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„Undurchsichtige Bürokratien“

Die in Kamerun geborene Journalistin Veye Wirngo Tatah fordert von den Industrieländern, die Globalisierung anders zu gestalten. Um die Wirtschaft Afrikas auf die Beine zu bringen, müssten die afrikanischen Regierungen aber auch koloniale Strukturen demontieren und besser zusammenarbeiten. Denn Afrikas Ressourcenreichtum sei für den Aufbau eigener Industrien prädestiniert.

Interview: Inge Herbert Illustration: Stefan Mosebach

Frau Tatah, hat die Globalisierung Afrika geholfen? Bisher hat Afrika aus seiner Interaktion mit dem Rest der internationalen Gemeinschaft keinen großen Nutzen gezogen. Der Zerfall des Kontinents im vergangenen Jahrhundert sowie das Entstehen kleiner, schwacher Staaten nach der Unabhängigkeit haben einen fortwährenden Zustand nahezu vollständiger Abhängigkeit von einem internationalen System gebracht – was durch die unfähigen und korrupten Führungen in der gesamten Region noch verschärft wird. Die Institutionen der Globalisierung wie Welthandelsorganisation, Internationaler Währungsfonds und Weltbank sind undurchsichtige Bürokratien, in denen Afrika keine Stimme hat. So ist der Kontinent bis heute im Wesentlichen ein Exporteur von Rohstoffen und ein Markt für importierte Fertigprodukte geblieben. Das verringert die Fähigkeit der afrikanischen Nationen, genug Einnahmen zu erzielen, um starke Volkswirtschaften aufzubauen, Arbeitsplätze zu schaffen und einen berechenbaren Wachstums- und Entwicklungspfad sicherzustellen.

Die afrikanische Freihandelszone, die wegen der Coronapandemie noch nicht wie geplant in diesem Jahr ­Realität geworden ist, soll künftig den innerafrikanischen Freihandel stärken. Was erhoffen Sie sich davon? Die afrikanische Freihandelszone bietet große Chancen. Sie wird 1,2 Milliarden Menschen und ein Bruttoinlandsprodukt von 2,5 Billionen Dollar in allen 55 Mitgliedstaaten abdecken. Die Weltbank schätzt, dass sie das Potenzial hat, 30 Millionen Menschen aus der extremen Armut zu befreien. Allerdings gibt es keine Garantie dafür. Es erfordert eine Demontage der kolonialen Strukturen, die noch immer vorherrschen. Afrikas Staats- und Regierungschefs müssen sich den Geistern ihrer kolonialen Vergangenheit stellen, die Verlockung des billigen Geldes und der Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen durch China und andere Staaten überwinden und die Kraft finden, ihre Länder zu öffnen und zusammenzuarbeiten. Sie müssen eine solide makroökonomische Politik verfolgen und ein investorenfreundliches Umfeld schaffen.

Seit Jahren gibt es internationale Initiativen, die Ko­operation mit Afrika zu stärken. Oder geht es doch nur um neue Absatzmärkte für europäische Unternehmen? Es gibt keinerlei internationale Initiativen, die Verzerrung der europäisch-afrikanischen Handelsbeziehungen zu beseitigen. Das Wirtschaftspartnerschaftsabkommen zwischen Afrika und der EU, angekündigt als großer Fortschritt, ist letztlich nichts anderes als „eine Bedrohung für die Industrialisierungsstrategie in den afrikanischen Ländern“, wie sich Donald Peter Chimanikire von der Universität von Simbabwe ausdrückt. Afrika bleibt Nettoexporteur von Arbeitskräften und Rohstoffen sowie Nettoimporteur von Fertigerzeugnissen. Dass Afrika ein lebensfähiger Teil der Weltwirtschaft wird, muss ein Wunschtraum bleiben, solange die Grundlagen des Wachstums in Produktion und Wissenschaft überwiegend nur in eine Richtung fließen. Afrika muss mit einer Stimme sprechen, um den Lauf der Dinge umzukehren.

„Afrikas Staats- und Regierungschefs müssen sich den Geistern ihrer kolonialen Vergangenheit stellen.“

Veye Wirngo Tatah

Wirtschaftliche Entwicklung kommt von innen. Doch ganz ohne Partner aus dem Ausland geht es nicht. Ist Entwicklungszusammenarbeit das richtige Instrument? Die Entwicklungszusammenarbeit war bisher ein Instrument, um die afrikanischen Länder vom Westen abhängig zu halten. Die Eigenverantwortung für Entwicklungsprozesse ist die Conditio sine qua non für ein nachhaltiges Wachstum der Volkswirtschaften in Afrika wie auch anderswo. Die Erzählung, dass die Region von Wirtschaftspartnern aus dem Ausland abhängig sein müsse, ist schlichtweg falsch. Deshalb ist die Entkolonialisierung der Denkweise sowohl der Afrikaner als auch der Europäer sehr wichtig für die künftige Interaktion. Was Afrika fehlt, sind kohärente, koordinierte Entwicklungsstrategien. Die Länder müssen zusammenarbeiten und eine wirtschaftlich tragfähige Infrastruktur aufbauen, die ihre Produktionszentren mit den Märkten in der Region verbindet. Dies sollte der Ausgangspunkt aller Initiativen sein.

Die EU entwickelt derzeit eine neue Afrika-Strategie.Wo sollte man die afrikanisch-europäische Kooperation intensivieren oder neu aufnehmen? Sinnvolle Zusammenarbeit, zum Beispiel in der Schifffahrt, könnte die Entwicklungsaussichten Afrikas verändern. Der Aufbau von Fertigungskapazitäten in der Nähe von Gebieten, in denen Rohstoffe produziert werden, brächte sowohl für europäische als auch für afrikanische Akteure gute Einnahmen, schüfe Arbeitsplätze und hielte potenzielle Migranten im Land. Europa bekäme Fertigwaren zu erschwinglichen Preisen. Dies wäre für beide Seiten ein Vorteil. Aber die Frage ist, ob Europa bereit ist, auf Gewinn zu verzichten, der zugunsten Afrikas geht.

Die Industrie ist in kaum einem afrikanischen Land besonders ausgeprägt. Die Wirtschaftskraft ist in Europa um ein Vielfaches höher. Wie kann sich das ändern? Europas Wirtschaftsmacht geht historisch zu einem erheblichen Teil auf Rohstoffe aus Afrika zurück – Eisenerz, Holz, Uran, Kobalt, Baumwolle, Kaffee und Kakao. Der Ressourcenreichtum könnte zum Beispiel für den Bau von Stahlwerken in Nigeria, die Herstellung von Telefonen im Kongo, die Energieerzeugung am Fluss Kongo, die Produktion von Textilien in Lesotho, Burkina Faso und Tschad oder petrochemische Erzeugnisse in Angola mobilisiert werden. Doch dafür braucht es eine neue Generation von Führungspersönlichkeiten, die sich für das Richtige einsetzen und langfristige Lösungen suchen. Ich hoffe auf Grassroots-Bewegungen.

Veye Wirngo Tatah stammt aus Kamerun und lebt seit 1991 in Deutschland. Sie ist Informatikerin und Chefredakteurin des Magazins „Africa Positive“ sowie Inhaberin des Catering-Unternehmens „Kilimanjaro Food“ in Dortmund. Sie setzt sich mit vielen Projekten für Integration und Völkerverständigung ein. 2010 erhielt sie für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Foto: Africa Positive