Gesellschaft

Twitter hat’s gegeben, Twitter hat’s genommen

Erfunden als ein Forum, auf dem die Nutzer offen über die Nachrichten des Tages diskutieren können, ist die Agenda dort heute ebenso häufig durch Prominente, Inhaber öffentlicher Ämter oder anonyme Nutzer bestimmt, die mit jemandem ein Hühnchen zu rupfen haben. Wozu das führen kann, zeigt die Geschichte der Schriftstellerin Amélie Wen Zhao.

Text: Yascha Mounk Animation: Marie Friedrich

Amélie Wen Zhao träumte davon, Schriftstellerin zu werden. In China aufgewachsen, war sie in die Vereinigten Staaten gekommen, um das College zu besuchen. Nach einem Twitter-Agenturpitch zu ihrer Idee für eine Fantasy-Reihe schienen ihre Bemühungen vor etwa einem Jahr zu fruchten: Sie bekam einen Vertrag für einen Roman-Dreiteiler von Delacorte Press, einem angesehenen Verlag für Jugendliteratur, im Umfang von 500.000 Dollar. „Ich werde eine publizierte Schriftstellerin sein!“, schrieb sie in Großbuchstaben und mit vielen Ausrufezeichen auf ihrer Website.

Doch Twitter hat’s gegeben, Twitter hat’s genommen. Nur wenige Monate vor der mit aufgeregt erwarteten Veröffentlichung ihres Buchs klagten Kritiker Zhao auf Twitter des Rassismus an. Sie hatte sich vorgenommen, sich mit der Realität der Vertragsknechtschaft in China zu befassen. Doch eine Autorin, die behauptete, eine Vorabversion des Romans gelesen zu haben, fand es nicht hinnehmbar, dass eine asiatisch-amerikanische Frau über etwas schrieb, was sie als Sklaverei interpretierte. In den darauffolgenden Tagen ergossen sich die Beschuldigungen über Zhao, wobei die große Mehrheit von Leuten stammte, die den noch unveröffentlichten Roman nicht gelesen hatten. Sie machten aus einer farbigen Einwanderin, deren Erfolg die Branche mit Stolz hätte erfüllen sollen, einen Paria, der im besten Fall als politisch problematisch und im schlimmsten Fall als schlichtweg böse galt.

Zhao hat sich „für den Schmerz“, den sie verursacht habe, in einem Twitter-Statement entschuldigt und den Verlag gebeten, das Buch nicht zu veröffentlichen. Delacorte Press kam der Bitte sofort nach und vertagte die Veröffentlichung auf unbestimmte Zeit. Ein Jahr nach ihrer erfreuten Ankündigung ist Zhao immer noch keine publizierte Schriftstellerin. Amazon gibt das Veröffentlichungsdatum ihres Buches derzeit mit 2. Januar 2080 an. Wenn man den Namen Zhao auf Google sucht, findet man als Erstes einen Eintrag aus der „New York Times“, in dem von den „Anschuldigungen wegen Rassismus“ berichtet wird, denen sie ausgesetzt war – ohne dass sich jemand die Mühe machte zu rechtfertigen, warum das Leitmedium Zhao überhaupt über diesen ekelhaften Kamm scheren musste.

Die Geschichte der Amélie Wen Zhao ist eine Geschichte über viele Dinge zugleich: Sie ist eine Geschichte über die toxische Kultur, die in der Welt der Jugendliteratur obsiegt hat. Sie ist eine Geschichte darüber, wie Journalisten, die sorglos mit ihrer Macht umgehen, als Multiplikator für unbegründete Rassismusanschuldigungen gegen eine junge farbige Frau wirken können. Aber mehr noch ist es eine Geschichte über die empörende Schwäche, in der sich Verantwortliche wichtiger gesellschaftlicher Institutionen der „öffentlichen Meinung“ beugen, wie sie sich in den Tweets von ein paar Dutzend Leuten auf Twitter darstellt – von den Journalisten der „New York Times“, die jene Verleumdungen unkritisch nachplapperten, bis zu den Lektoren von Delacorte Press, die keinerlei Versuch unternahmen, ein Werk zu verteidigen, für das sie eine halbe Million Dollar bezahlt hatten

Amélie Wen Zhao wurde in Paris geboren und wuchs in Peking auf. Mit 18 Jahren zog sie in die Vereinigten Staaten, um an einem College in New York City zu studieren. Dort lebt sie bis heute. Ihr erster Roman „Blood Heir" wurde 2019 veröffentlicht.

Foto: Nathan Bajar

Pflicht gebiert Gewohnheit, Gewohnheit gebiert Sucht

Seit Donald Trump Twitter zu seinem bevorzugten Medium gemacht hat, um mit dem Land zu kommunizieren, hat die Plattform einen übergroßen Einfluss auf die politische Vorstellungskraft. Erfunden als ein Forum, auf dem die Nutzer über die Nachrichten des Tages diskutieren können, ist die Agenda heute ebenso häufig durch die neuesten Tweets von Prominenten, Inhabern öffentlicher Ämter oder anonymen Nutzern bestimmt, die mit jemandem ein Hühnchen zu rupfen haben.

Für einige der einflussreichsten Menschen im Land ist es damit Teil der Aufgabenbeschreibung geworden, auf Twitter aktiv zu sein. Ein Politiker, Journalist oder Wirtschaftsführer, der sich nicht der sozialen Medien bedient, vergibt eine kostbare Chance, das Gespräch zu steuern. Und eine öffentliche oder halb-öffentliche Figur, die nicht überwacht, was auf der Plattform geschieht, läuft Gefahr, Angriffe und Anschuldigungen nicht mitzubekommen, die rasch ihren Weg in die Schlagzeilen überregionaler Zeitungen und in die Einblendungen der Kabelfernseh-Nachrichtensender finden. Pflicht gebiert Gewohnheit und Gewohnheit, nur zu oft, Sucht. Die aktivsten Twitter-Nutzer, die ich kenne, schauen auf der Plattform nach, was ihnen entgangen ist, sobald sie nur aufwachen. Über den Tag nutzen sie die kleinen Zeitfenster, über die sie auf dem Weg zur Arbeit oder zwischen Meetings verfügen, um die Drehungen und Wendungen der Kontroversen des Tages zu verfolgen. Selbst wenn sie abends mit der Familie am Esstisch Platz nehmen, applaudieren sie noch einer Attacke auf ihren Feind oder schäumen wegen des gemeinen Tweets, den ein anonymes Konto ihres Wegs geschickt hat. Nur wenige Minuten, bevor sie einschlafen, prüfen sie noch einmal ihre Benachrichtigungen auf der Suche nach einem letzten Stück Bestätigung („Ist mein Tweet endlich viral gegangen?“) oder einem Mindestmaß an geistiger Ruhe („Greift irgendjemand Wichtiges mich gerade an?“). Wie Sarah Longwell mir sagte, eine konservative Strategieberaterin in Washington: „Ich bin abhängig von Twitter. Dort gehe ich hin, wenn mein Kopf zur Ruhe kommt – was natürlich bedeutet, dass mein Kopf überhaupt niemals zur Ruhe kommt.“

Twitter hat’s gegeben, Twitter hat’s genommen

Erfunden als ein Forum, auf dem die Nutzer offen über die Nachrichten des Tages diskutieren können, ist die Agenda dort heute ebenso häufig durch Prominente, Inhaber öffentlicher Ämter oder anonyme Nutzer bestimmt, die mit jemandem ein Hühnchen zu rupfen haben. Wozu das führen kann, zeigt die Geschichte der Schriftstellerin Amélie Wen Zhao.