Gesellschaft

Twitter hat’s gegeben, Twitter hat’s genommen

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Was mir Sorge bereitet, ist aber nicht so sehr die geistige Gesundheit von Twitter-Abhängigen in Berlin oder Washington. Es ist vielmehr das Wohlergehen der Nation, die sie kollektiv beherrschen.

Viele Journalisten twittern mittlerweile obsessiv. Die meisten politischen Berater beziehen ihre Informationen (und zunehmend auch ihre Ansichten) aus den sozialen Medien. So gut wie alle Parlamentarier nutzen Twitter, um ihre Statements zu verbreiten und ihrer Klientel den Puls zu fühlen. Sie alle sind derart tief im „Twitterversum“ versunken, dass sie Schlüsselentscheidungen womöglich darauf aufbauen, was nach ihrer Wahrnehmung auf der Plattform gut oder schlecht laufen wird.

So sehr diese ständige Aufmerksamkeit für Twitter Entscheidungsträgern hilft, die Art von Spirale zu verhindern, wie sie Zhaos Karriere abrupt beendet hat, bedeutet sie auch eine echte Gefahr für die lebenswichtigen Einrichtungen, denen sie angehören. Wenn ein Unternehmen die Entscheidungen über seine Produkte aufgrund des kleinen Anteils der Öffentlichkeit fällt, der ein Produkt liebt oder hasst, wird es darin versagen, die ganze Breite der Kundschaft zu bedienen, die aber notwendig ist, um Gewinn zu erzielen. Wenn die Veröffentlichungsentscheidungen eines Magazins oder eines Verlags von den Präferenzen der am stärksten ideologischen Kritiker getrieben sind, werden viele Leser und Anzeigenkunden das Weite suchen. Und wenn Politiker und ihre Berater die Meinungen einer kleinen Bande von Social-Media-Influencern mit den Ansichten der Durchschnittsamerikaner verwechseln, dann laufen sie Gefahr, Wahlen zu verlieren, die durchaus zu gewinnen wären.

Foto: Image Broker/ Alamy Stock

Wie sehr Twitter die kollektive Psyche der Einflussreichen und Mächtigen in der Hand hat, ist umso bemerkenswerter, als die Plattform nach so ungefähr jeder Studie, die dazu je angefertigt worden ist, nur einen spektakulär verzerrten Ausblick auf die Ansichten gewöhnlicher Menschen zulässt. Nach dem Pew Research Center zum Beispiel loggt sich weniger ein Viertel der Amerikaner regelmäßig auf Twitter ein. Weniger als einer von acht nutzt die Plattform als Nachrichtenquelle. Selbst innerhalb der Minderheit der Amerikaner, die Twitter regelmäßig nutzen, gibt es noch eine klare Mehrheit, die nie über Politik twittern. Nach der Studie des Pew Research Centers aus dem Jahr 2016 sagt nur einer von fünf aktiven Twitter-Nutzern, dass er „gelegentlich“ oder „häufig“ etwas über Politik postet. Im Wahlkampf 2012 erstellte gerade einmal ein Prozent der Twitter-Nutzer die Hälfte aller Tweets über Barack Obama oder Mitt Romney.

Die wenigen Nutzer, die regelmäßig über Politik twittern, sind auch keineswegs repräsentativ für die Bevölkerung insgesamt. Nach einer Studie von Pablo Barberá von der New York University und Gonzalo Rivero von YouGov aus dem Jahr 2014 sind Nutzer, die an der politischen Debatte teilnehmen, mehrheitlich Männer, die in städtischen Gegenden leben und starke ideologische Präferenzen hegen. Und in einer Untersuchung von Forschern der University of Pennsylvania und der National University of Singapore von 2017 zeigte sich, dass nur Menschen, die sich selbst für Extremisten halten, einen großen Anteil ihrer Twitter-Aktivität der Politik widmen. Natürlich ist Twitter nicht das einzige Forum, das einen verzerrten Eindruck von der öffentlichen Meinung vermittelt. Sozialwissenschaftler wissen seit Jahrzehnten, dass die politisch aktivsten Bürger in hohem Maße unrepräsentativ für die Gesamtbevölkerung sind. Die Bürger sind im Durchschnitt umso stärker politisch engagiert, desto wohlhabender, gebildeter und mächtiger sie sind. „Der Himmelschor derer, die Leserbriefe an ihre Lokalzeitung schreiben, Elternabende in der Schule besuchen oder ihren Senator anrufen“, so schrieb der Politikwissenschaftler Eric Schattschneider in einem Klassiker zu diesem Thema, „singt mit starkem Oberschichtakzent.“