Gesellschaft

Foto: Michael Heck

Gefährliche Meute

Die strategischen Schmähungen im Internet nehmen zu. Diesem Aktionismus geht es nur vordergründig um Inklusion, Toleranz und Gerechtigkeit. Er fördert totalitäre Tendenzen.

Foto: Michael Heck

Gefährliche Meute

Die strategischen Schmähungen im Internet nehmen zu. Diesem Aktionismus geht es nur vordergründig um Inklusion, Toleranz und Gerechtigkeit. Er fördert totalitäre Tendenzen.

Text: Wolfram Eilenberger

Die haben es vielleicht schon gehört. Es ist was faul im Staate Internet. Das jüngste Unbehagen betrifft insbesondere die Zunahme schwarmbetriebener Schmähungstiraden, deren Urheber das Ziel verfolgen, als unliebsam markierte Prominente und Amtsträger um ihre berufliche Existenz zu bringen. Der einschlägige Begriff dafür lautet gut amerikanisch „Cancel Culture“. Aufgrund der priesterlichen Reinlichkeitsideale, die das Begehren antreiben, ist es auf Deutsch vielleicht tatsächlich am treffendsten mit „Kanzel-Kultur“ zu übersetzen. Die flächenbrandartige und allzu reale Dynamik des Phänomens bewog gut 150 anglo-amerikanische Intellektuelle verschiedenster Herkunft, im Magazin „Harper’s“ per offenem Brief vor einer totalitären Verengung der Meinungsfreiheit zu warnen.

Dabei meinen es die links-puritanischen Abkanzler der globalen Twitter-Gemeinde ja nicht böse. Vielmehr unbedingt gut. Ganz explizit geht es ihrem Aktionismus um Inklusion, Toleranz und Gerechtigkeit. Mit bestem Gewissen verlieren sie sich so in einer Differenz, die sich mit dem israelischen Philosophen Avishai Margalit als jene zwischen einer anständigen und einer zivilisierten Gesellschaft beschreiben lässt. Anständig ist demnach eine Gesellschaft, deren Institutionen möglichst wenige Individuen erniedrigen. Zivilisiert hingegen ist eine Gesellschaft, in der die Individuen einander möglichst viel existenziellen Spielraum lassen.

„Schon bald regiert der vorauseilende Gehorsam.“

Wolfram Eilenberger

Die politische Widersprüchlichkeit der Cancel Culture besteht darin, dass ihre Anhänger mit der kollektiven moralischen Schmähung eine möglichst anständige Gesellschaft hervorbringen wollen. Mit der alle totalitären Tendenzen kennzeichnenden Gleichsschaltung von „Wir“ und „Alle“ geht eine noch gefährlichere Fehleinschätzung einher: Die Meute der Schmähwilligen gebiert sich als Institutionenersatz. Die aufgebrachten Rechthaber der Kanzel-Kultur beanspruchen die regelträge Macht des Rechts. Schon bald regiert im öffentlichen Raum so der vorauseilende Gehorsam und angstgesteuerte Selbstzensur – und damit Prozesse, deren zivilisationswahrende Einhegung die vornehmste Aufgabe staatlicher Institutionen ist.

Es ist nicht immer leicht zu sagen, was Menschen wollen, die sich selbst nicht verstehen. Das Paradox der Cancel Culture hingegen liegt offen zutage. Und es gibt keinen guten Grund, es in seiner vormodernen Widersprüchlichkeit weiter widerstandslos wirken zu lassen.

Text: Wolfram Eilenberger

Die haben es vielleicht schon gehört. Es ist was faul im Staate Internet. Das jüngste Unbehagen betrifft insbesondere die Zunahme schwarmbetriebener Schmähungstiraden, deren Urheber das Ziel verfolgen, als unliebsam markierte Prominente und Amtsträger um ihre berufliche Existenz zu bringen. Der einschlägige Begriff dafür lautet gut amerikanisch „Cancel Culture“. Aufgrund der priesterlichen Reinlichkeitsideale, die das Begehren antreiben, ist es auf Deutsch vielleicht tatsächlich am treffendsten mit „Kanzel-Kultur“ zu übersetzen. Die flächenbrandartige und allzu reale Dynamik des Phänomens bewog gut 150 anglo-amerikanische Intellektuelle verschiedenster Herkunft, im Magazin „Harper’s“ per offenem Brief vor einer totalitären Verengung der Meinungsfreiheit zu warnen.

Dabei meinen es die links-puritanischen Abkanzler der globalen Twitter-Gemeinde ja nicht böse. Vielmehr unbedingt gut. Ganz explizit geht es ihrem Aktionismus um Inklusion, Toleranz und Gerechtigkeit. Mit bestem Gewissen verlieren sie sich so in einer Differenz, die sich mit dem israelischen Philosophen Avishai Margalit als jene zwischen einer anständigen und einer zivilisierten Gesellschaft beschreiben lässt. Anständig ist demnach eine Gesellschaft, deren Institutionen möglichst wenige Individuen erniedrigen. Zivilisiert hingegen ist eine Gesellschaft, in der die Individuen einander möglichst viel existenziellen Spielraum lassen.

„Schon bald regiert der vorauseilende Gehorsam.“

Wolfram Eilenberger

Die politische Widersprüchlichkeit der Cancel Culture besteht darin, dass ihre Anhänger mit der kollektiven moralischen Schmähung eine möglichst anständige Gesellschaft hervorbringen wollen. Mit der alle totalitären Tendenzen kennzeichnenden Gleichsschaltung von „Wir“ und „Alle“ geht eine noch gefährlichere Fehleinschätzung einher: Die Meute der Schmähwilligen gebiert sich als Institutionenersatz. Die aufgebrachten Rechthaber der Kanzel-Kultur beanspruchen die regelträge Macht des Rechts. Schon bald regiert im öffentlichen Raum so der vorauseilende Gehorsam und angstgesteuerte Selbstzensur – und damit Prozesse, deren zivilisationswahrende Einhegung die vornehmste Aufgabe staatlicher Institutionen ist.

Es ist nicht immer leicht zu sagen, was Menschen wollen, die sich selbst nicht verstehen. Das Paradox der Cancel Culture hingegen liegt offen zutage. Und es gibt keinen guten Grund, es in seiner vormodernen Widersprüchlichkeit weiter widerstandslos wirken zu lassen.