Gesellschaft

Twitter hat’s gegeben, Twitter hat’s genommen

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Aus diesem Grund laufen gesellschaftliche und politische Schlüsselinstitutionen ständig Gefahr, von ihrer lautesten und tatkräftigsten Klientel gekapert zu werden. Kleine, aber hochgradig ideologische Interessengruppen haben immer wieder politische Parteien okkupiert, von den Unterstützern Barry Goldwaters, die ihn 1964 zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten machten, bis zu den eingefleischten Fans von Michael Foot, die diesem halfen, 1980 die Labour Party zu erobern. Auf dem Universitätscampus haben radikale Studenten schon seit ewigen Zeiten mehr Einfluss gehabt als ihre moderateren Kommilitonen. Und in Berlin und Brüssel, wie auch auf dem Capitol Hill in Washington, beherrschen Lobbyisten schon seit Langem die Kunst, die Illusion von Graswurzelunterstützung zu erzeugen, indem sie den Gesetzgeber so oft wie möglich mit ihrer Botschaft bombardieren. Im politischen wie im privaten Leben ist es oft das am lautesten quietschende Rad, das geölt wird.

Trotzdem ist der übergroße Einfluss, den kleine, nicht repräsentative Gruppe via Twitter ausüben, ein besonderer Grund für Sorge. Bis zum Aufkommen der sozialen Medien waren Menschen, die wichtige Entscheidungen fällen, mit ihren wütendsten Kritikern nur zu spezifischen Anlässen konfrontiert, auf die sie sich mental vorbereiten konnten. Ein Senator oder Mitglied des Bundestags zum Beispiel musste dem Zorn seiner lautesten Gegner nur bei gelegentlichen Bürgertreffs ertragen.

Viele solche Menschen mit Einfluss haben im Laufe der Jahrzehnte auch die unrepräsentative Natur von Lobbygruppen zu verstehen gelernt und ihr Verhalten daran angepasst. Journalisten, die Leserbriefe lesen, wissen aus langer Erfahrung, dass extremistische Leser eher den Mund aufmachen als friedfertige. Universitätspräsidenten, die mit der Studentenvertretung zu tun haben, sind sich darüber im Klaren, dass deren Mitglieder wesentlich ideologischer auftreten als die Studentenschaft insgesamt. Und wenn Politiker eine Versammlung ihrer Wählerklientel besuchen, ob es sich um eine Lehrergewerkschaft handelt oder um ein konservatives Aktionskomitee, dann ist ihnen bewusst, dass es sich dabei nur um einen besonderen Ausschnitt ihrer Wählerschaft handelt.

Wenn es um die sozialen Medien geht, bleibt diese Art von Sicherungsmechanismen allerdings jämmerlich unterentwickelt. Weil Twitter jedermann die Möglichkeit gibt, sich zu äußern, neigen die Verantwortlichen in politischen und kulturellen Einrichtungen mehr als sonst dazu zu glauben, dass die Ansichten, die sie mitbekommen, für die „allgemeine Öffentlichkeit“ repräsentativ sind. Und weil so viele einflussreiche Menschen ihre Twitter-Benachrichtigungen Dutzende Male am Tag ansehen, werden die Meinungen, die sie dort antreffen, zum dauerhaften Soundtrack ihres Lebens. Wenn sie entscheiden, was sie denken oder wie sie handeln sollen, dann ist es für sie viel schwieriger, die Kundgebungen von Empörung auf Twitter auszublenden als den einstigen „Himmelschor“.

Eine kurze Zeit lang erwog ich, Twitter zu verlassen. Aber das erschien mir dann auch wieder nicht als die richtige Lösung.
Yasha Mounk

Foto: Kon Karampelas/Unsplash

Vor einigen Monaten fing ich an zu bemerken, wie stark die negative Auswirkung von Twitter auf meine Produktivität, meine Ausgeglichenheit und mein Glücklichsein ist. Obwohl ich nicht gerade Twitter-Prominenz besitze, bekomme auch ich dort meine ordentliche Dosis an Beschimpfungen. Und obwohl der Großteil der Interaktionen, die ich auf Twitter bisher gehabt habe, sehr positiv ist, begann der stete Tropfen Feindseligkeit, den ich so im Tagesablauf abbekam, mir aufs Gemüt zu schlagen. Weil ich so tief in das Twitterversum eingetaucht war, erschien mir die Welt voller Extremisten, die ihre Tage damit verbringen, Hassbotschaften an Leute zu verschicken, deren politische Ansichten auch nur ein bisschen von ihren eigenen abweichen.

Eine kurze Zeit lang erwog ich, Twitter zu verlassen. Aber das erschien mir dann auch wieder nicht als die richtige Lösung. Zum einen gefällt es mir, meine Arbeit und Ansichten mit meinen Followern zu teilen. Zum anderen habe ich zu viele Journalisten erlebt, die grandios ihren Rückzug von Twitter angekündigt haben – nur um wenige Wochen oder gar Tage nach ihrem Abschied wieder auf der Plattform mit dabei zu sein. Stattdessen habe ich mich für eine bescheidenere Lösung entschieden: Auf meinem Computer öffne ich Twitter von Zeit zu Zeit, aber die App habe ich von meinem Mobiltelefon gelöscht, und ich habe unterbunden, dass irgendwelche Benachrichtigungen an mein E-Mail-Konto geschickt werden. Es ist nachgerade verrückt, wie sehr sich meine Lebensqualität seither verbessert hat. Ich weiß jetzt viel weniger über die jüngste Kontroverse – aber ich habe viel mehr Zeit, ein Buch oder eine längere Geschichte zu lesen. Mir entgehen einige gute Witze oder interessante Links – aber ich habe mit der Entgiftung von der fiebernden Wut begonnen, die in den hyperpolitischen Winkeln des Twitterversums die uneingeschränkte Herrschaft innehat.

Ich möchte Sie nach Kräften ermutigen, es mir nachzutun. Twitter vom Mobiltelefon zu löschen, wird mehr dafür tun, Ihre Stimmung zu heben, als Sie für möglich halten – versprochen. Und wenn wir alle diese kleine Sache für uns selber tun, dann ist es durchaus möglich, dass wir uns am Ende auch in einem Land befinden, das besser regiert wird und weniger heftig gespalten ist.

Sinkt der Stern der Demokratieverächter wieder, weil Trump und Co. als Krisenmanager versagen? Über diese und andere Fragen zur Wechselwirkungen von Corona-Epidemie und Populismus diskutieren Yascha Mounk und Christoph Giesa im Podcast Streitbar: https://plus.freiheit.org/podcasts/streitbar-extra-s01-e04


Yascha Mounk ist einer der weltweit renommiertesten Forscher zur Krise der liberalen Demokratie. Er unterrichtet Politikwissenschaft an der Harvard University, ist Senior Fellow des SNF Agora Institute der Johns Hopkins University und produziert den Podcast "The Good Fight". Sein Buch "Der Zerfall der Demokratie" hat international Debatten über den Umgang mit Populisten ausgelöst und ist in zahlreiche Sprachen übersetzt worden.

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