Wirtschaft

PRO


Innovativ und sinnvoll

Weil wir das CO2-Budget fast sicher überschreiten werden, müssen wir das Gas unter der Erde speichern.

Text: Christoph Beuttler Animation: Marie Friedrich

Der Klimawandel ist die größte Herausforderung unserer Zeit. Der Welt bleiben 30 Jahre und ein Restbudget von ca. 300 Milliarden Tonnen CO2 (bei einem aktuell jährlichen Ausstoß von 42 Milliarden Tonnen), um die Erderwärmung auf 1,5°C zu begrenzen. Die Klimawissenschaft macht schon seit Langem klar: Zur Erreichung dieser Klimaziele müssen wir die aktuellen Emissionen nicht nur so schnell wie möglich reduzieren – zusätzlich müssen aktiv mehrere Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr aus der Atmosphäre entfernt werden. Dies hat zwei Gründe: Zum einen werden wir das CO2-Budget fast sicher überschreiten und müssen damit historische Emissionen entfernen. Zum anderen ist es nicht möglich, in allen Sektoren bis auf null Emissionen herunterzukommen, was zu substanziellen Restemissionen führen wird. Diese beiden Punkte bedingen, dass wir zur Erreichung unserer Netto-Null-Ziele Methoden zur CO2-Entnahme aus der Atmosphäre und der permanenten CO2-Speicherung einsetzen müssen, so wie dies Climeworks mit der Technologie Direct Air Capture (DAC) bereits tut, die ausschließlich mit erneuerbarer Energie betrieben wird. Seit dem „Sonderbericht 1,5 Grad Celsius globale Erwärmung“ des Weltklimarats von 2018, der das bis 2100 kumulativ zu entnehmende CO2-Volumen auf 100 bis 1000 Milliarden Tonnen quantifiziert, wird dieser Umstand nun in der Politik stark diskutiert. Erste Länder haben sich entsprechend positioniert. So gibt es in der EU und in der Schweiz, UK und den USA bereits politische Bemühungen, die Rahmenbedingungen für den Einsatz von negativen Emissionstechnologien zu schaffen. Dabei soll auch garantiert werden, dass das entnommene CO2 sicher eingelagert wird. Und obwohl biologische Methoden wie die Aufforstung CO2 binden können, zeigen Waldbrände wie in Kalifornien, dass deren Permanenz nicht immer gewährleistet werden kann.

Das CO2 wird in tiefe Sedimentschichten befördert, mineralisiert dort und wird zu Gestein.

Christoph Beuttler

Um die CO2-Konzentration dauerhaft zu senken, muss das eingefangene CO2 daher geologisch gespeichert werden. Dabei wird das CO2 in tiefe Sedimentschichten befördert, über denen eine impermeable Gesteinsschicht liegt. Hier mineralisiert das CO2 und wird zu Gestein, der sichersten Form von CO2-Lagerung. Gerade vor dem Hintergrund des European Green Deals und dem grünen Wiederaufbau der von Covid-19 geschwächten Wirtschaft müssen Technologien zur CO2-Entfernung von der Politik prioritär gefördert werden. Sie versprechen neue Investitionen, Arbeitsplätze und zementieren Deutschlands und Europas Vorreiterrolle im Markt für Klimatechnologien. Eines ist klar: Wir müssen heute die Bedingungen schaffen, um in zehn Jahren in der Lage zu sein, klimarelevante Mengen CO2 aus der Luft zu entfernen. Nur so haben wir eine realistische Chance, eine klimapositive Welt zu schaffen.

Christoph Beuttler ist Carbon Dioxide Removal Manager & Policy Experte beim schweizerischen Unternehmen Climeworks, der Marktführer für Direct-Air-Capture-Technologie.

Foto: Climeworks

KONTRA


Teuer und riskant

Niemand weiß, ob die Technik in industriellem Maßstab funktioniert – und es fehlen sichere Lagerstätten.

Text: Thorben Becker Animation: Marie Friedrich

Die Herausforderungen im Klimaschutz sind riesig. Es geht darum, in kurzer Zeit die Energiewirtschaft, die ganze industrielle Produktion, den Verkehr und die Landwirtschaft klimaneutral umzugestalten. Dies ist nur mit großen systemischen Veränderungen möglich, dem massiven Ausbau erneuerbarer Energien und einer Abkehr vom Wachstum in allen Bereichen. Wer möglichst viel vom Status quo erhalten will, setzt auf eine End-of-pipe-Technologie: die Abscheidung und Speicherung von CO2. Dabei soll das CO2, das bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe oder in industriellen Prozessen anfällt, abgeschieden werden. Das heißt, das CO2 muss dort, wo es frei wird, abgefangen werden. Das geschieht über „Abscheidetürme“, die neben die jeweilige Anlage gebaut werden. Komprimiert und verflüssigt, soll das Gas über Pipelines und Tanker in ein Endlager überführt werden. Die Endlagerung soll unter der Erde oder dem Meeresboden stattfinden.

Lecks der Lagerstätten sind für Bewohner nahe liegender Orte eine tödliche Gefahr.

Thorben Becker

Doch was so einfach klingt, ist aufwendig, teuer, riskant und mit hohem Energieaufwand verbunden. Der BUND ist deshalb gegen die Idee. Die Schlüsselrolle, die ihr mittlerweile in vielen Klimaschutzplänen zufällt, ist gefährlich, weil noch niemand sagen kann, ob die Technik im industriellen Maßstab funktioniert. Klar ist für uns, dass sie bei der Energieerzeugung keine sinnvolle Rolle spielen kann und dass ein Einsatz im großen Maßstab schon am Fehlen sicherer Lagerstätten scheitert. Ein Grund für unsere Ablehnung ist die Tatsache, dass die CO2-Abscheidung sehr energieintensiv ist. Die Wirkungsgrade der Kraftwerke vermindern sich je nach Verfahren um 6 bis 15 Prozentpunkte. Deswegen müsste deutlich mehr Kohle oder Gas eingesetzt werden. Ein weiterer Grund ist, dass die Gefahren der „CO2-Endlagerung“ systematisch unterschätzt werden. Die enormen Mengen an CO2, die jedes Jahr entsorgt werden müssten, benötigen einen sicheren Endlagerort. Die dafür vorgesehenen salzwasserhaltigen Gesteinsschichten bieten diese Sicherheit genauso wenig wie ehemalige Gas- oder Erdölfelder. Chemische Reaktionen des CO2 mit den Gesteinsschichten können die Unversehrtheit des Gasspeichers zusätzlich beeinflussen. Selbst mit höheren technischen und damit auch höheren finanziellen Aufwendungen ist mit einer Leckage-Rate von 0,1 bis 1 Prozent in 100 Jahren zu rechnen. Plötzliche CO2-Freisetzungen aus der Abscheidung oder den Lagerstätten sind eine tödliche Gefahr für die Bewohner nahe liegender Orte. Zudem ist die Abscheidung und Endlagerung von CO2 teuer. Sowohl in der Stromerzeugung als auch in der Herstellung von „blauem“ Wasserstoff aus Erdgas ist diese Technologie deutlich teurer als die Alternative erneuerbare Energien.

Thorben Becker ist Leiter des Bereichs Kohle-Politik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Foto: BUND/Simone Neumann