Wirtschaft

„Wir zeigen der Politik, was möglich ist“

Mit der Buchhaltung der Nachhaltigkeit auf die Sprünge helfen: Das ist die Idee hinter dem Forschungsprojekt Quarta Vista. Es soll dafür sorgen, dass die Unternehmen künftig nicht mehr nur auf den finanziellen Gewinn starren, sondern für Gesellschaft, Natur und Wissen Gutes tun – weil sich das lohnt. Ein Interview mit dem Projektleiter Reiner Bildmayer.

Interview: Karen Horn

Illustration: Michael Pauker

Herr Bildmayer, Quarta Vista ist ein vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördertes Forschungsvorhaben zur Entwicklung eines „Navigationssystems für werteorientierte Unternehmen“. Was darf man sich genau darunter vorstellen? Ein Buchhaltungssystem, das es Unternehmen erlaubt zu erfassen, welchen Beitrag sie, über ihren finanziellen Gewinn hinaus, zu Gesellschaft, Natur und Wissen erbringen. Das Ziel ist, dass sie damit in der Lage sein werden, ihre Aktivitäten künftig entlang dieser vier Dimensionen mithilfe einer Buchhaltungssoftware zu steuern. Können die Unternehmen das bisher denn nicht? Na ja, wenn ich im Unternehmen nachhaltig handle, beispielsweise wenn ich meine Angestellten in eine Schulung schicke, habe ich Aufwendungen. Die kann ich in der Buchhaltung als Aufwandsposten sehen. Aber dass mir diese Aufwendungen langfristig mehr Ertrag bringen, steht nirgends. Wir versuchen, erwartete Erträge mithilfe von werterhöhenden Zuschreibungsregeln sichtbar zu machen, sozusagen umgekehrt analog zu den Abschreibrungsregeln für Kapitalgüter. Das wäre hilfreich. Klar kann eine Bilanzierung nach Quarta-Vista-Standard keine steuerrechtliche Gültigkeit beanspruchen. Aber man kann ja einmal experimentieren und der Politik aufzeigen, was möglich ist. Wirtschaftlichen Ertrag misst man in Euro. Beiträge zu Gesellschaft, Natur und Wissen zu isolieren, zu messen und vergleichbar zu machen, ist viel schwieriger. Wie machen Sie das? Richtig, eine Buchhaltungssoftware um Zuschreibungsregeln zu erweitern, ist technisch keine Hexerei; schwierig ist die Bewertung der nichtökonomischen Erträge. Wir stützen uns da auf den Fundus von gut 500 Parametern, die unser Projektpartner entwickelt hat, die Regionalwert AG Freiburg. Dank deren Expertise haben wir Bewertungsempfehlungen für alles Mögliche, bis hin zur Erfassung des Tierwohls in Abhängigkeit von der Fläche, auf der sich ein Küken bewegen kann. Für einige Bio-Lebensmittelunternehmen im Südbadischen entwickeln wir jetzt jeweils Kontenpläne, in die sie einbringen können, was sie alles Gutes tun, und darauf wenden wir die Bewertungsparameter an. Sind diese Bewertungen dann in Stein gemeißelt oder könnten Unternehmen, die diese Buchhaltungssoftware auch ohne eine unmittelbare steuerliche Relevanz von Quarta Vista nutzen wollten, die Erfolgsfaktoren nach eigenem Gutdünken gewichten? Absolut. Solange da gesetzlich nichts fixiert ist, ist es ein IT-Tool mit allen Freiheitsgraden. Und bis die Politik da einmal zu einer gesetzlichen Regelung kommt, wird es noch viel zu diskutieren geben. Wird sich diese breitere Ausrichtung für Unternehmen auch finanziell lohnen? Natürlich, zumal sie mit einer Quarta-Vista-Buchführung sogar ihre Reputation verbessern können. Überprüfbar nachhaltig handelnde Unternehmen sind für Kunden attraktiver und können auch leichter an Finanzierungen kommen, denn den Banken wird das Thema zunehmend wichtig. Auch für die BaFin scheint das von Bedeutung zu sein. Wann wird das Navigationssystem einsatzbereit sein? Die Corona-Krise hat uns zeitlich jetzt ein wenig ausgebremst, aber bis Ende Februar 2021 sollte auf jeden Fall das Forschungsprojekt abgeschlossen sein. Ein vermarktbares Produkt liegt damit noch nicht vor, wir sind ja nicht gefördert worden, damit SAP seinen Kunden etwas Neues anbieten kann, sondern dies ist ein Forschungsprojekt.

Auch die Erfassung des Tierwohls in Abhängigkeit von der Fläche kann künftig in der Buchhaltung eine Rolle spielen.

„Wir haben Bewertungsempfehlungen bis hin zur Erfassung des Tierwohls in Abhängigkeit von der Fläche, auf der sich ein Küken bewegen kann.“

Das neue Buchhaltungssystem, erlaubt es Unternehmen zu erfassen, welchen Beitrag sie für Gesellschaft, Natur und Wissen erbringen.


Reiner Bildmayer, Diplom-Ingenieur, ist Vice President Research & Innovation bei SAP und Projektleiter für Quarta Vista, ein Forschungsprojekt im Bundesprogramm „Zukunftsfähige Unternehmen und Verwaltungen im digitalen Wandel“ (EXP).