Gesellschaft

In Neuseeland legen Lehrer, Schüler und Eltern gemeinsam Lernziele fest, der Staat finanziert Notebooks für den digitalen Unterricht und hilft bei der Entwicklung einer passenden Didaktik. Das Land „Down Under“ ist in Sachen Schule damit ganz weit oben.

In Neuseeland legen Lehrer, Schüler und Eltern gemeinsam Lernziele fest, der Staat finanziert Notebooks für den digitalen Unterricht und hilft bei der Entwicklung einer passenden Didaktik. Das Land „Down Under“ ist in Sachen Schule damit ganz weit oben.

In Neuseeland legen Lehrer, Schüler und Eltern gemeinsam Lernziele fest, der Staat finanziert Notebooks für den digitalen Unterricht und hilft bei der Entwicklung einer passenden Didaktik. Das Land „Down Under“ ist in Sachen Schule damit ganz weit oben.

Text: Verena Friederike Hasel Illustration: Kelvin Degree/Shutterstock

Einen Tag, bevor der Lockdown beginnt, steht der Schuldirektor im neuseeländischen Ort Ruakaka auf dem Parkplatz. Neben ihm stapeln sich Kartons. Einige Tage zuvor hat er 100 Notebooks gekauft. Nun fahren Eltern vor, deren Kinder ein Gerät brauchen, und der Schulleiter reicht die Notebooks durch hinuntergekurbelte Autofenster. Die folgenden sieben Wochen hindurch lernen die Schüler in Ruakaka online, mit täglichen Videokonferenzen von 9 bis 13 Uhr. Als der Schuldirektor später erzählt, was er aus den vergangenen Monaten mitnimmt, gerät er geradezu in Begeisterung über die neu entdeckten Möglichkeiten. Unter anderem möchte er erreichen, dass Kinder auch in Zukunft per Video dabei sein können, wenn sie aus irgendwelchen Gründen zu Hause bleiben.

In Neuseeland hat das Coronavirus als Impulsgeber und Beschleuniger pädagogischer Erneuerung gewirkt. In Deutschland hingegen fand monatelang so wenig Unterricht statt, dass Eltern zu angestrengten Ersatzlehrern werden mussten – und das ausgerechnet in einem Land, in dem der Bildungserfolg ohnehin stark vom Elternhaus abhängt. Nun beschwört man die Rückkehr zum Regelbetrieb. Doch was sagt es über den Zukunftswillen einer Gesellschaft aus, wenn die Wiederherstellung der alten Verhältnisse als größte Verheißung erscheint?

Wenn es in diesem Text um die Zukunft der Bildung geht, ist damit nicht nur Digitalisierung gemeint (aber auch das kann Neuseeland gut: Hier ermittelte das Bildungsministerium schon vor dem Lockdown, wie viele Kinder im Land ohne Notebooks waren, gab Lizenzen für digitale Anwendungen aus und empfahl Videokonferenzsysteme). Vielmehr geht es um Lösungsorientierung, Kreativität, Resilienz. Fähigkeiten also, die Menschen im 21. Jahrhundert brauchen werden und für deren erfolgreiche Vermittlung Neuseeland in einem weltweiten Ranking vor ein paar Jahren den ersten Platz belegte. Eine Mathestunde in Neuseeland. „Das ist falsch!“, hört man den Lehrer hier nicht sagen. „Ganz richtig!“, auch nicht. „Good thinking“, lautet das größte Lob – gut gedacht. Und Radierer sollen die Kinder auch nicht benutzen. An Neuseelands Schulen feiert man Fehler und macht auch Lehrer zu lebenslangen Lernern. Um ihren Beruf ausüben zu dürfen, müssen sie alle drei Jahre ihre Lizenz erneuern – und dafür an Fortbildungen teilnehmen. Auch in Deutschland gibt es natürlich Fortbildungen, aber die finden meist am Ende eines langen Arbeitstages statt, extern, in Form eines Vortrags, also genau so, dass der Wissenstransfer besonders schwerfällt. In Neuseeland kommen die Fortbildner direkt an die Schulen, geben Modellstunden, helfen bei der Stundenplanung, sitzen im Unterricht dabei. Sie sind vom Ministerium zertifiziert und werden von Wissenschaftlern, die dem Ministerium zuarbeiten, stets mit neuen Erkenntnissen darüber versorgt, wie Lernen am besten gelingt.

Die Methoden kommen also aus der Forschung. Die Vision dagegen stammt aus der Bevölkerung. Am nationalen Curriculum, das festlegt, was Kinder im 21. Jahrhundert wissen sollten, haben Lehrer, Schüler und Eltern gemeinsam gearbeitet. Doch auch wenn die Lernziele für alle Kinder im Land einheitlich definiert sind, haben die einzelnen Schulen viel Freiheit. Damit beispielsweise nicht zu viel Geld in der Bürokratie versickert, verwalten alle Schulen ihr Geld selbst. Und so hatte der Schulleiter in Ruakaka die Möglichkeit, das Geld, das er für Klassenfahrten vorgesehen hatte, die wegen Corona nicht stattfanden, für Notebooks auszugeben.

Für den digitalen Unterricht, wie er in Ruakaka und überall sonst im Land in Zeiten von Corona stattfand, gab es schon lange vor den Schulschließungen Fortbildungen. Nicht wegen der Pandemie, sondern einfach deshalb, weil wir uns im 21. Jahrhundert befinden und den Neuseeländern klar ist, dass es für diese Art des Lernens nicht nur die technische Grundausstattung, sondern auch die passende Didaktik braucht.

Während des Lockdowns versorgte das Ministerium die Lehrer im Land mit zusätzlichen Unterrichtsideen. Auf einer Webseite wurde täglich ein Foto gezeigt, das Kindern als Ausgangspunkt für eine selbst geschriebene Geschichte dienen sollte, auf einer anderen konnten Kinder Restaurantmanager werden, Lebensmittel einkaufen, Mengen kalkulieren, Preise festlegen, Mitarbeiter einstellen, alles ein Teil des Matheunterrichts. Es gab eine App, mit der Kinder meditierten, und „30-day maker challenges“ mit Vorgaben wie „Mach etwas, das Lärm macht“, „Mach etwas, das deine Laune beschreibt“, „Mach etwas, das schwimmt“. Einige Schulen stellten digitale Bücher aus den beliebtesten Lockdown-Kochrezepten der Kinder her. Andere ließen Zeitkapseln basteln, die Tagebucheinträge, Supermarktrechnungen und Artikel enthalten und eines Tages an diese ungewöhnlichen sieben Wochen erinnern sollen, die alle Schüler abrupt in die Zukunft katapultierten.

Verena Friederike Hasel ist freie Journalistin, 2018 erhielt sie den Deutschen Reporterpreis. Sie lebt mit ihrer Familie in Neuseeland. Ihre Vision für ein besseres Bildungssystem schildert sie in ihrem Buch „Der tanzende Direktor“ (Kein & Aber).

Foto: Christine Rogge

Verena Friederike Hasel ist freie Journalistin, 2018 erhielt sie den Deutschen Reporterpreis. Sie lebt mit ihrer Familie in Neuseeland. Ihre Vision für ein besseres Bildungssystem schildert sie in ihrem Buch „Der tanzende Direktor“ (Kein & Aber).

Foto: Christine Rogge