Thema

Die Freiheit der Frauen

Die Corona-Krise hat noch einmal gezeigt, dass unbezahlte Hausarbeit und „Care“-Tätigkeiten nach wie vor Frauensache sind. Damit Frauen den Konflikt zwischen Freiheit und Abhängigkeit überwinden, müssen Männer mehr tun, als hin und wieder den Müll herunterzubringen.

Text: Rebekka Reinhard Illustration: Stefan Mosebach

Was ist Glück? Liebe. Anerkennung für die Arbeit, die man täglich leistet. Und: Autonomie. Warum fällt es Frauen immer noch so schwer, das alles zu verwirklichen? Der Zusammenhang zwischen Glück und Selbstbestimmung geht schon auf das Zeitalter der Aufklärung und auf die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 zurück. Im Kontext von Freiheit, Anerkennung und Gerechtigkeit ist in ihr das Streben nach Glück als ein Grundrecht formuliert, das für jeden Menschen individuell gelten soll (vielmehr: für jeden frei geborenen weißen Mann mit Landbesitz). Doch bald schon verlangte der Expansionsdrang des männlich besetzten, autonomen, ökonomisch orientierten Glücksstrebens nach einem idyllischen Gegengewicht, das man in der häuslichen Sphäre von emotionaler wie finanzieller Abhängigkeit, Fürsorglichkeit, Frömmigkeit ansiedelte. Auf der einen Seite hellblaue Privilegien, auf der anderen rosarote Pflichten. „Der Mann hat … sein wirklich substanzielles Leben im Staate, der Wissenschaft und dergleichen“, schrieb Georg Wilhelm Friedrich Hegel 1821 in seiner Philosophie des Rechts, „und sonst im Kampfe und der Arbeit mit der Außenwelt und sich selbst …“ Dazu brauche es den Ausgleich der „Familie, in welcher die Frau ihre sub­stanzielle Bestimmung und in dieser Pietät ihre sittliche Gesinnung hat“.

Die Freiheit der Frauen

Die Corona-Krise hat noch einmal gezeigt, dass unbezahlte Hausarbeit und „Care“-Tätigkeiten nach wie vor Frauensache sind. Damit Frauen den Konflikt zwischen Freiheit und Abhängigkeit überwinden, müssen Männer mehr tun, als hin und wieder den Müll herunterzubringen.

Text: Rebekka Reinhard Illustration: Sebastian Mosebach

Was ist Glück? Liebe. Anerkennung für die Arbeit, die man täglich leistet. Und: Autonomie. Warum fällt es Frauen immer noch so schwer, das alles zu verwirklichen? Der Zusammenhang zwischen Glück und Selbstbestimmung geht schon auf das Zeitalter der Aufklärung und auf die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 zurück. Im Kontext von Freiheit, Anerkennung und Gerechtigkeit ist in ihr das Streben nach Glück als ein Grundrecht formuliert, das für jeden Menschen individuell gelten soll (vielmehr: für jeden frei geborenen weißen Mann mit Landbesitz). Doch bald schon verlangte der Expansionsdrang des männlich besetzten, autonomen, ökonomisch orientierten Glücksstrebens nach einem idyllischen Gegengewicht, das man in der häuslichen Sphäre von emotionaler wie finanzieller Abhängigkeit, Fürsorglichkeit, Frömmigkeit ansiedelte. Auf der einen Seite hellblaue Privilegien, auf der anderen rosarote Pflichten. „Der Mann hat … sein wirklich substanzielles Leben im Staate, der Wissenschaft und dergleichen“, schrieb Georg Wilhelm Friedrich Hegel 1821 in seiner Philosophie des Rechts, „und sonst im Kampfe und der Arbeit mit der Außenwelt und sich selbst …“ Dazu brauche es den Ausgleich der „Familie, in welcher die Frau ihre sub­stanzielle Bestimmung und in dieser Pietät ihre sittliche Gesinnung hat“.

Niemand kann frei und abhängig zugleich sein. Darin liegt der weibliche Glückskonflikt.

Rebekka Reinhard

Trotz rechtlicher Gleichstellung wirkt diese biedermeierliche Sphärentrennung fort. Das zeigte sich mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im März 2020, als sich alle „Systemrelevanz“ einseitig auf die helfenden Berufe verschob. Genauer: auf die Arbeitnehmer im Gesundheitswesen, die nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin zu 85 Prozent weiblich sind. 85 Prozent, die man nun zu Heldinnen stilisierte. Doch was war mit den übrigen arbeitenden Frauen; jenen, die nicht gerade an der Supermarktkasse die Stellung hielten? Wie vom Erdboden verschluckt. Nach Angaben der Beratungsfirma „Frauen Karriere Index“ meldeten Unternehmen aller Branchen plötzlich weniger Bewerbungen von Frauen. Internationale Fachzeitschriften wie das „British Journal for the Philosophy of Science“ berichteten von drastischen Rückgängen wissenschaftlicher Veröffentlichungen aus weiblicher Feder.

Es zeigte sich, wie sehr nicht nur unsere Wirtschaft auf Kante genäht ist, sondern auch unsere Familien. Neben Homeoffice waren nämlich auch Homeschooling und Home-Kita angesagt. Viele arbeitende Väter taten viel im Haushalt und in der Kinderbetreuung (und tun es immer noch). Doch wie viele von ihnen brillierten neben ihrer Performanz am Schreibtisch auch in der Rolle der Pflegerin, Reinigungsfrau, Toilettenfrau? Unbezahlte Hausarbeit und sorgende „Care“-Tätigkeiten sind aufgrund fest verankerter Rollenbilder in aller Welt nach wie vor Frauensache, wie die große OECD-Studie von 2014 ergab und die Corona-Studie der Universität Mannheim 2020 für Deutschland bestätigte.

Abhängigkeit, Fürsorglichkeit, Frömmigkeit. Diese geschlechtsspezifischen Normen entstammen eben jener Werteorientierung, gegen die die Aufklärung mit ihren Ideen von Freiheit, Vernunft und „Weltbürgerschaft“ (Immanuel Kant) aufbegehrte. Heute hat Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts die dritthöchste Erwerbstätigenquote bei Frauen (76 Prozent) in aller Welt. 47 Prozent arbeiten in Teilzeit. Sind Frauen also nicht längst „frei“? Jein. Das moderne Upgrade der weiblichen Ideal-Norm definiert das unmögliche Soll, in der Sphäre bezahlter Arbeit durchzustarten – und zugleich die Sphäre „ehrenamtlicher“ Fürsorge zu bespielen. Aber niemand kann frei und abhängig zugleich sein. Darin liegt der weibliche Glückskonflikt.

Viele Männer tragen heute dazu bei, die alte Sphären-Trennung aufzuheben. Sie waschen, putzen, schleppen, kochen, tragen den Müll runter und plagen sich mit Hausaufgaben des Nachwuchses. Und doch läuft am Ende immer wieder das gleiche hellblau-rosarote Programm. Sobald die Frau ihr angestammtes Terrain verlässt, um einem Job nachzugehen, reißt sie ein Loch ins Gewebe der Beziehung, das nie dauerhaft von männlichem Servicepersonal gestopft wird. „Das Recht auf Heimarbeit braucht das Recht auf einen Platz außerhalb der Familie“, sagte die Soziologin Jutta Allmendinger im Mai in der Talksendung „Anne Will“. Wer gibt Frauen dieses Recht?

Es ist Zeit, dass Frauen den Konflikt zwischen Freiheit und Abhängigkeit überwinden – nicht allein, sondern mit der Unterstützung männlicher Privilegienträger. Denn Freiheit heißt nicht: für alles selbst verantwortlich sein. Wahre Emanzipation heißt Glück und Freiheit für alle. Sie schließt Solidarität ein, nicht aus. Es geht darum, freie Entscheidungen von Gleichheit und Chancengerechtigkeit auf Basis von Fakten und guten Gründen zu treffen; Lasten und Privilegien zu teilen. Alle sollen mithelfen. Konsequent. Damit wir endlich in der Gegenwart ankommen.

Niemand kann frei und abhängig zugleich sein. Darin liegt der weibliche Glückskonflikt.

Rebekka Reinhard

Trotz rechtlicher Gleichstellung wirkt diese biedermeierliche Sphärentrennung fort. Das zeigte sich mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im März 2020, als sich alle „Systemrelevanz“ einseitig auf die helfenden Berufe verschob. Genauer: auf die Arbeitnehmer im Gesundheitswesen, die nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin zu 85 Prozent weiblich sind. 85 Prozent, die man nun zu Heldinnen stilisierte. Doch was war mit den übrigen arbeitenden Frauen; jenen, die nicht gerade an der Supermarktkasse die Stellung hielten? Wie vom Erdboden verschluckt. Nach Angaben der Beratungsfirma „Frauen Karriere Index“ meldeten Unternehmen aller Branchen plötzlich weniger Bewerbungen von Frauen. Internationale Fachzeitschriften wie das „British Journal for the Philosophy of Science“ berichteten von drastischen Rückgängen wissenschaftlicher Veröffentlichungen aus weiblicher Feder.

Es zeigte sich, wie sehr nicht nur unsere Wirtschaft auf Kante genäht ist, sondern auch unsere Familien. Neben Homeoffice waren nämlich auch Homeschooling und Home-Kita angesagt. Viele arbeitende Väter taten viel im Haushalt und in der Kinderbetreuung (und tun es immer noch). Doch wie viele von ihnen brillierten neben ihrer Performanz am Schreibtisch auch in der Rolle der Pflegerin, Reinigungsfrau, Toilettenfrau? Unbezahlte Hausarbeit und sorgende „Care“-Tätigkeiten sind aufgrund fest verankerter Rollenbilder in aller Welt nach wie vor Frauensache, wie die große OECD-Studie von 2014 ergab und die Corona-Studie der Universität Mannheim 2020 für Deutschland bestätigte.

Abhängigkeit, Fürsorglichkeit, Frömmigkeit. Diese geschlechtsspezifischen Normen entstammen eben jener Werteorientierung, gegen die die Aufklärung mit ihren Ideen von Freiheit, Vernunft und „Weltbürgerschaft“ (Immanuel Kant) aufbegehrte. Heute hat Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts die dritthöchste Erwerbstätigenquote bei Frauen (76 Prozent) in aller Welt. 47 Prozent arbeiten in Teilzeit. Sind Frauen also nicht längst „frei“? Jein. Das moderne Upgrade der weiblichen Ideal-Norm definiert das unmögliche Soll, in der Sphäre bezahlter Arbeit durchzustarten – und zugleich die Sphäre „ehrenamtlicher“ Fürsorge zu bespielen. Aber niemand kann frei und abhängig zugleich sein. Darin liegt der weibliche Glückskonflikt.

Viele Männer tragen heute dazu bei, die alte Sphären-Trennung aufzuheben. Sie waschen, putzen, schleppen, kochen, tragen den Müll runter und plagen sich mit Hausaufgaben des Nachwuchses. Und doch läuft am Ende immer wieder das gleiche hellblau-rosarote Programm. Sobald die Frau ihr angestammtes Terrain verlässt, um einem Job nachzugehen, reißt sie ein Loch ins Gewebe der Beziehung, das nie dauerhaft von männlichem Servicepersonal gestopft wird. „Das Recht auf Heimarbeit braucht das Recht auf einen Platz außerhalb der Familie“, sagte die Soziologin Jutta Allmendinger im Mai in der Talksendung „Anne Will“. Wer gibt Frauen dieses Recht?

Es ist Zeit, dass Frauen den Konflikt zwischen Freiheit und Abhängigkeit überwinden – nicht allein, sondern mit der Unterstützung männlicher Privilegienträger. Denn Freiheit heißt nicht: für alles selbst verantwortlich sein. Wahre Emanzipation heißt Glück und Freiheit für alle. Sie schließt Solidarität ein, nicht aus. Es geht darum, freie Entscheidungen von Gleichheit und Chancengerechtigkeit auf Basis von Fakten und guten Gründen zu treffen; Lasten und Privilegien zu teilen. Alle sollen mithelfen. Konsequent. Damit wir endlich in der Gegenwart ankommen.

Rebekka Reinhard ist Philosophin, Autorin und stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift „Hohe Luft“. Ihr neues Buch „Wach denken: für einen zeitgemäßen Vernunftgebrauch“ (Edition Körber) erscheint im September.

Foto: Sung Hee

Rebekka Reinhard ist Philosophin, Autorin und stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift „Hohe Luft“. Ihr neues Buch „Wach denken: für einen zeitgemäßen Vernunftgebrauch“ (Edition Körber) erscheint im September.

Foto: Sung Hee