Editorial

Klima der Intoleranz

Karl-Heinz Paqué, Herausgeber und Vorsitzender des Vorstands der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Liebe Leserinnen und Leser,

Die Kräfte des Illiberalismus haben Konjunktur. Ob in den Vereinigten Staaten, Brasilien oder mitten unter uns in Europa: Überall bedrohen Populisten, Nationalisten und Extremisten unsere freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Wertordnungen. Die Corona-Krise könnte diesen Trend langfristig noch verstärken und verschärfen – man denke nur an die Nachwirkungen der Finanzkrisen 1929 und 2007. Der große Schock steht uns womöglich noch bevor. Widerstand gegen diese illiberale Entwicklung ist daher so richtig wie notwendig. Doch wie so oft kann auch die richtige Haltung schnell in eine moralische Gewissheit umschlagen, die jede Kritik und Zweifel unter sich begräbt. Dann werden Künstler mit abweichenden Meinungen angegriffen, Redakteure entlassen, Forscher am Publizieren und Professoren am Lehren gehindert. Es ist diese „Cancel Culture“, vor der jüngst 150 Intellektuelle, Kulturschaffende und Wissenschaftler in einem offenen Brief gewarnt haben. Sie bemängeln ein „Klima der Intoleranz“ und fordern eine offene Debattenkultur. Unter den Unterzeichnern sind so prominente Namen wie Anne Applebaum, J. K. Rowling und Salman Rushdie. Sie bemängeln, dass die Grenzen dessen, was ohne Androhung von Repressalien gesagt werden darf, immer enger gezogen werden. Auch hierzulande hat die Cancel Culture Einzug in unsere Gesellschaft gehalten, wie jüngst in den Debatten um die Kabarettisten Lisa Eckhart und Dieter Nuhr zu sehen war. Es ist genau das eingetreten, wovor die Unterzeichner in ihrem Brief warnten: Die Kunst steht unter Beschuss, der Diskurs darüber wird mittels überhöhter Moralität und intellektueller Arroganz unterdrückt.

Vor diesem Hintergrund gehen wir in der neuen Liberal der Frage nach, wie wir eine offene Streitkultur leben und kontroverse Debatten führen können – ohne dabei den notwendigen respektvollen Umgang miteinander zu verlieren. Wolfram Eilenberger und Marie-Luisa Frick finden in ihren Beiträgen ganz eigene Lösungen. Klar ist jedenfalls: Wir müssen Mut zur offenen Diskussion zeigen, statt dem Zeitgeist die duckmäuserische Reverenz zu erweisen.

Andere große Themen bleiben uns erhalten. Allen voran Corona. Wir haben liberale Vordenker gefragt, vor welche großen Herausforderungen die Corona-Krise uns langfristig stellen wird – und wie wir diese am besten lösen können. Antworten darauf geben Rebekka Reinhard, Johannes Vogel und Timothy Garton Ash. Vor uns liegt die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten. Seyla Benhabib und Hans-Ulrich Gumbrecht führen uns durch ein Land, das nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Krise tief gespalten ist, aber seine beeindruckende Vitalität nicht eingebüßt hat. Hierzulande begehen wir am 3. Oktober 30 Jahre Deutsche Einheit. Ein Grund zum Feiern, oder doch nicht? Steht es wirklich so schlecht um den Osten, wie öffentliche Klagen bisweilen vermuten lassen? Ich selbst greife dieses Thema auf – und widerspreche nachdrücklich. Denn Willy Brandt hatte recht, als er sagte: „Es wächst doch zusammen, was zusammengehört.“ Es dauert nur länger, als wir gedacht haben.

Liebe Leserinnen und Leser, dies alles und vieles mehr erwartet Sie in diesem Heft. Lesen Sie selbst.

Foto: Photothek/Thomas Imo