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„Wir müssen das Bewusstsein ändern!“

Die Gründerin der Organisation ArbeiterKind.de, Katja Urbatsch, über ungerechte Bildungschancen, das Drama benachteiligter Kinder während der Pandemie und den Mangel an staatlicher Unterstützung.

Interview: Anders Mertzlufft Foto: ArbeiterKind

Die gerecht sind in Deutschland die Chancen auf Bildung verteilt? Welche Bildungschancen ein Kind hat, hängt hierzulande stark von seiner sozialen Herkunft ab. Ich bin selbst die Erste aus meiner Familie, die studiert hat, insofern kenne ich das Problem aus eigener Erfahrung: Man hat in der Familie kein Vorbild, also kann man niemanden fragen, der sich mit dem Studium auskennt. Es bedarf häufig eines Impulses von außen und eines starken Willens, um einen anderen Weg zu wählen als das eigene soziale Umfeld. Es gilt ja häufig immer noch: Man tut das, was die Eltern auch getan haben. Haben die Eltern nicht studiert, sondern eine Ausbildung gemacht, dann legen sie auch ihren Kindern eine Ausbildung nahe. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass viele Eltern ihren Kindern kein Studium bezahlen können.

Die Coronapandemie macht die Situation nicht einfacher… Im Gegenteil! Die Auswirkungen der Pandemie sind dramatisch für die Bildungsentwicklung vieler Kinder. Jetzt sieht man wie im Brennglas, wo die Probleme liegen. Ohne Schule findet für Kinder aus finanzschwachen Familien oft keine Bildung statt. Häufig gibt es keinen Computer und kein Internet. In beengten Wohnverhältnissen herrscht keine Lernatmosphäre. Hinzu kommen existenzielle Sorgen. Einige Eltern haben ihren Job verloren oder sind in Kurzarbeit.

Das heißt, die staatliche Bildung fällt für ganze soziale Gruppen weitgehend aus? Auch wenn es viele Initiativen gibt wie uns, die zu helfen versuchen: Private Organisationen schaffen es nicht, alle Schülerinnen und Schüler in der Pandemie zu erreichen. Immerhin nimmt die Sensibilität zu, viele Bürgerinnen und Bürger reden nicht nur darüber, sondern werden aktiv. Viele möchten sich engagieren oder unterstützen finanziell. Aber ganz klar ist: Der Staat kann an den Rahmenbedingungen noch viel verbessern.

Was genau? Die Bildungspolitik sollte stärker ausgleichen, was die Eltern nicht leisten können. Im Moment liegt die Hauptlast bei den Lehrkräften. Wir brauchen aber grundsätzlich einen Bewusstseinswandel. Es darf nicht sein, dass Jugendliche in der Berufsberatung der Arbeitsagentur gesagt bekommen, „mach doch eine Ausbildung, das reicht für dich“. Wir brauchen bessere Informationen und eine Haltung, die positive Perspektiven aufzeigt.

Würde ein Ganztagsschulmodell wie in Schweden helfen, in der Ganztagsbetreuung Pflicht ist? Wir haben ja bereits Ganztagsschulen. Aber in einem so bevölkerungsstarken Land wie Deutschland kann man nicht einfach ein Modell übertragen. Ich sehe auch, dass die Lösungen nicht so einfach sind. Diese Haltung, diese Vorurteile, die tief in der Gesellschaft verankert sind, dass wir Menschen sagen, was sie tun sollen oder wozu sie angeblich nicht fähig sind. Das ist ein Bewusstsein, das wir grundlegend ändern müssen.

ArbeiterKind.de

ist Deutschlands größte Organisation für Studierende der ersten Generation. Bundesweit engagieren sich über 6000 Ehrenamtliche in rund 80 lokalen Gruppen. Sie ermutigen Schülerinnen und Schüler aus nicht-akademischen Elternhäusern zum Studium und helfen ihnen beim Zugang zur Hochschule und auf dem Weg zum Abschluss.