Wirtschaft

„Wir sollten einen Großteil der Führungsebene in den Unternehmen austauschen“

Die Strategieberaterin Andrea Grudda über das Problem etablierter Netzwerke, die Zukunft des Einzelhandels und New Work.

Foto: Thomas Köhler/Photothek

Interview: Anders Mertzlufft

Viele von uns haben in der Corona-Krise gelernt, digital und selbstbestimmt zu arbeiten. Das Konzept „New Work“ fordert das schon länger. Was steckt dahinter? Dahinter steckt die Frage, wie man als Unternehmen für gute Mitarbeiter und Fachkräfte attraktiv wird und was diese brauchen, um sich frei entfalten zu können. Dabei steigt meistens auch die Effektivität des Unternehmens. Das ist also nicht überall der Fall? Meine Erfahrung ist, dass Mitarbeiter selten mit einem Schild herumrennen und New Work einfordern. Auf fruchtbaren Boden fiel das Konzept zuerst in der Kreativ- und IT-Branche. Unternehmen, die im Ganzen oder in Teilen konsequent mit New Work arbeiten, sind effektiver als andere. Wo Menschen mit den Händen arbeiten, wird es aber schwierig. Wie funktioniert das Konzept? Indem sich Teams in einzelnen Zellen oder Gruppen abteilungsübergreifend und jenseits von Hierarchien zusammenfinden. Weg von der klassischen Führungspyramide. Aus diesen kreativen Zellen heraus werden neue Ideen für das Unternehmen entwickelt und die Kommunikation und Abläufe verändert. So entstehen auch neue Kapazitäten. Die Führungskraft übernimmt dabei die Rolle des Moderators. Muss sich die deutsche Führungskultur dafür nicht wesentlich ändern? Meine These ist: Wir sollten wirklich einen Teil der Führungsebene in den Unternehmen austauschen, wenn wir zukunftsfähig bleiben wollen. Oder zumindest sollten sich Führungskräfte bereit erklären, bewusst in die zweite Reihe zu treten, nach dem Motto: „Ich verstehe die neue Welt, aber ich glaube, dass ich dafür momentan nicht die beste Besetzung bin. Ich trete in die zweite Reihe und stelle jemanden nach vorne, der das besser macht.“ Ist das nicht illusorisch? Es setzt nicht nur Einsicht voraus, sondern braucht auch Menschen mit Charisma. Charisma ist in meinen Augen ohnehin eine entscheidende unternehmerische Kompetenz, die in den nächsten Jahren gefragt ist. Wir Menschen lieben es, durch das Charisma anderer in Feuer zu geraten. Wenn wir für etwas brennen, dann wachsen wir über uns hinaus, dann verlassen wir unsere Komfortzone. Unternehmer, die New Work praktizieren, ticken so. Es herrscht ein anderer Spirit. Sie sind damit auch sehr erfolgreich. Am Ende können sie ein „Role model“ sein.

Das mag im Silicon Valley funktionieren, aber doch sicher nicht in Deutschland. Das ist sicher kein System für jeden. Es gibt Menschen, die sich wohlfühlen, wenn sie klare Vorgaben bekommen. Ideen und Impulse aus der New Work kommen auch deshalb in Führungsetagen so gut an, weil dort Menschen sitzen, die selbst gerne Entscheidungen treffen, mit Freiheiten gut umgehen können und sie sogar suchen. Aber das bedeutet nicht, dass das jeder Mitarbeiter ebenfalls gerne macht.

In der Krise war plötzlich auch hierzulande ganz viel möglich.

Andrea Grudda

Es gibt Studien, die den Erfolg des Silicon Valleys anhand der Diversität der Mitarbeiter erklären. Schauen Sie sich die deutschen Führungskräfte doch einmal an. Ist das an Langeweile und Fantasielosigkeit zu überbieten? Ein Problem sind die etablierten Netzwerke. In der Krise sind viele Unternehmen aufgewacht. So viel Wandel war selten. Führungskräfte aus meinem Kundenumfeld in Afrika und Asien, die schon mehrere Pandemien erlebt haben, berichten, dass man sich dort anpasse und nach spätestens neun Monaten vieles wieder geregelt laufe wie zuvor. In Deutschland wollen wir immer alles richtig machen. Das sorgt dafür, dass wir gerne mal ein bisschen langsamer sind als andere. Und auf einmal kam die Krise und auch hierzulande wurde ganz viel möglich. Ich saß manchmal an meinem Schreibtisch und hätte am liebsten geantwortet: Das erzähle ich euch schon seit acht Jahren! Ich bin wirklich erstaunt, was alles in dieser Geschwindigkeit möglich ist. Sie beraten auch den Einzelhandel. Wo sollen dort neue Wege entstehen? Der Einzelhandel, so wie wir ihn kennen, ist langfristig gesehen leider nicht zukunftsfähig. Und er wird sich, befürchte ich, auch nicht mehr erholen. Läden, in denen die Menschen etwas anprobieren, kaufen und dann damit nach Hause gehen, wird es künftig immer weniger geben. Aber warum auch nicht? Alles verändert sich drastisch. Warum sollte also der Einzelhandel so bleiben, wie er über die letzten 60 Jahre war? Ladenbereiche werden künftig zu großen Showrooms, bestellt und geliefert wird größtenteils Zuhause. Wie überlebt der kleine Gewerbetreibende in einem solchen Umfeld? Dafür braucht es individuelle Konzepte mit starkem Profil, zum Beispiel für eine besonders originelle Auswahl. Oder man macht sich gleich selbst zur Marke. Vor allem aber darf es nicht langweilig sein. Was im Moment produziert wird und in den Läden hängt, ist so unfassbar eintönig und austauschbar. Die Geschäfte sehen wahnsinnig fantasielos aus, und die Gespräche, die man mit Verkäuferinnen und Verkäufern führt, sind leider oft alles andere als originell. So kaufen die Leute eben lieber online. Die Art und Weise, wie wir Dinge wahrnehmen, beschleunigt sich… Das Schöne ist, dass es dazu keine großen Investitionen braucht. Wenn ein Deutscher investiert, gibt er gerne Geld aus für langfristige, solide Konzepte. Das ergibt in dem Moment keinen Sinn mehr, wenn sich der Markt wandelt. Und das wird künftig immer schneller der Fall sein. Deshalb sind kreative Lösungen gefragt, „improvisieren“ ist das Zauberwort. Es braucht individuelle Konzepte, die irritieren und Spuren hinterlassen, jenseits der „Mainstream-Originalität“. Eine enge Zusammenarbeit mit Künstlern ist eine Idee. Unsere Augen, beeinflusst durch die weltweite Social-Medial-Bilderflut, sind verwöhnt von schönen und geschmackssicheren Konzepten. Jetzt ist die Chance da, auch optisch Profil zu zeigen – neben einer soliden, zeitgemäßen Digitalisierung. Ihre Prognose ist trotzdem sehr pessimistisch. Für den Markt, so wie wir ihn kennen, ja. Es sei denn, der Einzelhandel reagiert schnell. Nicht nur die großen, internationalen Konzerne machen es vor und bauen neue Lebenswelten. Denken Sie nur an den europäischen Turnschuhhersteller Veja. Wenn du es als kleiner französischer Betrieb schaffst, Nike und Adidas zu nerven: gratuliere! Alles richtig gemacht. Sie treten nicht mit den etablierten Marken in Konkurrenz, sondern gehen einen eignen Weg. In dem Fall nachhaltig, fair und transparent. Das können andere auch.

Andrea Grudda ist Strategieberaterin und unterrichtet Trendmanagement an der Europäischen Medien- und Business- Akademie in Düsseldorf. Sie veröffentlicht regelmäßig in Fachmagazinen und ist Autorin mehrerer Bücher. Zuletzt erschien ein Beitrag zu New Work im Sammelband „Expedition: Werte – Arbeit – Führung 4.0“ von Markus Dohm, Andreas Große-Jäger und Klaus Rüffler (Köln 2020).

Buchcover: TÜV Rheinland

Andrea Grudda ist Strategieberaterin und unterrichtet Trendmanagement an der Europäischen Medien- und Business- Akademie in Düsseldorf. Sie veröffentlicht regelmäßig in Fachmagazinen und ist Autorin mehrerer Bücher. Zuletzt erschien ein Beitrag zu New Work im Sammelband „Expedition: Werte – Arbeit – Führung 4.0“ von Markus Dohm, Andreas Große-Jäger und Klaus Rüffler (Köln 2020).

Buchcover: TÜV Rheinland