Editorial

Grund zum Optimismus?

Karl-Heinz Paqué, Herausgeber und Vorsitzender des Vorstands der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

Liebe Leserinnen und Leser,

den Start ins neue Jahrzehnt hatten wir uns sicher anders vorgestellt. Als die ersten Meldungen über ein neuartiges Coronavirus aus der chinesischen Stadt Wuhan gemeldet wurden, ahnte kaum jemand, welche gravierenden Konsequenzen diese Entwicklung für die gesamte Welt haben sollte: Fast 60 Millionen Infektionen und 1,4 Millionen Todesfälle verzeichnete die Weltgesundheitsorganisation bis Ende November. So wird das zurückliegende Jahr zweifellos in die Geschichte eingehen – als eines der dunkelsten seit Jahrzehnten. Gibt es dennoch einen Grund, optimistisch in das neue Jahr zu blicken?

Sicher, die aktuellen Freiheitseinschränkungen, die besonders die liberalen Demokratien im Kern treffen, sind ein Alarmsignal. Freiheit ist nicht selbstverständlich – und sie stirbt scheibchenweise. Umso wichtiger ist es, dass diese Einschränkungen verhältnismäßig sind, kritisch geprüft und schnellstmöglich wieder aufgehoben werden.

Doch die Pandemie offenbart auch, wozu die Menschen im Angesicht der Krise fähig sind. Trotz der Kritik von Links und Rechts ist unser Wirtschaftssystem resistent. Mehr noch: Es ist innovativ. Dass ein kleines Forschungsunternehmen aus Mainz und ein Pharmagigant aus den USA überhaupt einen gemeinsamen Impfstoff entwickeln können, verdanken wir nicht zuletzt der weltweiten Vernetzung und fortgeschrittenen Globalisierung. Auch deshalb fordert die Ökonomin Deirdre McCloskey in der Liberal, dass kindische Nullsummenspiele im globalen Freihandel, wie sie Noch-Präsident Donald Trump bis zum Ende seiner Präsidentschaft betreibt, endlich der Vergangenheit angehören. Die Globalisierung ist letztendlich Ausdruck des Bedürfnisses der Menschen, sich miteinander zu verbinden und auszutauschen. Der Politikwissenschaftler Parag Khanna fasst es im Leitartikel prägnant zusammen: „Die Globalisierung, das sind wir.“

Corona nimmt uns viele dieser Möglichkeiten zur Vernetzung. Umso wichtiger ist es, die Globalisierung nicht aufzugeben, sondern zu stärken. Es ist ihr Kerninhalt, dass Unternehmen, Staaten, Institutionen und Individuen international Verantwortung übernehmen und zusammenarbeiten – zum Wohle aller. Mit einer radikal deglobalisierten Welt, wie sie viele Apologeten des Untergangs regelmäßig fordern, wird es schwer, die Krise zu überwinden.

Die neue Liberal ist daher ein Plädoyer für die Globalisierung: Internationale Kooperation ist die einzige Chance im Kampf gegen die Plagen der Welt, einschließlich des Coronavirus. Wenn wir dieser Maxime in unserem individuellen und politischen Handeln folgen, dann können wir, liebe Leserinnen und Leser, optimistisch in die Zukunft blicken.

Foto: Photothek/Thomas Imo