Gesellschaft

Auch wir sind anfällig für Rassismus

Aber im Kampf für Gleichberechtigung und Toleranz sind viele Jugendliche zugleich handlungsbereiter als andere Generationen. Die sozialen Medien helfen bei der Mobilisierung. Und wir verfügen über eine neue Kultur des Demonstrierens.

Foto: Tayfun Coskun/picture alliance/AA

Text: Felix Langrock

Fürchterliche 8 Minuten und 46 Sekunden hat der Todeskampf des Afroamerikaners George Floyd gedauert. Die Polizeigewalt gegen Schwarze ist längst kein Geheimnis mehr – dieses Mal aber sind die Reaktionen deutlich intensiver als bisher. An den öffentlichen Protesten der „Black Lives Matter“-Bewegung nehmen viele energische, hauptsächlich junge Menschen teil. Angesichts dessen könnte man meinen, Rassismus sei vor allem ein Problem älterer Generationen, zumal doch angeblich die Vorurteile in der Regel mit dem Alter zunehmen. Dieser Eindruck stimmt so allerdings nicht. Wir Jugendlichen gehen zwar häufiger auf die Straße, aber wir sind insgesamt nicht weniger anfällig für Rassismus als die Alten. Das zeigt die „Mitte“-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2019. Rassismus findet bei uns Jüngeren, den 16- bis 30-Jährigen, fast gleich hohe Zustimmung wie bei den über 60-Jährigen. Es sind die mittelalten Jahrgänge dazwischen, die am wenigsten dazu neigen.

Und trotzdem sind es hauptsächlich wir Jugendlichen, die an öffentlichen Protesten gegen Rassismus teilnehmen. Das war tatsächlich schon immer so. Rassismus gibt es nicht erst seit einigen Wochen und Monaten. Es gibt ihn schon lange. Ebenso lange gibt es auch Proteste dagegen, an denen auch in der Vergangenheit vor allem viele junge Menschen teilgenommen haben. Trotzdem hat sich in der ganzen Zeit in Sachen Gleichberechtigung und Toleranz insgesamt wenig verbessert. Inzwischen sind die jungen Menschen nicht mehr jung, sondern haben ein mittleres Alter erreicht, und möglicherweise haben diese Leute die Hoffnung auf Veränderungen verloren. Vielleicht setzen sie sich also deswegen seltener ein, weil sie aus Erfahrung wissen, dass struktureller Rassismus schwer zu bekämpfen ist.

„Es muss uns jungen Leuten klar sein, dass Rassismus allein durch Proteste nicht aus der Welt zu schaffen ist.“

Felix Langrock

Davon dürfen wir uns aber nicht den Schwung nehmen lassen. Denn unsere Situation heute ist eine andere als noch vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren. Durch die „Fridays for Future“-Bewegung haben wir eine neue Kultur des Demonstrierens geschaffen, und die sozialen Netzwerke, in denen wir mehr unterwegs sind als andere Generationen, helfen uns dabei, uns zu mobilisieren und zu koordinieren. So hat das Amateurvideo mit Floyds verzweifelten Ausrufen „I can’t breathe“ vor allem viele von uns Jugendlichen erreicht. Ein oft geteiltes Video kann gewaltige Protestwellen auslösen. Die sozialen Medien haben die Protestkultur verändert und der Handlungsbereitschaft einen Schub gegeben.

Dabei muss uns jungen Leuten klar sein, dass Rassismus allein durch Proteste nicht aus der Welt zu schaffen ist. Und wir müssen uns bewusst sein, dass er auch in unserer Generation ein Problem ist. Auch wir sind anfällig dafür. Es liegt jetzt an uns allen, auf Rassismus nicht nur aufmerksam zu machen, sondern ihn endlich aus unseren gesellschaftlichen Strukturen zu verbannen.

Tausende Einwohner von Oxford, hauptsächlich junge Leute, versammelten sich in South Park am 7. Juni 2020 in Großbritanien, um friedlich gegen den Tod von George Floyds in den Händen der Polizei in Amerika zu protestieren.

Foto: Pete Lusabia/Alamy Stock Photo

Davon dürfen wir uns aber nicht den Schwung nehmen lassen. Denn unsere Situation heute ist eine andere als noch vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren. Durch die „Fridays-for-Future“-Bewegung haben wir eine neue Kultur des Demonstrierens geschaffen, und die sozialen Netzwerke, in denen wir mehr unterwegs sind als andere Generationen, helfen uns dabei, uns zu mobilisieren und zu koordinieren. So hat das Amateurvideo mit Floyds verzweifelten Ausrufen „I can't breathe“ vor allem viele von uns Jugendlichen erreicht. Ein oft geteiltes Video kann gewaltige Protestwellen auslösen. Die sozialen Medien haben die Protestkultur verändert und der Handlungsbereitschaft einen Schub gegeben.

Dabei muss uns jungen Leuten klar sein, dass Rassismus allein durch Proteste nicht aus der Welt zu schaffen ist. Und wir müssen uns bewusst sein, dass er auch in unserer Generation ein Problem ist. Auch wir sind anfällig dafür. Es liegt jetzt an uns allen, auf Rassismus nicht nur aufmerksam zu machen, sondern ihn endlich aus unseren gesellschaftlichen Strukturen zu verbannen.

Felix Langrock besucht die gymnasiale Oberstufe und bloggt in seiner Freizeit über Wirtschaft und Politik. Hier: felix-langrock.de