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Bald wieder Weltbürger

In Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Pandemie macht die Verunsicherung vor niemandem halt. Um mit ihr klarzukommen, braucht es Bildung.

Text: Alexander Görlach Illustration: Emmanuel Polanco

Der Weltbürger, der vor der Pandemie einen U-Bahn-Wagon in New York bestieg, konnte in eine Gruppe von hundert Passagieren verschiedenster Ethnien eintauchen. Ein solches Wahrnehmen des Anderen mündet über die Zeit in eine Gewöhnung, die das Ausblenden des Unterschieds möglich macht. Ausblenden zu können, ist zentral für das Zusammenleben. Nur wenn es die Vereinbarung gibt, dass wir einander nichts antun, kann unser mentaler Apparat dazu übergehen, das Plurale als das Normale zu verbuchen und ihm keine Bedeutung mehr beizumessen.

In einem Land, das Welt heißt

In Deutschland verfügen Städte mit 100 000, 200 000 oder 300 000 Einwohnern über Universitäten, an denen Menschen aus dem In- und Ausland studieren, und über Unternehmen mit internationaler Belegschaft. Zudem sind wir seit den Sechzigerjahren mit Wirtschaftsmigration vertraut. Damals kamen Menschen aus Korea, Vietnam, der Türkei, Griechenland, Italien, Spanien und Portugal. Zudem haben wir neun Nachbarstaaten, was die Menschen in den Grenzregionen zu halben „Anywheres“ macht, wie der britische Autor David Goodhart sie nennt: jenen Leuten, die überall leben können, gegenüber den verwurzelten und an ihre Scholle gebundenen „Somewheres“.

In den vergangenen drei Jahrzehnten haben wir erlebt, wie Globalisierung und Digitalisierung unser Leben einschneidend verändert haben: Die Automatisierung nimmt dem Menschen bestimmte Arbeiten ab, globale Lieferketten ermöglichen die Produktion in günstigeren Ländern, Digitalisierung und künstliche Intelligenz zerstören Jobs und schaffen neue. In der Vergangenheit haben solche Prozesse am Ende zu mehr und neuer Arbeit geführt, die den Wegfall des Alten kompensiert hat. Meist handelte es sich dabei um manuelle Arbeit, die von Maschinen übernommen wurde.

Die Fortschritte der künstlichen Intelligenz hingegen fordern nun erstmals bei den sogenannten White-Collar-Berufen einen Tribut: Rechtsanwälte, Ärzte, Banker und die, die mit ihnen arbeiten, werden durch die größere Leistungsfähigkeit von Rechnern überholt, sodass in ihren Berufen mit dem Wegfall vieler Arbeitsplätze zu rechnen ist. Die Geschwindigkeit dieses Prozesses ist heute um ein Vielfaches größer als in der Vergangenheit. Wir befinden uns in einer Zeit großer Transformation.

Der amerikanische Zukunftsforscher Alvin Toffler beschrieb in seinem 1970 erschienenen Buch „Future Shock“, wie es in Zeiten exponentiellen Wandels zu einer Verunsicherung in der Gesellschaft kommen kann, die selbst die Eliten einbezieht, also jene „Anywheres“, die eigentlich flexibel genug für die Bewältigung dieser Herausforderung sein sollten. Die Konsequenz sei ein Strudel aus Ungewissheit und Lähmung, der das ganze Land erfasse und die öffentliche Meinung bestimme.

Die Fortschritte der künstlichen Intelligenz fordern auch bei den „White-Collar-Berufen“ ihren Tribut – bei Anwälten, Ärzten, Bankern.

Das Gefühl, ausgeliefert zu sein

Genau das haben wir in den vergangenen Jahren erlebt: Die Ungewissheit, was die Zukunft bringen mag, fördert die Rückbesinnung auf Identität in einem traditionellen Sinn. Nicht die Chancen stehen im Vordergrund, die eine prosperierende Zukunft im Hinblick auf ein sich veränderndes soziales Gefüge der Gesellschaft bringt, sondern Abwehrkämpfe. Dies zeigt sich auch darin, dass reiche, gut ausgebildete und gut vernetzte „Anywheres“ 2016 für Donald Trump oder den Brexit gestimmt haben.

Es ist also alles andere als ausgemacht, dass ein sauberer ideologischer, auf verschiedenen Werten basierender Schnitt zwischen „Any­wheres“ und „Somewheres“, wie ihn David Goodhart vornimmt, tatsächlich zu beschreiben in der Lage ist, was derzeit vor sich geht. Eine schöne Loftwohnung, eine gute Ausbildung oder genug Ersparnisse sind keine zureichenden Schutzschilde gegen das Gefühl von Ausgeliefertsein. Wenn alte Gewissheiten nicht mehr tragen und sich Neues noch nicht Bahn gebrochen hat, entsteht ein Vakuum, auf individueller wie auf staatlicher und internationaler Ebene.

Weltbürger lernen

Die Einzelnen werden künftig mit dem, was sie zum Ausüben eines Berufs und zum Verständnis ihres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfelds in Schule und Ausbildung erlernt haben, nicht mehr durch ihre gesamte Erwerbsbiografie kommen. Nur im Deutschen gibt es den Ausdruck, jemand habe „ausgelernt“, was sich auf den Abschluss einer zwei- oder dreijährigen Berufsausbildung bezieht.

„Ausgelernt“ hat heute niemand mehr. Die Forderung nach „lebenslangem Lernen“ hat es bereits in den Jargon politischer Sonntagsreden geschafft, ohne dass völlig klar ist, was es genau zu erlernen gibt und wozu: Welche Fähigkeiten werden in der Zukunft benötigt und welche Jobs wird es noch geben? Das Erlernen von kritischem Denken, ganzheitlichem Verstehen, empathischer Aneignung von Wissen dürfte das Kernelement jeden Lernens, Wissens und Verstehens bleiben.

Damit steht auch fest, dass uns kein Algorithmus abnehmen kann, miteinander umzugehen. „Anywheres“ und „Somewheres“ können es sich also nicht in ihren jeweiligen Zonen gemütlich machen und den anderen ausblenden, wenn am Ende dieses Prozesses nicht Ignoranz und die Unfähigkeit stehen sollen, die Welt in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass „Anywheres“ und „Somewheres“ gleichermaßen Bildung und Ausbildung als essenzielle Güter anerkennen – und diese auch bekommen. Die Pandemie jedoch lässt durch das Schließen von Bildungseinrichtungen eine „Generation Corona“ entstehen, deren Bildung sich massiv verschlechtert – und damit auch die späteren Erwerbseinkommen. In manchen Staaten stehen schlecht organisierte oder finanzierte Gesundheitssysteme vor dem Kollaps. Soziale Ungerechtigkeiten verstärken sich durch die pandemiebedingten Wirtschaftskrisen.

Der Weltbürger ist indes nicht deswegen überall auf der Welt zu Hause, weil er keine Heimat hätte, sondern weil er weiß, dass ihn in der Art, wie er sich in die Welt setzt und sich in ihr versteht, nichts von anderen Menschen unterscheidet. Weil er eine Heimat hat, weiß er, dass alle anderen ebenfalls eine Heimat haben. Er erkennt an, dass alle Menschen Teil der Menschheitsfamilie sind.

Alexander Görlach ist Senior Fellow am New Yorker Carnegie Council for Ethics in International Affairs.

Foto: Hong Kiu Cheng