Thema

Stay@home

Die Fotografin Lucja Romanowska hat Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld „besucht“ – mit gebührendem Abstand. Sie hat sie gefragt, was der aktuelle Ausnahmezustand für sie Gutes oder Schlechtes mit sich bringt.

Fotos und Text: Lucja Romanowska

Jan-Eric, 45, Produktmanager, Christin, 39, Logistikerin, Bjarne, 4, und Lasse, 6

Die Kita-freie Zeit sorgt für sehr viel mehr Ausgeglichenheit bei den Kindern und in der Folge auch bei der ganzen Familie. Allerdings ist unser Garten gerade auch Gold wert. Ohne ihn sähe es gewiss anders aus bei den Kindern. Allerdings ist die Abstimmung von Arbeits- und Kinderbetreuungszeiten zwischen Christin und mir eine echte Herausforderung und jeden Tag aufs Neue etwas anstrengend. Hier haben wir immer noch keinen Modus gefunden, der für alle Beteiligten wirklich gut funktioniert.

Ines, 43, Sängerin/Künstlerin, und Darrell, 43, Sommelier 

Uns tut die Entschleunigung gut. Die Natur kann endlich mal ein wenig aufatmen. Aber auf uns kommen finanziell gesehen dornige Zeiten zu und die durch die Krise bedingten Freiheitseinschränkungen sind geradezu surreal.

Anne, 50, freiberufliche PR-Journalistin und Coach, und Jürgen, 54, Labelbetreiber, Verleger und Promoter

Anne: Mein beruflicher Alltag hat sich nicht so drastisch verändert, da ich sowieso immer viel Zeit im Homeoffice verbringe. Nur, dass ich gerade keine konkreten bezahlten Aufträge habe. Was mir bereits nach gut einer Woche fehlt, ist der Mittagspausenkaffee an einem netten Ort und persönliche Begegnungen. Außerdem vermisse ich jetzt schon Live-Musik in einem guten Musikclub, denn das kann Streaming mir nicht ersetzen.

Jürgen: Home sweet home! Aber da gibt es auch mehr Ablenkung.

Bernd, 57, geschäftsführender Redakteur eines Print-Magazins

Man kann vergessene Rituale wiederbeleben, den Mittagsschlaf auf dem Sofa beispielsweise. Was mir fehlt, ist die Info-, Kontakt- und Arbeitsaustausch-Drehscheibe „Raucherpilz“ in unserem Büro.

Sarah, 34, Schauspielschülerin

Ich mag es, meine langjährige Bauwagengemeinschaft wieder neu schätzen zu lernen und zu bemerken, dass trotz aller Differenzen, Auseinandersetzungen und verschiedenen Arten der Lebensgestaltung der Zusammenhalt unter uns noch immer sehr stark ist. Man kommt sich derzeit wieder näher, auch bei gebührendem Sicherheitsabstand. Nicht schön ist, dass man tolle, kreative Projekte hier und da zunächst einmal auf Eis legen muss. Und es liegt derzeit leider stets eine quälende Ungewissheit in der Luft, ob und wie man diese Projekte wieder aufnehmen bzw. weiterführen kann.

Nina, 40, macht irgendwas mit Medien

Endlich findet man die Zeit, mal all seine Schallplatten zu hören. Man lernt die eigene Wohnung so richtig kennen und lieben. So lange das Internet nicht streikt, ist man dank moderner Technik auch allein zu Hause nicht einsam. Wer weiß, wenn das Ganze noch länger dauert, räume ich vielleicht endlich mal meinen Keller auf! Allerdings hängt man zu viel im Internet herum. Schade ist, dass man außer dem Liebsten, der auch zu Hause ist, andere Menschen gerade nur virtuell umarmen kann. Über kurz oder lang könnte also sogar mir die Decke auf den Kopf fallen.

Hendrik, 39, Einzelhandelskaufmann, und Ingo, 42, Medieninformatiker

Hendrik: Ich finde es gut, Zeit zu haben, um die Wohnung zu streichen, Sachen auszumisten oder lecker zu kochen.  Sorgen habe ich in Bezug auf meinen Job und bei der Frage, ob es mein Betrieb überlebt oder nicht.

Ingo: Ich finde es schön, im Moment mehr Zeit für Freunde zu haben, wenn auch überwiegend virtuell. Spannend finde ich, dass man eine Chance hat, neue Ideen zu verwirklichen. Ich habe meine Wohnung renoviert und kann mich meinem Hobby, der Fotografie, widmen. Schlecht finde ich die noch nicht vorhersehbaren Auswirkungen auf die wirtschaftliche und auch finanzielle Situation in unserer Gesellschaft. Aber ich will diese Zeit positiv für mich und andere nutzen.

Anki, 34, Studentin/Teilzeitangestellte/nebenberuflich Selbstständige

Ich habe jetzt Zeit, meine Bachelorarbeit zu schreiben. Und es gibt ein bisschen Entschleunigung vom stressigen Alltag. Viele Menschen halten inne und denken etwas darüber nach, ob unsere Gesellschaft so solidarisch ist, wie sie sein sollte - und wie man das vielleicht verbessern kann. Viele Menschen helfen auch freiwillig und unterstützen die, die sich in einer schlimmeren Lage als die meisten von uns befinden. Was schlecht ist: Ich bin in Kurzarbeit und meine Aufträge als Selbstständige sind komplett weggebrochen. Ich war auch zwei Wochen in angeordneter Quarantäne, da ich Kontakt mit einer erkrankten Person hatte. Da war es schwierig, das Gassigehen mit meinem Hund zu erledigen. Aber ich habe viel Hilfe bekommen - dafür bin ich sehr dankbar! Aber das ist Klagen auf hohem Niveau. Es gibt sehr viele Menschen, die unter dieser Krise wahnsinnig zu leiden haben und sogar akut mit dem Tod bedroht sind, zum Beispiel Geflüchtete, Menschen ohne Wohnung usw. Mir geht es sehr gut im Vergleich zu vielen anderen Menschen.