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„Die Krise hat bestehende Ungerechtigkeiten verstärkt“

Die Organisation „More in Common“ forscht zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und entwickelt Initiativen, um der Polarisierung und Ausgrenzung von Gruppen entgegenzuwirken. Die Deutschland-Chefin Laura Krause über das, was die Menschen in Deutschland trennt.

„Die Krise hat bestehende Ungerechtigkeiten verstärkt“

Die Organisation „More in Common“ forscht zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und entwickelt Initiativen, um der Polarisierung und Ausgrenzung von Gruppen entgegenzuwirken. Die Deutschland-Chefin Laura Krause über das, was die Menschen in Deutschland trennt.

Interview: Anders Mertzlufft Illustration: Stefan Mosebach

Interview: Anders Mertzlufft Illustration: Stefan Mosebach

Die deutsche Gesellschaft wirkt gespalten. Woran liegt das? Sozio-ökonomische Kategorien spielen eine Rolle, weil sie oft über Beteiligungsmöglichkeiten entscheiden. Aber die problematische gesellschaftliche Dynamik, die wir sehen, lässt sich nicht allein über sozio-ökonomische Kategorien erklären. So sagt das Haushaltseinkommen nichts darüber aus, ob man rechtspopulistische Parteien wählt. Für gesellschaftliche Dynamik spielt viel mehr eine Rolle, wie gut Menschen ins Gemeinwesen eingebunden sind, also wie nah ihnen das politische System ist, wie gut ihre sozialen Beziehungen sind. Da gibt es große Unterschiede und bei More in Common arbeiten wir daran, diese zu überbrücken. Zeigt sich da auch der klassische Stadt-Land-Unterschied? Man sollte die Menschen nicht in Schubladen stecken, auch wenn man das Bedürfnis nach einfachen Erklärungsmustern hat. Menschen, die an unterschiedlichen Orten leben, können durchaus ähnlich auf die Gesellschaft blicken, genauso wie ich ganz anderer Meinung sein kann als mein Nachbar. Deshalb ist es wichtig, besonders auf das Wertefundament der Menschen zu schauen – da gibt es beispielsweise keine so großen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, wie es die öffentliche Debatte oft suggeriert. Wieso hat dann der Osten ein größeres Problem mit Rechtsextremismus? Die Demokratiezufriedenheit in den neuen Bundesländern ist niedriger. Und die Leute im Osten haben stärker das Gefühl, zu wenig vom Wohlstand Deutschlands komme bei ihnen an. Von ungefähr einem Drittel der Gesellschaft hören wir übrigens eigentlich gar nichts. Diese Leute sind „unsichtbar“, anders als die kompromisslos Wütenden, die wir häufig hören. Die Unsichtbaren sind oft damit beschäftigt, ihren Alltag zu bewältigen, sich um ihre Familie zu kümmern. Die Unsichtbaren gibt es sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland. Wie verändert sich die deutsche Gesellschaft durch die Corona-Krise? Unsere aktuelle Forschung zeigt, dass die Menschen die Krise bisher sehr unterschiedlich erleben. Gesellschaftliche Stabilisatoren haben das Gefühl, dass die Pandemie den Zusammenhalt gestärkt hat. Die Unsichtbaren teilen diese Einschätzung überhaupt nicht. Sie haben eher das Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein. Und in der Tat hat die Krise bestehende Ungerechtigkeiten verstärkt. Zwar hat sich das Vertrauen zum Staat generell verbessert und viele Menschen sind überzeugt, dass die Regierung kompetent und demokratisch agiert. Das bedeutet aber nicht, dass die Probleme, die davor in unserer Gesellschaft existiert haben, nun verschwunden sind – im Gegenteil. Was die Schulen angeht, ist aber vieles schiefgelaufen. Ein Problem ist aus Sicht vieler Menschen, wo die Prioritäten gesetzt wurden und noch immer werden. Corona war und ist eine gesellschaftliche Ausnahmesituation. Dass die Politik erst einmal in den Krisenmodus schalten muss, verstehen viele Menschen. Zugleich machen sie sich aber Sorgen, vor allem wegen der wirtschaftlichen Krise, und schauen, um wen wird sich gekümmert, um wen weniger? In unseren Daten sehen wir einen ausgeprägten Wunsch nach einem familienfreundlicheren Deutschland. Daraus dürfte auch die große Frustration der Familien während Corona sprechen.

„Corona hat offenbart, welche Dinge in einer Gesellschaft funktionieren und welche nicht.“

Laura Krause

Die deutsche Gesellschaft wirkt gespalten. Woran liegt das? Sozio-öie deutsche Gesellschaft wirkt gespalten. Woran liegt das? Sozio-ökonomische Kategorien spielen eine Rolle, weil sie oft über Beteiligungsmöglichkeiten entscheiden. Aber die problematische gesellschaftliche Dynamik, die wir sehen, lässt sich nicht allein über sozio-ökonomische Kategorien erklären. So sagt das Haushaltseinkommen nichts darüber aus, ob man rechtspopulistische Parteien wählt. Für gesellschaftliche Dynamik spielt viel mehr eine Rolle, wie gut Menschen ins Gemeinwesen eingebunden sind, also wie nah ihnen das politische System ist, wie gut ihre sozialen Beziehungen sind. Da gibt es große Unterschiede und bei More in Common arbeiten wir daran, diese zu überbrücken. Zeigt sich da auch der klassische Stadt-Land-Unterschied? Man sollte die Menschen nicht in Schubladen stecken, auch wenn man das Bedürfnis nach einfachen Erklärungsmustern hat. Menschen, die an unterschiedlichen Orten leben, können durchaus ähnlich auf die Gesellschaft blicken, genauso wie ich ganz anderer Meinung sein kann als mein Nachbar. Deshalb ist es wichtig, besonders auf das Wertefundament der Menschen zu schauen – da gibt es beispielsweise keine so großen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, wie es die öffentliche Debatte oft suggeriert. Wieso hat dann der Osten ein größeres Problem mit Rechtsextremismus? Die Demokratiezufriedenheit in den neuen Bundesländern ist niedriger. Und die Leute im Osten haben stärker das Gefühl, zu wenig vom Wohlstand Deutschlands komme bei ihnen an. Von ungefähr einem Drittel der Gesellschaft hören wir übrigens eigentlich gar nichts. Diese Leute sind „unsichtbar“, anders als die kompromisslos Wütenden, die wir häufig hören. Die Unsichtbaren sind oft damit beschäftigt, ihren Alltag zu bewältigen, sich um ihre Familie zu kümmern. Die Unsichtbaren gibt es sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland. Wie verändert sich die deutsche Gesellschaft durch die Corona-Krise? Unsere aktuelle Forschung zeigt, dass die Menschen die Krise bisher sehr unterschiedlich erleben. Gesellschaftliche Stabilisatoren haben das Gefühl, dass die Pandemie den Zusammenhalt gestärkt hat. Die Unsichtbaren teilen diese Einschätzung überhaupt nicht. Sie haben eher das Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein. Und in der Tat hat die Krise bestehende Ungerechtigkeiten verstärkt. Zwar hat sich das Vertrauen zum Staat generell verbessert und viele Menschen sind überzeugt, dass die Regierung kompetent und demokratisch agiert. Das bedeutet aber nicht, dass die Probleme, die davor in unserer Gesellschaft existiert haben, nun verschwunden sind – im Gegenteil. Was die Schulen angeht, ist aber vieles schiefgelaufen. Ein Problem ist aus Sicht vieler Menschen, wo die Prioritäten gesetzt wurden und noch immer werden. Corona war und ist eine gesellschaftliche Ausnahmesituation. Dass die Politik erst einmal in den Krisenmodus schalten muss, verstehen viele Menschen. Zugleich machen sie sich aber Sorgen, vor allem wegen der wirtschaftlichen Krise, und schauen, um wen wird sich gekümmert, um wen weniger? In unseren Daten sehen wir einen ausgeprägten Wunsch nach einem familienfreundlicheren Deutschland. Daraus dürfte auch die große Frustration der Familien während Corona sprechen.

„Corona hat offenbart, welche Dinge in einer Gesellschaft funktionieren und welche nicht.“

Laura Krause

Was heißt das sozial? Die Corona-Zeit hat alle darauf zurückgeworfen, was sie vorher bereits hatten. Und wenn das passiert, gibt es eben sehr große Unterschiede. Eine Familie mit drei Kindern, die keinen Computer hat, kann nicht so einfach Homeschooling machen wie Eltern mit akademischem Hintergrund und guter IT-Ausstattung, die das trotz Doppelbelastung deutlich besser hinbekommen. Wir dürfen nicht glauben, dass die Menschen diese Corona-Zeit als Gesellschaft identisch erlebt haben. Und wir werden auch die Auswirkungen unterschiedlich stark spüren. Corona hat letztlich offenbart, welche Dinge in einer Gesellschaft funktionieren und welche nicht – auch in Deutschland. Ich hoffe, dass wir uns das merken und daraus das Handeln ableiten. Wie weit wird denn der Wandel tragen? Unserer Einschätzung nach ist die Situation aktuell fifty-fifty. Für viele fühlt sich die Situation jetzt nach dem großen Transformationsmoment an, nach dem Motto: Wir haben den Schalter so schnell umgelegt, das muss doch jetzt der Antrieb sein, auch in anderen Bereichen neue Dinge zu tun. Und es gibt eben viele Leute, die wollen einfach ihr altes Leben zurück. Und natürlich ist beides in Ordnung. Die Frage wird aber sein, gelingt es uns, darüber im Gespräch über eine gemeinsame Zukunft zu bleiben? Im Gespräch bleiben? Überfordert der bisherige Wandel nicht jetzt schon viele Menschen? In politischen Debatten herrscht oft der Impuls vor, den anderen überreden oder entlarven zu wollen. Wenn wir aber über eine gemeinsame Zukunft im Gespräch bleiben wollen, lohnt der Blick auf Grundsätzliches. Schaue ich grundsätzlich positiv auf Wandel, wie ist mein Blick auf die Gesellschaft? Wie wichtig ist mir Sicherheit? Am Ende kommt es darauf an, dass wir unsere Wünsche an die Zukunft in den Blick nehmen. Fast alle Menschen wünschen sich eine stärkere Gestaltung der Zukunft. Aktuell heißt das: Jeder kann sich deshalb fragen, was er oder sie zur Krisenbewältigung beiträgt – Politiker wie auch einfache Bürger. konomische Kategorien spielen eine Rolle, weil sie oft über Beteiligungsmöglichkeiten entscheiden. Aber die problematische gesellschaftliche Dynamik, die wir sehen, lässt sich nicht allein über sozio-ökonomische Kategorien erklären. So sagt zum Beispiel das Haushaltseinkommen nichts darüber aus, ob man rechtspopulistische Parteien wählt. Für gesellschaftliche Dynamik spielt viel mehr eine Rolle, wie gut Menschen in das Gemeinwesen eingebunden sind, also wie nah ihnen das politische System ist, wie gut ihre sozialen Beziehungen sind. Aber da gibt es große Unterschiede. Bei More in Common arbeiten wir daran, diese zu überbrücken. Zeigt sich da auch der klassische Unterschied zwischen Stadt und Land? Man sollte die Menschen nicht in Schubladen stecken, auch wenn man das Bedürfnis nach einfachen Erklärungsmustern hat. Menschen, die an unterschiedlichen Orten leben, können durchaus ähnlich auf die Gesellschaft blicken, genauso wie ich ganz anderer Meinung sein kann als mein Nachbar. Deshalb ist es wichtig, besonders auf das Wertefundament der Menschen zu schauen – da gibt es keine so großen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, wie es die öffentliche Debatte oft suggeriert.

Was heißt das sozial? Die Corona-Zeit hat alle darauf zurückgeworfen, was sie vorher bereits hatten. Und wenn das passiert, gibt es eben sehr große Unterschiede. Eine Familie mit drei Kindern, die keinen Computer hat, kann nicht so einfach Homeschooling machen wie Eltern mit akademischem Hintergrund und guter IT-Ausstattung, die das trotz Doppelbelastung deutlich besser hinbekommen. Wir dürfen nicht glauben, dass die Menschen diese Corona-Zeit als Gesellschaft identisch erlebt haben. Und wir werden auch die Auswirkungen unterschiedlich stark spüren. Corona hat letztlich offenbart, welche Dinge in einer Gesellschaft funktionieren und welche nicht – auch in Deutschland. Ich hoffe, dass wir uns das merken und daraus das Handeln ableiten. Wie weit wird denn der Wandel tragen? Unserer Einschätzung nach ist die Situation aktuell fifty-fifty. Für viele fühlt sich die Situation jetzt nach dem großen Transformationsmoment an, nach dem Motto: Wir haben den Schalter so schnell umgelegt, das muss doch jetzt der Antrieb sein, auch in anderen Bereichen neue Dinge zu tun. Und es gibt eben viele Leute, die wollen einfach ihr altes Leben zurück. Und natürlich ist beides in Ordnung. Die Frage wird aber sein, gelingt es uns, darüber im Gespräch über eine gemeinsame Zukunft zu bleiben? Im Gespräch bleiben? Überfordert der bisherige Wandel nicht jetzt schon viele Menschen? In politischen Debatten herrscht oft der Impuls vor, den anderen überreden oder entlarven zu wollen. Wenn wir aber über eine gemeinsame Zukunft im Gespräch bleiben wollen, lohnt der Blick auf Grundsätzliches. Schaue ich grundsätzlich positiv auf Wandel, wie ist mein Blick auf die Gesellschaft? Wie wichtig ist mir Sicherheit? Am Ende kommt es darauf an, dass wir unsere Wünsche an die Zukunft in den Blick nehmen. Fast alle Menschen wünschen sich eine stärkere Gestaltung der Zukunft. Aktuell heißt das: Jeder kann sich deshalb fragen, was er oder sie zur Krisenbewältigung beiträgt – Politiker wie auch einfache Bürger. konomische Kategorien spielen eine Rolle, weil sie oft über Beteiligungsmöglichkeiten entscheiden. Aber die problematische gesellschaftliche Dynamik, die wir sehen, lässt sich nicht allein über sozio-ökonomische Kategorien erklären. So sagt zum Beispiel das Haushaltseinkommen nichts darüber aus, ob man rechtspopulistische Parteien wählt. Für gesellschaftliche Dynamik spielt viel mehr eine Rolle, wie gut Menschen in das Gemeinwesen eingebunden sind, also wie nah ihnen das politische System ist, wie gut ihre sozialen Beziehungen sind. Aber da gibt es große Unterschiede. Bei More in Common arbeiten wir daran, diese zu überbrücken. Zeigt sich da auch der klassische Unterschied zwischen Stadt und Land? Man sollte die Menschen nicht in Schubladen stecken, auch wenn man das Bedürfnis nach einfachen Erklärungsmustern hat. Menschen, die an unterschiedlichen Orten leben, können durchaus ähnlich auf die Gesellschaft blicken, genauso wie ich ganz anderer Meinung sein kann als mein Nachbar. Deshalb ist es wichtig, besonders auf das Wertefundament der Menschen zu schauen – da gibt es keine so großen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, wie es die öffentliche Debatte oft suggeriert.