der Demut, die uns gerade die Corona-Krise lehrt, gilt es selbstkritisch nun auch einmal die eigene Position und Haltung zu prüfen – das sage ich jedenfalls mir selbst. Vielleicht mag der eine oder die andere mittun? Das Ziel der Übung ist nicht, hernach in Sack und Asche zu gehen, ganz im Gegenteil: Wir könnten die Krise als Chance für uns nutzen, an uns zu arbeiten, damit es auch in Zukunft immer besser gelingt, der Freiheit eine Bresche zu schlagen. Also: Wie geübt sind wir eigentlich darin, konstruktiv zu sein? Haben wir selbst nicht auch Fehler begangen, die es in der jetzigen Lage allemal zu vermeiden gilt – im Denken, im Sprechen, im Auftreten, im Entscheiden?

Arbeitsteilung und Austausch rund um den Erdball bringen uns voran. Wir müssen sie in Zukunft besser verteidigen.

Wir könnten die Krise als Chance nutzen, an uns zu arbeiten, damit es auch in Zukunft immer besser gelingt, der Freiheit eine Bresche zu schlagen.

Karen Horn

1945

veröffentlichte Karl Popper sein im neuseeländischen Exil verfasstes zweibändiges Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Es ist ein Bekenntnis zur Demokratie als Herrschaftsform, in der es möglich ist, eine Regierung ohne Blutvergießen auszutauschen - sozusagen als Verfahren der politischen Falsifikation. In der Einleitung warnt der Philosoph unter anderem auch davor, illiberale Entwicklungen allzu sehr zu beschreien: Wer ein Abgleiten in totalitäre Ideen ankündige, trage dadurch manchmal zu ihrer Verwirklichung bei.

In dieser Selbstreflexion könnten und, wie ich meine, sollten wir uns beispielsweise folgende harte Fragen stellen: Haben wir – oder manche von uns – nicht vielleicht schon einmal das günstige Wirken politischer Maßnahmen unterlaufen, indem wir reflexhaft den Zweifel daran säten? Wie oft haben wir einen ketzerischen Gedanken nur deshalb in den öffentlichen Raum gestellt, weil er uns spannend und pur und konsequent erschien, ohne die Alltagstauglichkeit zu überdenken und zu berücksichtigen, was in diversen Filterblasen daraus wird? Besaßen wir die notwendige fachliche Kompetenz? Klar, wir wollen keine Schere im Kopf und „man wird ja wohl noch sagen dürfen“, aber haben nicht manche von uns in spielerischem „Contrarianism“ traditionelle Gewissheiten niederzureißen geholfen, die aber für die Stabilität unserer Ordnung wichtig sind? Waren wir nicht manchmal eher korrosiv als konstruktiv?

Hat nicht so mancher von uns schon einmal, unabsichtlich oder sogar absichtlich, mit seinem Nonkonformismus und tiefen Anti-Establishment-Impuls die Politikverdrossenheit im Land geschürt, damit die Würde der politischen Institutionen beschädigt und den Verlust an Vertrauen zur liberalen Demokratie befördert? Haben wir nicht arg schnell diffamierend „Sozialismus“, „Konstruktivismus“ oder „Bevormundung“ geschrien, wo wenig dergleichen war, und orakelhaft auf Friedrich August von Hayeks „Weg zur Knechtschaft“ verwiesen? Es täte uns gewiss gut, uns ab und zu an den Satz von Karl Popper zu erinnern: „Und jene kleine Propheten, die die unausweichliche Ankunft gewisser Ereignisse, wie etwa eines Abgleitens in totalitäre Ideen ankündigen, tragen dadurch manchmal zu ihrer Verwirklichung bei.“

Ist vielleicht auch nicht mehr die Zeit der gar markigen, aufrüttelnden Worte und der um Aufmerksamkeit heischenden, letztlich ja nur selbstverliebten Provokationen, sondern bedarf es der Empathie und der erklärenden Geduld? Wie offen sind wir für Argumente und Anliegen, die nicht unserem eigenen bekannten Paradigma entspringen? Und wie klar lassen wir eigentlich unsere Werte im Alltag erkennen, in der Praxis, im Kleinen, Konkreten, jenseits der großen Sonntagsreden? Sind sie uns ein verlässlicher Kompass für unsere Entscheidungen gewesen? Oder haben auch sich manche von uns zum Beispiel doch nicht genug von den radikalen Rechten abgegrenzt, die für sich irreführenderweise in Anspruch nehmen, ebenfalls Liberale zu sein? Wie wohlüberlegt waren unsere Worte, wie klug unsere Taten – und warum?