Gesellschaft

Vernunft vs. Seele?

Die Philosophin Rebekka Reinhard und der FDP-Bundestagsabgeordnete Marco Buschmann diskutieren über die Krise der liberalen Demokratie. Wie soll man mit dem Phänomen des „emotionalen Pluralismus“ umgehen? Und tobt wirklich die „verblödete Vernunft“ in Alltag und Politik?

Vernunft vs. Seele?

Die Philosophin Rebekka Reinhard und der FDP-Bundestagsabgeordnete Marco Buschmann diskutieren über die Krise der liberalen Demokratie. Wie soll man mit dem Phänomen des „emotionalen Pluralismus“ umgehen? Und tobt wirklich die „verblödete Vernunft“ in Alltag und Politik?

Vernunft vs. Seele?

Die Philosophin Rebekka Reinhard und der FDP-Bundestagsabgeordnete Marco Buschmann diskutieren über die Krise der liberalen Demokratie. Wie soll man mit dem Phänomen des „emotionalen Pluralismus“ umgehen? Und tobt wirklich die „verblödete Vernunft“ in Alltag und Politik?

Moderation: Anders Mertzlufft Foto: Sung-Hee Seewald, Bernd von Jutrczenka/picture alliance/dpa

Mertzlufft: Erleben wir gerade die größte Krise der liberalen Demokratie? Und ist der Rationalitätsbegriff so unter Druck geraten, dass wir düsteren Zeiten entgegensehen? Buschmann: Die liberale Demokratie steht unter Druck von innen und außen. Das müssen wir sehr ernst nehmen. Aber der Untergang des Abendlandes steht nicht bevor. Ich bin fest davon überzeugt, dass sehr viele Menschen hinter der liberalen Demokratie stehen. Ich neige da nicht zum Kulturpessimismus. Die Denker der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts hatten es schwerer: Sie haben gegen den Faschismus in Europa gekämpft. Die Dreißigerjahre waren die schlimmste Herausforderung für die liberale Demokratie des Westens. Davon sind wir zum Glück weit entfernt. Aber dass wir nicht einmal in die Nähe einer solchen Krise kommen, dazu möchte ich einen Beitrag leisten. Reinhard: Es ist eine globale Frage, über die man einen Impulsvortrag von zwei Stunden halten könnte. Als Philosophin bin ich natürlich immer eine große Freundin der Differenzierung und möchte erst einmal fragen: Wovon reden wir überhaupt, wenn wir von der Krise der repräsentativen liberalen Demokratie sprechen? Meinen wir damit die sogenannte Spaltung der Gesellschaft? Welche Rolle spielen dabei die Medien – speziell die sozialen Medien? Ich halte auch nicht so viel von historischen Analogien. Aber sicherlich: Wir befinden uns in einer massiven Umbruchzeit, die alle Bereiche menschlichen Lebens betrifft. Was wir brauchen, ist Mut, vor allem auch Mut zur Demut, ein Zurückhalten mit vorschnellen Thesen und Antworten. Es ist unmöglich, eine Zeit hinreichend genau zu beurteilen und zu analysieren, in der man selbst lebt. Alles, was ich jetzt zu den großen Herausforderungen unserer Zeit sagen möchte, geschieht also unter Vorbehalt. Ich würde mir von Politikern und allen Experten heute wünschen, dass auch sie ein wenig mehr von dieser kritischen Demutshaltung zeigen, anstatt loszupoltern und zu signalisieren: Ich habe recht und das ist die Lösung für das Problem. Mertzlufft: Herr Buschmann, Ihr Buch kann man als Gesprächsangebot der liberalen Demokratie verstehen, etwas demütiger mit den eigenen Positionen umzugehen … Buschmann: Liberale Demokratie organisiert Gespräch und Kompromiss in einer Wirklichkeit der Vielfalt, in der die Zukunft hinter einem Schleier der Ungewissheit liegt. Das setzt Gesprächsfähigkeit voraus. Egal wie selbstsicher jemand auftritt: Niemand kennt die Zukunft. Deshalb muss man immer ein Stück weit seine Politik der Kon­trollfrage unterziehen: Was passiert eigentlich, wenn es ganz anders kommt, als ich denke? Das ist für Liberale ein zentraler Punkt. Aktuelle Politik hat niemals ein überlegenes Wissen, als dass sie selbstsicher alle Bedenken beiseite wischen könnte. Dennoch muss sie im Hier und Jetzt handeln. Diese Verbindung von Zweifel und Entschlossenheit ist sehr anspruchsvoll. Aber noch aus einem zweiten Grund sollten wir uns mäßigen: Politische Urteile und Meinungsbildung hängen auch von unserer unterschiedlichen Emotionalität ab, die unsere Identität prägt. Der Pluralismus der unterschiedlichen Meinungen ist nicht nur Ergebnis unseres begrenzten Wissens, sondern auch ganz unterschiedlicher Wahrnehmungsmuster. Für diesen emotionalen Pluralismus sind die Institutionen der liberalen Demokratie ideale Integrationsangebote. In diesen Institutionen können auch emotional sehr unterschiedlich empfindende Menschen ihren Platz finden und miteinander kooperieren. So kann dort der große Anspruch der Aufklärung, dass alle Menschen frei und gleich vor dem Gesetz sind, egal wie sie empfinden, auch praktisch realisiert werden.

Wir müssen erst mal klären, welche Art von Vernunft wir eigentlich wollen!

Rebekka Reinhard

Wir müssen erst mal klären, welche Art von Vernunft wir eigentlich wollen!

Rebekka Reinhard

Rebekka Reinhard ist Philosophin, Autorin und stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift „Hohe Luft“. Im September ist ihr neues Buch erschienen: „Wach denken – Für einen zeitgemäßen Vernunftgebrauch“ (Edition Körber).

Reinhard: Mir kommt Ihr Ratio-Begriff etwas zu unkritisch daher. Wenn ich mir die Diskussionen anschaue, ob in den Medien, in der Politik oder auch im Freundeskreis, frage ich mich: Mit welcher Vernunft und welcher Ratio haben wir es denn heute zu tun? Sie haben eben die Aufklärung genannt. Ja, Aufklärung ist eine wichtige europäische Errungenschaft – aber alle halten sich heute für aufgeklärt. Auch QAnon-Anhänger halten sich für aufgeklärt, sogar für die Aufgeklärtesten. Die Ratio, mit der wir es heute zu oft zu tun haben, stellt eine Schrumpf-Form dar. Ich nenne sie in meinem Buch auch „verblödete Vernunft“ oder irrationale Rationalität. Rational an dieser verblödeten Vernunft sind gewisse Basismodule, die auf den Begründer abendländischer Logik Aristoteles zurückgehen: Das Prinzip der Zweiwertigkeit, der Satz vom Widerspruch und der Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Der ganze interessante Rest – selbstreflexives Innehalten, kritisches Hinterfragen von Hypothesen, begründete Einsprüche, Zurücktreten, um Gedankengänge geduldig entwickeln zu können – all das landet auf dem Wertstoffhof. Der irrationale Aspekt besteht für mich in dem ideologischen Herrschaftsanspruch, mit der die verblödete Vernunft auftritt. Typischerweise in Form des Bestätigungsfehlers („confirmation bias“). Ich habe recht, weil ich recht habe – der Klassiker in den sozialen Medien. Dann wird ganz fix aus dem Prinzip der Zweiwertigkeit und den beiden anderen aristotelischen Grundsätzen ein falsches Dilemma, das sich in einem knallharten „Entweder-oder“ niederschlägt. Entweder Problem oder Lösung. Entweder links oder rechts. Entweder echt oder Fake. Bevor wir also davon sprechen, wie wir Vernunft und Emotion oder Ratio und Leidenschaft verbinden, müssen wir erst einmal klären, welche Art von Vernunft wir eigentlich wollen. Buschmann: Nichtsdestotrotz kommt auch dieser erweiterte Vernunftbegriff irgendwann an Grenzen: Zum Beispiel, wenn wir die Zeitung aufschlagen. Wir werden dort mit einer solchen Vielzahl an Themen, Sachverhalten und Argumenten bombardiert, dass es vermessen wäre, zu glauben, dass wir all diese Dinge kritisch nachvollziehen oder gar prüfen können. Das würde uns schlicht überfordern. Es gibt Shortcuts in unserem Denken, die in dem Teil unserer Seele verwurzelt sind, den Platon „den Sterblichen“ genannt hat. Viele interpretieren das als einen Fehler unseres Denkens. Aber diese Shortcuts machen uns bei dieser Vielzahl an Informationen überhaupt erst handlungsfähig. Diese Wahrnehmungsmuster sind jedoch nicht bei allen Menschen gleich. Es prägen sich politische Identitäten heraus, je nachdem, wie wir ticken. Dieser Befund ist vielen unsympathisch. Aber er ist mit viel Evidenz belegt. Dass wir die Welt nicht nur rational, sondern durch die Brille unserer seelischen Kurzschlüsse sehen, bestätigt schon der tägliche Blick auf Twitter.

Ich finde es sehr schade, wie emotionslos wir über unsere Freiheiten sprechen.

Marco Buschmann

Ich finde es sehr schade, wie emotionslos wir über unsere Freiheiten sprechen.

Marco Buschmann

Marco Buschmann ist erster Parlamentarischer ­Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion. Bei NZZ Libro erscheint sein ­aktuelles Buch „Die sterbliche Seele der Freiheit – Zur Verteidigung der liberalen Demokratie“.

Mertzlufft: Ist der Rationalitätsbegriff, der unsere Moderne prägt, so unter Druck geraten, dass politische Akteure gar nicht mehr so recht wissen, wie sie ihre Alternativen begründen sollen oder Raum geben für Alternativen? Reinhard: Politiker stehen unter enormen Druck und Sachzwängen: Sie müssen handeln, müssen etwas tun. Sie können nicht monatelang alles durchdenken. Gerade in unübersichtlichen Zeiten ist es natürlich verführerisch, blitzschnell auf die Entweder-oder-Taste zu drücken – und „Lösungen“ zu präsentieren. Die verblödete Vernunft tobt nicht nur in einzelnen Individuen, sondern auch in politischen Institutionen und in allen Häusern, in denen wichtige Entscheidungen getroffen werden. Wichtig ist, dass wir auch auf individueller Ebene – bevor wir von Institutionen oder vom Parlament sprechen – für eine stärkere Vernetzung von Theorie und Praxis sorgen. Und dass wir uns fragen: Was können Theorie und Praxis voneinander lernen? Buschmann: Ich selbst finde es sehr schade, wie emotionslos wir über unsere Freiheiten sprechen. Da werden Grundgesetzartikel zitiert und behauptet, etwas sei „unverhältnismäßig“. Das ist die technische Sprache der Gerichte. Als Jurist falle ich auch immer wieder in diesen Slang zurück. Grundrechte aber schaffen Orte, an denen ich ganz ich selbst sein kann. Dort muss ich mich nicht rechtfertigen. Dort bin ich keinen prüfenden Blicken ausgesetzt. Das ist etwas Wunderbares, das Anderssein ermöglicht und einen Schutzraum vor den Anforderungen der Öffentlichkeit oder der Mehrheit bietet. Das ist ein viel berührenderer Gedanke, als wenn wir nur rechtstechnisch von Freiheit sprechen. Mertzlufft: Frau Reinhard hat eben angesprochen, dass die Coronapolitik nicht genug vermittelt und erklärt wird. Sind Sie der Meinung, dass die Art und Weise, wie die Bundesregierung ihre Politik kommuniziert, Akzeptanz schafft? Buschmann: Viele Maßnahmen besitzen hohe Akzeptanz, weil die Menschen die Gefahr sehen. Wir haben die Bilder aus Italien und New York vor Augen. Jeder, der ein Herz hat, möchte solche Situationen unbedingt vermeiden. Deshalb ist die Bereitschaft, Anti-Corona-Maßnahmen mitzutragen, groß. Aber je länger dieser Zustand andauert, je mehr Maßnahmen vorgeschlagen werden und je mehr staatliches Mikromanagement in unserem täglichen Leben stattfindet, desto mehr wird die Akzeptanz schwinden. Ich mache ja gerne Dinge mit, die ich verstehen kann, wie Abstand halten oder eine Maske aufsetzen. Das sind Dinge, die gut erklärt wurden. Es gibt aber auch jene Maßnahmen wie das Beherbergungsverbot, die von den Gerichten aufgehoben wurden. Da fragt sich die Bevölkerung schon, was die Regierungen veranstalten. Das empfinden viele als unzulässige und gleichzeitig wenig zielführende Eingriffe in ihr privates Leben. Das wiederum untergräbt die Akzeptanz immer weiterer Maßnahmen. Deshalb ist das Parlament gefordert. Das ist der Ort, wo Maßnahmen breiter diskutiert, begründet und von einer Mehrheit verabschiedet werden müssen.

Reinhard: Natürlich können Politiker nur das machen, was sie jetzt qua ihrer Expertise können. Und sie schließen sich ja bereits in interdisziplinären Teams mit Epidemiologen zusammen. Als Bürger haben wir eine gewisse Ungeduld und Unsicherheit. Wie gehen wir damit um, dass unsere Politiker nicht mehr weiterwissen? Sie treffen Entscheidungen, aber mit Vorbehalt. Die Politik hat ein Problem, diese Vorläufigkeit und Ergebnisoffenheit der konkreten Maßnahmen im Einzelfall zu vermitteln. Den meisten Bürgern ist auf einer bewussten wie unbewussten Ebene klar, dass das alles legitime Handlungsversuche sind. Wir müssen uns aber klarmachen: Corona ist ein riesiges soziales Experiment. Das verunsichert die Menschen. Wir fühlen uns als Puppen in einem riesigen, nie dagewesenen sozialen Experiment, mit Corona als diktatorischem Versuchsleiter. Mertzlufft: Gibt es dennoch Grund zum Optimismus? Reinhard: Für mich immer. Wir wissen alle nicht, woher wir kommen. Wir wissen nicht, wohin wir gehen. Dazwischen passiert etwas sehr Spannendes und Geheimnisvolles: Unser Leben, das jeden Tag anders sein kann. Aber wir können dieses Leben selbst gestalten. Wir können frei sein. Ja, wir haben Ängste, aber wir sind auch fähig zu lieben und zu vertrauen. Deswegen würde ich immer sagen: Es ist alles drin. Es gibt immer einen Grund zur Hoffnung lacht. Auch dafür, die verblödete Vernunft zu überwinden. Buschmann: Dass wir lieben und dass wir Ängste haben, macht uns nicht zu Mangelwesen. Es ist unsere Stärke. Unsere Leidenschaft treibt uns an und befähigt uns zu unglaublichen Leistungen. Leidenschaft ist menschliche Stärke. Weil ich an diese Stärke glaube, bleibe ich auch Optimist.

Wach denken – Für einen zeitgemäßen Vernunftgebrauch von Rebekka Reinhard. Edition Körber, 200 Seiten, 20 Euro

Foto: Edition Körber

Die sterbliche Seele der Freiheit – Zur Verteidigung der liberalen Demokratie von Marco Buschmann. NZZ Libro, 236 Seiten, 31 Euro

Foto: NZZ Libro