Editorial

Eine Epoche geht zu Ende

Karl-Heinz Paqué, Herausgeber und Vorsitzender des Vorstands der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

Liebe Leserinnen und Leser,

geht die Pandemie in Europa ihrem Ende zu? Wir wissen es noch nicht, aber vieles spricht dafür, dass wir mit dem Rückgang von Co­rona, wenn er sich denn als nachhaltig erweist, an einer Zeitenwende angelangt sind.

In Deutschland stehen Bundestagswahlen an, die Ära Merkel wird ab dem Herbst der Vergangenheit angehören. Sie hinterlässt eine Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen schwächelndem Wachstum und drohender Spaltung sowie mit einer gefährlichen Tendenz, ihre Offenheit einzubüßen. Global drängt sich der Eindruck auf, dass die dreißigjährige Phase der überaus dynamischen Expansion und Integration der Weltwirtschaft sich ihrem Ende zuneigt. China, Indien und die osteuropäischen Länder haben ihren festen Platz in der weltweiten Arbeitsteilung eingenommen. Die Globalisierung verlangsamt sich, die Geopolitik meldet sich zurück, genauso wie der Nationalismus sowie Staatskapitalismus und Protektionismus. Überall neue Bedrohungen für die liberale Demokratie. Manche sprechen sogar in warnendem Tonfall von neuen kalten Kriegen des 21. Jahrhunderts.

In solchen Zeiten muss Grundsätzliches diskutiert werden, gerade unter Liberalen, und zwar mit Optimismus und Weitblick: Geschlossene oder doch offene Gesellschaft? Wie kann es weitergehen? Ganz weit oben auf der Liste der Prioritäten muss das Wohl künftiger Generationen stehen. Max Schulze sieht in dem Karlsruher Richterspruch zur Klimapolitik entgegen aller Unkenrufe enorme Chancen auf politische Gestaltung. Deirdre McCloskey widerspricht mit Nachdruck den Anti-Liberalen dieser Welt, indem sie auf die weltumspannenden Erfolge des Liberalismus verweist. ­Michael Zürn plädiert für die Stärkung der repräsentativen Elemente der Demokratie, die im Zeichen von Globalisierung und Interdependenz geschwächt wurden. Und David Goodhart diagnostiziert eine Art Regression der Globalisierung, bei der das Lokale bevorzugt wird – zulasten der weiträumigen Verflechtungen.

Der Blick nach vorn ist auch ein Blick zurück. Vor 50 Jahren gab es wie heute einen Epochenbruch. Und es gab Köpfe und Stimmen, die diesen zum Gegenstand ihres Denkens machten. Genau so kann man im Rückblick die Freiburger Thesen der Freien Demokraten verstehen, die 1971 aufgestellt wurden. Veronika Grimm nimmt sie als Startpunkt für ihre Analyse der nachhaltigen Innovationskraft. Auch John Rawls’ berühmtes Buch „A Theory of Justice“, ebenfalls 1971 ­publiziert, liefert einen zeitlosen Denkrahmen. Seine liberale Konzeption einer meritokratischen Gesellschaft überzeugt noch heute. Ungleichheit wird darin nur dadurch gerechtfertigt, dass sie auch den Schwächeren in der Gesellschaft hilft, ihre Lage zu verbessern – und zu diesen zählen natürlich auch künftige Generationen. Ich selbst nehme diesen Gedanken in meinem Beitrag zum 50. Geburtstag von Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit auf – mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen.

Für uns Liberale ist klar: Eine geschlossene Gesellschaft ist keine Lösung. Wir schauen in diesem Heft lieber darauf, was unsere Demokratie jetzt braucht. Viel Freude und Anregung beim Lesen!

Foto: Photothek/Thomas Imo