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Gleichzeitig Deutscher, Europäer und Weltbürger

Patriotismus und Weltbürgertum schließen sich für den Psychologen Steven Arthur Pinker nicht aus. Im Interview spricht er darüber, ob es gelingen kann ein weltweites Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln, ohne dabei ganz auf Nationalstaaten und Regionalstolz zu verzichten.

Interview: Alexander Görlach

David Goodheart unterscheidet zwischen den „Anywheres“, die frei reisen und sich überall auf unserem Planeten zu Hause fühlen, und den „Somewheres“, die in einem sehr lokalen Kontext verwurzelt sind. Halten Sie dies für eine hilfreiche Unterscheidung? Die Frage der Zugehörigkeit geht mir sehr nahe. Einerseits habe ich zwei Bücher über die Vorteile des Weltbürgertums geschrieben. The Better Angels of Our Nature behandelt den Rückgang der Gewalttätigkeit, während Enlightenment Now! die positiven Wirkungen der Aufklärung thematisiert. Beiden Büchern dient die Faszination als Triebfeder, dass wir die Welt bereisen, Bürger der Welt werden und mit Menschen interagieren können, die anders sind als wir. Ich habe jedoch auch ein Buch namens The Blank Slate geschrieben, das von der modernen Ablehnung der menschlichen Natur handelt. Dieses Buch entstand teilweise als Reaktion auf die Kritik, die mir der israelische Historiker Azar Gat entgegenbrachte, als er an meinen früheren Werken bemängelte, dass sie den Gedanken verwarfen, dass Tribalismus und Nationalismus Teil der menschlichen Natur sein könnten.

Für mich lautet die Kernfrage: In welcher Beziehung stehen die menschliche Natur und die Psychologie zueinander? Ich glaube schon, dass wir einen Stammesinstinkt haben, aber dass das, was wir als Stämme oder Gruppen verstehen, symbolisch und konstruiert ist. Ich kann zum Beispiel gleichzeitig gegenüber meiner Universität, meinem Land und meiner Kameramarke ein Gefühl der Loyalität empfinden. Es gibt auf jeden Fall Gründe, die Ansicht abzulehnen, dass Stammesinstinkte eine Frage der Rasse sind. Experimente haben gezeigt, dass Stammesgefühle rassenübergreifend sind und von einer Vorstellung des Zusammenwachsens, eines gemeinsamen Ziels ausgelöst werden. Solche Ziele können von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass der Nationalstaat das notwendige Ergebnis der natürlichen Selektion sein muss. Wie können wir diese Gefühle der Gruppensolidarität aufrufen, sie aber mit einer Art Sozialkontrakt verknüpfen, der auf den guten Elementen des Nationalstaates, der Region und letztendlich der gesamten Menschheit aufbaut? Können die Vereinten Nationen dieselbe Art Patriotismus hervorrufen?

Das ist eine ausgezeichnete Frage. Rufen die Vereinten Nationen diese Gefühlen in Ihnen hervor? Ja, ich empfinde beim Anblick der UN-Flagge dasselbe Gefühl des Patriotismus wie bei der amerikanischen Flagge. Ich fühle mich stolz und sentimental, aber ich weiß nicht, wie nachhaltig das Gefühl ist.

„Letztendlich muss unser Sinn für das Weltbürgertum, zumindest sofern er die Politik beeinflusst, von Konzepten wie Rechten und Fairness angetrieben werden.“

Es kann auch vom Kontext abhängen. Können wir in Abwesenheit unseres gesellschaftlichen Kontexts überhaupt sagen, wer wir sind? Es scheint, dass uns unsere Umwelt im Sinne von „Nature versus Nurture“ immer stärker prägt als unsere Veranlagung. Ich glaube nicht, dass es eine Frage der relativen Gewichtung ist. Es geht eher darum, die verschiedenen Parameter der Natur zu beurteilen, die darauf ausgerichtet sind, unser Umfeld aufzunehmen, wie sie funktionieren und wie sie potenziell manipuliert werden können. Häufig verlassen sich Politiker, die eine nationale Identität schaffen wollen, auf die Bildersprache der Familie – das Mutterland, das Vaterland, die Brüderlichkeit. Ein anderer Ansatz stellt Gemeinsamkeiten auf andere Weise her, zum Beispiel über dieselbe Kleidung oder ähnliche Haartrachten, oder, in extremen Fällen, in Form von Verstümmelungen, die die Gruppe als völlig andere Spezies erscheinen lassen. Häufig nennen wir jemanden einen erfolgreichen Anführer, der es schafft, Dinge wie die Stammessolidarität für eine Entität zu manipulieren, bei der es sich in jedem Fall nicht um eine Familie handelt.

Schaffen die Vorstellungen von „Anywheres“ und „Somewheres“ ein Gefühl des Tribalismus und der Zugehörigkeit? Sind dies die neuen „In“ - bzw. „Out“-Gruppen? Sicherlich gibt es zwischen diesen Gruppen in der Praxis eine Unterscheidung. Die Frage ist, ob sie auch so wahrgenommen werden. Betrachten diejenigen, die für populistische Politiker stimmen, uns als ihre Gegner, und wenn ja, lässt sich dieser Antagonismus über „Anywheres“ und „Somewheres“ erklären? Oder ist es einfach das alte Muster von rechts gegen links? Es scheint mir, dass die alte Links-Rechts-Unterscheidung diese Achse des Weltbürgertums gegenüber der engeren Ortsgebundenheit überschreitet. Die amerikanische Rechte mit ihren libertären Tendenzen unterstützte eindeutig den Freihandel und die Zuwanderung, während die Trump-Populisten beide diese Dinge ablehnen. Ich weiß nicht, ob die Menschen, die populistische Parteien wählen, ihre Gegner als „Anywheres“ betrachten.

Glauben Sie nicht, dass es dort eine sichtbare Trennung gibt? Als „Anywhere“ habe ich gemerkt, dass ich, wenn ich durch die Straßen einer Stadt laufe, sei es Buenos Aires oder Genf, Kapstadt oder Tel Aviv, mich fühle, als könnte ich mich fast an jedem beliebigen Ort befinden. Die Menschen tragen dieselbe Kleidung, hören dieselbe Musik und haben dieselbe Auswahl an thailändischem und mexikanischen Essen wie fast überall anders. Dabei ist es jedoch wichtig zu beachten, dass dies nicht nur die „Anywheres“ genießen. In einem Einkaufszentrum in der Vorstadt kann man dieselben Kleider wie in Mumbai oder Paris kaufen, und man kann im Gastronomiebereich aus denselben Speisen auswählen.

Dies trifft wirklich den Kern des Weltbürgertums, das meines Erachtens aus zwei Elementen besteht. Einerseits geht es um Geselligkeit und das Gefühl, Teil derselben menschlichen Familie zu sein. Andererseits ist es materialistisch und betrachtet die Dinge aus der Perspektive, was wir einander schuldig sind. Das erklärt, warum das Weltbürgertum jetzt, in einer Zeit, in der die Ressourcen als knapp wahrgenommen werden, schwere Zeiten durchlebt. Sie stimmen zu, dass diese Polarisierung im Kern ein wirtschaftliches Element hat? Ich glaube nicht, dass Knappheit ein gutes wirtschaftliches Argument ist. Es besteht die Wahrnehmung, dass das Wirtschaftssystem den Reichen unverdiente Vorteile verschafft, aber in Wirklichkeit ist es ja nicht so, als würden wir eine Fleischknappheit erleben. Es ist nicht der Fall, dass die Menschen sich keine Kleidung leisten können. In den 1970ern mussten die Menschen Schlange stehen, um Benzin zu kaufen. Jede Woche schien es einen weiteren Rohstoff zu geben, dessen Preise in die Höhe schossen – im einen Monat war es Zucker, im nächsten der Kaffee. Das ist nicht etwas, was wir jetzt gerade durchleben, daher halte ich die Knappheit der Güter nicht für eine besonders überzeugende Erklärung.

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