Wirtschaft

Die Welt zerfällt wieder in Blöcke

Bereits vor der Corona-Krise hatten die Vereinigen Staaten und China ein neues Zeitalter von Abschottung und Protektionismus eingeleitet. Die Konfrontation der Supermächte ist nicht ideologisch, sondern vor allem wirtschaftlich getrieben. Und Europa spielt dabei kräftig mit.

Die Welt zerfällt wieder in Blöcke

Bereits vor der Corona-Krise hatten die Vereinigen Staaten und China ein neues Zeitalter von Abschottung und Protektionismus eingeleitet. Die Konfrontation der Supermächte ist nicht ideologisch, sondern vor allem wirtschaftlich getrieben. Und Europa spielt dabei kräftig mit.

Text: Constantin Eckner

Die Corona-Krise hat die globale Wirtschaft auf einen Schlag beinahe zum Erliegen gebracht. Die Produktion wird heruntergefahren, Lieferketten sind unterbrochen, der Konsum ist durch notwendige Beschränkungen erschwert. Aktuell ist noch nicht abzusehen, wann und wie diese Krise endet, aber sie wird unweigerlich die wirtschaftlichen Beziehungen in aller Welt erheblich beeinflussen. Aus der Geschichte wissen wir, dass viele Staaten während und nach Krisen starken Protektionismus entfalten. Der geistige Vater des New Deal, der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt, antwortete 1933 auf eine Einladung zur internationalen Wirtschaftskonferenz in London, die funktionierende heimische Wirtschaft einer Nation sei ein wichtigerer Faktor für ihr Wohlergehen als eine internationale Konferenz. Die Völker der Erde müssten allesamt ihre individuellen Wege aus der Weltwirtschaftskrise finden.

Heute ähneln sich die Maßnahmen, die in der Corona-Krise eine tiefe Rezession abwenden sollen, in allen Ländern stark. Dieser Gleichklang indes kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Weltgemeinschaft bereits seit geraumer Zeit auf dem Weg in die Fragmentierung befindet. Dreißig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall der Sowjetunion ist die Menschheit weiterhin nicht in der Lage, sich den globalen Herausforderungen gemeinsam anzunehmen – sei es im Klimaschutz oder eben im Fall einer Pandemie. Ein Hauptgrund ist die geopolitische Multipolarität: Auf der einen Seite stehen die Vereinigten Staaten mit ihrem isolationistischen Präsidenten, auf der anderen Seite hat sich China mit seinem restriktiven Hybridregime etabliert. Auch Russland ist weiterhin ein mächtiger Akteur im Weltgeschehen. Und dazwischen befindet sich Europa, das ebenfalls vor allem auf die eigenen Belange schaut.

Francis Fukuyama hat zwar recht behalten mit seiner berühmten Vorhersage, dass es zu keinem neuerlichen ideologischen Zweikampf zwischen den großen Blöcken kommen werde. In der geopolitischen und geoökonomischen Auseinandersetzung strebt kaum jemand mehr die Hegemonie einer Ideologie an. Heute konkurrieren „post-ideologische, nationalistische Mächte um Einfluss, Ressourcen, Märkte und Gebiete“, wie es Ivan Krastev und Stephen Holmes in ihrem Buch „The Light that Failed“ formulieren. Das Resultat ist nicht viel besser.

Heute konkurrieren post-ideologische, nationalistische Mächte um Einfluss, Ressourcen, Märkte und Gebiete.
Constantin Eckner

Text: Constantin Eckner

Die Corona-Krise hat die globale Wirtschaft auf einen Schlag beinahe zum Erliegen gebracht. Die Produktion wird heruntergefahren, Lieferketten sind unterbrochen, der Konsum ist durch notwendige Beschränkungen erschwert. Aktuell ist noch nicht abzusehen, wann und wie diese Krise endet, aber sie wird unweigerlich die wirtschaftlichen Beziehungen in aller Welt erheblich beeinflussen. Aus der Geschichte wissen wir, dass viele Staaten während und nach Krisen starken Protektionismus entfalten. Der geistige Vater des New Deal, der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt, antwortete 1933 auf eine Einladung zur internationalen Wirtschaftskonferenz in London, die funktionierende heimische Wirtschaft einer Nation sei ein wichtigerer Faktor für ihr Wohlergehen als eine internationale Konferenz. Die Völker der Erde müssten allesamt ihre individuellen Wege aus der Weltwirtschaftskrise finden.

Heute ähneln sich die Maßnahmen, die in der Corona-Krise eine tiefe Rezession abwenden sollen, in allen Ländern stark. Dieser Gleichklang indes kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Weltgemeinschaft bereits seit geraumer Zeit auf dem Weg in die Fragmentierung befindet. Dreißig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall der Sowjetunion ist die Menschheit weiterhin nicht in der Lage, sich den globalen Herausforderungen gemeinsam anzunehmen – sei es im Klimaschutz oder eben im Fall einer Pandemie. Ein Hauptgrund ist die geopolitische Multipolarität: Auf der einen Seite stehen die Vereinigten Staaten mit ihrem isolationistischen Präsidenten, auf der anderen Seite hat sich China mit seinem restriktiven Hybridregime etabliert. Auch Russland ist weiterhin ein mächtiger Akteur im Weltgeschehen. Und dazwischen befindet sich Europa, das ebenfalls vor allem auf die eigenen Belange schaut.

Francis Fukuyama hat zwar recht behalten mit seiner berühmten Vorhersage, dass es zu keinem neuerlichen ideologischen Zweikampf zwischen den großen Blöcken kommen werde. In der geopolitischen und geoökonomischen Auseinandersetzung strebt kaum jemand mehr die Hegemonie einer Ideologie an. Heute konkurrieren „post-ideologische, nationalistische Mächte um Einfluss, Ressourcen, Märkte und Gebiete“, wie es Ivan Krastev und Stephen Holmes in ihrem Buch „The Light that Failed“ formulieren. Das Resultat ist nicht viel besser.

Heute konkurrieren post-ideologische, nationalistische Mächte um Einfluss, Ressourcen, Märkte und Gebiete.
Constantin Eckner

Unter protektionistischen Parolen wie „America first“ droht die Welt in einen Geist der Abschottung zu gleiten, wie es ihn nicht einmal im Kalten Krieg gab.

Foto: Paul Sancya/picture alliance/AP images

Multilaterale Organisationen wie die WTO haben für die Politik vieler Staaten immer weniger Bedeutung. Kooperation hat keine Konunjktur in der Weltpolitik.

Foto: Bloomberg via Getty Images

Geist der Abschottung

Unter protektionistischen Parolen wie „America first“ droht die Welt in einen Geist der Abschottung zu gleiten, wie es ihn nicht einmal im Kalten Krieg gab. Wie weit diese Abschottung schon gediehen ist, zeigen Zahlen der Welthandelsorganisation (WTO). Allein zwischen Mitte Mai und Mitte Oktober 2019 haben die G20-Länder restriktive Importregularien auf Güter im Wert von 460 Milliarden Dollar angewendet, was einen Anstieg von 37 Prozent im Vergleich zu fünf Monaten zuvor bedeutet. Die WTO revidierte daraufhin ihre Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft von 2,6 auf 1,2 Prozent. Nun ist mit der Corona-Krise ein unerwarteter Einschnitt hinzugekommen, der auch diese Prognosen obsolet macht.

Im Abschottungsreigen ist Europa nicht nur ein Leidtragender, sondern spielt seit geraumer Zeit kräftig mit. So erklingt hier immer wieder der Ruf, „European Champions“ zu schaffen. Das ist nichts anderes als Protektionismus und planwirtschaftliches Agenda-Setting. Woher möchte schon ein EU-Kommissar oder ein Minister wissen, welches Unternehmen ein „Champion“ werden sollte? Doch in Brüssel fürchtet man Übernahmen von Unternehmen durch fremde Investoren – und aktuell mehr denn je einen weiteren Verlust an strategischer Autonomie.

Nun kommt ein breit angelegtes staatliches Krisenmanagement hinzu, das „systemrelevante“ Unternehmen vor dem Kollaps bewahren soll und mit dem man vor allem Arbeitnehmern wie Arbeitgebern in besonders betroffenen Branchen unter die Arme greifen will. Doch auch ohne diese in der gegenwärtigen Sondersituation gut begründbaren Maßnahmen sind die Hemmschwellen für wirtschaftspolitischen Interventionismus niedriger denn je – nicht nur im staatskapitalistischen China, sondern auch in den Vereinigten Staaten und in Europa.

Jeremy Rifkin schrieb 2004 in seinem Buch „The European Dream“, das 21. Jahrhundert werde das Jahrhundert der Europäer sein. Er sprach ihnen ein globales Bewusstsein zu und erwartete, dass sie die richtigen Antworten auf die Herausforderungen der Globalisierung finden würden. Doch aus positivem Vorwärtsdenken sind Angst und Abwehr geworden, der Interventionismus nimmt zu. Den Zerfall der Welt in Blöcke zu überwinden und die großen gemeinsamen Aufgaben der Menschheit zu schultern, wird so gewiss nicht gelingen. Dabei wäre es dringend notwendig.


Constantin Eckner ist Doktorand an der School of History der University of St Andrews, Schottland. Er war von 2016 bis 2019 Promotionsstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und Chefredakteur des Stipendiaten- und Altstipendiatenmagazins „freiraum“.