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Im Kampf um Wahrheit und Gehör

Die Coronapandemie drängt Virologen in ungewohnte Rollen. Ihr Einfluss auf den politischen Diskurs birgt große Chancen – und Gefahren.

Im Kampf um Wahrheit und Gehör

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Text: Constantin Eckner Illustration: Stefan Mosebach

Die Coronapandemie hat die politische Landschaft in aller Welt durcheinandergewirbelt. Einige Regierungschefs genießen wieder unerwarteten Zuspruch, während sich andere ebenso unerwartet breiter Kritik ausgesetzt sehen. Sie alle bedürfen der erst allmählich wachsenden wissenschaftlichen Expertise. Eine Blaupause zur Lösung der Probleme existiert nicht. In dieser Situation haben vor allem Virologen Prominenz erlangt. Ob Christian Drosten in Deutschland, Anders Tegnell in Schweden oder Anthony Fauci in den Vereinigten Staaten – die Namen dieser Wissenschaftler kennt im jeweiligen Land nahezu jeder. Sie besitzen allerdings keine unumstößliche Autorität, sondern werden skeptisch beäugt und finden nicht immer Gehör. Das liegt vor allem an ihren neuen Rollen. Die Krise bedingt, dass die Virologen nicht nur wie sonst mehr oder weniger im Hintergrund forschen, ihre Ergebnisse den in allen Wissenschaften üblichen Review-Prozessen unterziehen und wohldurchdachte Reden auf Nischen-Konferenzen halten. Neuerdings sind sie auch Politikberater, so wie man es sonst von vielen Ökonomen und Politikwissenschaftlern kennt. In dieser Lage werden sie krisenbedingt zu Ad-hoc-Bewertungen getrieben und müssen in dem Maße, wie neue Erkenntnisse entstehen, ihre Einschätzungen mitunter in aller Öffentlichkeit korrigieren. Sie beeinflussen damit den politischen Diskurs. Dabei kann es nicht ausbleiben, dass sie auch selber in die Kritik geraten, dass man ihnen Geltungssucht, Parteilichkeit und eine ideologische Schlagseite vorwirft. So geht das allen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Christian Drosten zum Beispiel hat man eine allzu große Nähe zur Bundesregierung unterstellt und deshalb an der Objektivität seiner Aussagen gezweifelt. Dabei betont gerade er immer wieder, keine politischen Entscheidungen treffen zu können; diese müssten mehr als nur virologische Erwägungen erfassen. Drosten sieht sich als schlicht der Erkenntnis verpflichteter Wissenschaftler. Deshalb betreibt er auch eine ausgeprägt proaktive Wissenschaftskommunikation. Er steht Rede und Antwort im Podcast, kommentiert auf Twitter und versucht unablässig, Erklärungen für wissenschaftliche Erkenntnisse zu liefern.

„Wer keine politische Agenda verfolgt, besitzt zumeist auch kein ausgeprägtes öffentliches Sendungsbewusstsein.“

Constantin Eckner

Indem sie solche Persönlichkeiten in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt hat, trägt die Krise immerhin dazu bei, einen Irrweg zu beenden, den so manche Wissenschaften in der Vergangenheit eingeschlagen hatten. Ihre Vertreter sahen sich lange auf der Suche nach Wahrheit, übernahmen aber zunehmend politische Werte und unterwarfen damit auch die eigentliche Forschung einem anderen Motiv als der reinen Wahrheitsfindung. Die Sozial- und Geisteswissenschaften waren zwar in ihrer Mehrheit schon immer politisch. Die Blütezeiten der Historiker oder Philosophen fielen mit gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen, in denen diese Intellektuellen und ihre Erkenntnisse gefragt waren. Die Naturwissenschaften hingegen waren zurückhaltender. Die „Environmental Studies“ sorgten in den Vereinigten Staaten in den siebziger Jahren für eine grundsätzliche Veränderung. Als mit Vehemenz auf Umweltprobleme hingewiesen wurde, verloren viele Konservative den Glauben an die Objektivität der Wissenschaft und gewannen den Eindruck, die Forscher unterwürfen sich linksliberalen Werten. Eine „Ideological Corruption of Science“, wie sie der Physiker Lawrence Krauss im „Wall Street Journal“ beschrieb, schwächt die Akzeptanz der Forschung. Das ist gefährlich, und die nächsten Jahre werden in dieser Hinsicht für die Wissenschaft entscheidend sein. Es wäre unsinnig zu fordern, dass sie sich aus jeglichem politischen Diskurs zurückzieht und ihre gesellschaftliche Relevanz aufgibt. Stattdessen muss sie in der Breite von der Ideologie ablassen, ganz so, wie es viele Virologen heute vormachen. Auf der Suche nach Wahrheit genügt es, humanistischen Prinzipien zu folgen, seriös zu forschen und die eigenen Ergebnisse nüchtern zu präsentieren. Wer keine politische Agenda verfolgt, besitzt zumeist auch kein ausgeprägtes öffentliches Sendungsbewusstsein. Doch genau diese unparteiischen, nur an Fakten und Zusammenhängen interessierten Forscher, für die das oberste Ziel in der Wahrheitsfindung liegt, müssen die Gesichter der Wissenschaft werden. Andernfalls verliert sie endgültig ihre Autorität und dringt mit ihren wichtigen Erkenntnissen in der breiten Öffentlichkeit gar nicht mehr durch. Die Coronakrise sollte gezeigt haben, wie gefährlich ein solches Ergebnis sein kann.

Constantin Eckner arbeitet als Journalist und Kommunikationsberater in Berlin. Er war von 2016 bis 2020 Doktorand im Fach Modern History an der University of St Andrews und in dieser Zeit auch Promotionsstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit sowie Chefredakteur des Stipendiaten- und Altstipendiatenmagazins „freiraum“.