Wirtschaft

Mit List gegen China

Der Ökonom Friedrich List forderte schon Anfang des 19. Jahrhunderts mehr Infrastruktur, mehr Innovation und mehr Bildung. Und heute? Beherzigt der Westen Friedrich Lists Empfehlungen, kann er China die Stirn bieten.

Text: Boris Petschulat

Friedrich List muss ein Tausendsassa gewesen sein. Der im Revolutionsjahr 1789 geborene schwäbische Handwerkersohn wurde mittlerer Beamter, Abgeordneter, Diplomat, Ökonom, Publizist und Unternehmer. Als liberaler Vordenker der Zollunion, Europäer und Eisenbahnpionier belegt er einen festen Platz in den Geschichtsbüchern. Und auch heute noch hat List mit seinen Ideen einiges an Inspiration zu bieten.

Trotzdem war er „ein tragischer Deutscher“, wie sein schwäbischer Landsmann Theodor Heuss zu Lists 100. Todestag traurig formulierte, einen Buchtitel des Schriftstellers Karl August Meißinger aufgreifend. „Wenn der Name Friedrich List genannt wird, bekommen die Deutschen ein schlechtes Gewissen“, hatte der erste Bundespräsident und große Liberale schon in den Dreißigerjahren in seiner schönen List-Vignette für das Sammelwerk „Die großen Deutschen“ geschrieben.

„Wenn der Name Friedrich List genannt wird, bekommen die Deutschen ein schlechtes Gewissen.“

Theodor Heuss

Das war nicht nur auf den Freitod des Reutlingers im Jahr 1846 gemünzt, sondern auf das, was diesem vorausgegangen war: dass List seiner Zeit wohl allzu weit voraus war, deshalb immer wieder auf tiefes Unverständnis stieß und sich in Konflikten mit den politischen Mächten und der Bürokratie verstrickte. Außerhalb der Ökonomenzunft sind seine Ideen und Ansätze hierzulande in Vergessenheit geraten.

Zu Lists Zeiten war Deutschland eine junge Volkswirtschaft, heute ist es eine reife. Die steht vor immensen Herausforderungen: Seine Kernindustrie rund um das Automobil muss einen Strukturwandel ungeahnten Ausmaßes bewältigen. Große Digitalkonzerne wie in den USA oder in China sucht man mit Ausnahme von SAP vergeblich.

Im frühen 19. Jahrhundert hinkte Deutschland dem Vereinigten Königreich in der Industrialisierung dramatisch hinterher. Deutschland war quasi das China des 19. Jahrhunderts. Der Ausdruck „Made in Germany“ stand am Anfang für alles andere als ein Qualitätssiegel. Er wurde im Vereinigten Königreich erfunden, um deutsche Waren zu diskreditieren. Damit wollte man auf die angeblich minderwertige Qualität der deutschen Billigprodukte hinweisen. Dass Deutschland seinen industriellen Rückstand gegenüber Großbritannien mit der Zeit tatsächlich abbauen konnte und kräftig aufholte, lag daran, dass man sich schließlich doch noch der wirtschaftspolitischen Rezepte bediente, die auf List zurückgingen. Denn dieser war ein Vorkämpfer für das Eisenbahnnetz gewesen – für jene wesentliche Infrastruktur, die eine kräftige Industrialisierung erst möglich machte und den technischen Fortschritt so befeuerte. Und List wusste auch, dass eine gute Bildung für möglichst breite Bevölkerungsschichten notwendig war, um zu Wohlstand zu kommen und auch die noch immer grassierende Armut vor allem in den ländlichen Gebieten zu bekämpfen.

Um dem List’schen Geist wirklich gerecht zu werden, müsste man heute wieder auf Infrastruktur, technischen Fortschritt und Bildung setzen – und das beherzt.

International berühmt, aus freihändlerischer Sicht auch berüchtigt gemacht hat ihn der sogenannte Erziehungszoll: Friedrich List war davon überzeugt, dass der industrielle Nachzügler Deutschland seine Industrien schützen müsse, damit es gegenüber England aufholen könne. In der jüngeren Vergangenheit war es neben Japan das moderne China, das sich in seiner nachholenden Entwicklung beispielsweise auf dem Feld der Digitalisierung nach dem List’schen Gedanken richtete, eigene Unternehmen großzuziehen und wettbewerbsfähig zu machen. Dafür bedurfte es noch nicht einmal der Schutzzölle. Stattdessen hielt das Regime Konkurrenten wie Google, Amazon und Facebook vom heimischen Markt fern und konnte so zugleich die Meinungsfreiheit beschränken. Jedenfalls nutzte China seinen wachsenden Binnenmarkt, um Alibaba, Tencent und Baidu heranzuzüchten. Ihnen räumte man große wirtschaftliche Freiheiten ein. Heute sind sie innovative globale Internetgiganten.

Allerdings liegen die Kehrseiten eines solchen Wirtschaftsmodells auf der Hand, und diese dürfte seinerzeit auch List schon geahnt haben. Da ist zum einen die Unsicherheit, ab welchem Punkt der staatliche Schutz von Industrien die Wettbewerbsfähigkeit des Landes nicht länger befördert, sondern vielmehr beschädigt. Hier kann heute Japan als warnendes Beispiel dienen. Solange es aufholen konnte, war das Land ökonomisch höchst erfolgreich. Doch seit mindestens drei Jahrzehnten ist diese Entwicklung gestoppt und Japan hat seine einstige wirtschaftliche Vorherrschaft in Asien und darüber hinaus verloren. Zum anderen war List klar, dass das Aufholen eines Landes auch von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit abhängt. Genau daran allerdings gebricht es China seit Langem ganz gewaltig.

Im Fall von China kommt hinzu, dass unternehmerische Freiheit nicht mit anderen Freiheiten einhergeht. Der Gründer von Alibaba, Jack Ma, war monatelang aus der Öffentlichkeit verschwunden. Er hatte die Finanzregulierer des Regimes kritisiert. Die chinesische Führung sah dabei offensichtlich ihren Allmachtsanspruch gefährdet. Seitdem wurde ein Börsengang von Jack Mas Finanzarm ANT gestoppt und Alibaba mit Kartellstrafen überzogen. Ob die Maßnahmen gerechtfertigt sind, wird nie ein Gericht prüfen.

Hier liegt eine immense Herausforderung für die westliche Welt. Denn wie soll man nur mit der ökonomischen Supermacht China im 21. Jahrhundert umgehen, dem systemischen Gegenmodell des Westens, dem strategischen, auch geopolitischen Rivalen? Abschottung mittels eines Erziehungszolls hilft längst nicht mehr weiter. Um dem List’schen Geist wirklich gerecht zu werden, müsste man heute wieder auf Infrastruktur, technischen Fortschritt und Bildung setzen – und das beherzt.

In Sachen Infrastruktur ginge es heute natürlich nicht ausschließlich um ein Eisenbahnnetz, sondern um eine Digitalisierung auf Weltklasse-Niveau. Der Rückstand Deutschlands ist erheblich. Die Coronapandemie hat das gnadenlos aufgedeckt – im ländlichen Raum ebenso wie in der öffentlichen Verwaltung und im Bildungswesen. Eine andere Idee wäre ein Nationales oder europäisches Innovationssystem – eine Idee, die ebenfalls auf Friedrich List zurückgeht. So schwer es ist, einzelne Champions zu züchten, so leicht müsste es eigentlich fallen, Innovationen generell substanziell zu fördern. Wenn es um künstliche Intelligenz oder das Konzept „Industrie 4.0“ geht, kann der Staat mit einer steuerlichen Forschungsförderung oder durch Normung und Standards als Wegbereiter wichtige Dienste leisten. Außerdem sollte er für eine gute Bildung sorgen, damit sich die produktiven Kräfte künftig voll entfalten können.

Erst dann würde sich wenigstens für die Gegenwart der traurige Satz von Theodor Heuss erübrigen, Friedrich List stehe „für das Bewusstsein unter den Propheten, denen zu sagen, aber nicht zu vollenden gegeben war“.

Boris Petschulat ist Ministerialdirigent in einem Bundesministerium. Zuvor war er Leiter des Planungsstabs im Bundeswirtschaftsministerium und in der FDP-Bundestagsfraktion.

Fotos: FALKENSTEINFOTO/Alamy Stock Photo, stories/freepik, Boris Petschulat