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Globalisierung, das sind wir!

Die Globalisierung ist ein natürlicher Ausdruck des tief sitzenden Bedürfnisses der Menschheit, sich miteinander zu verbinden. Sie hat die Welt zu einem besseren Ort gemacht und wird auch künftig unsere Rettung sein – sofern wir sie fortlaufend korrigieren und gestalten.

Text: Parag Khanna Illustration: Stefan Mosebach

Die vielleicht häufigste Fehldiagnose der Globalisierung lautet, sie sei eine Kraft, die von außen auf „uns“ einwirke, und „wir“ selber hätten wenig Einfluss. Dabei ist die Globalisierung im Grunde nichts als die Summe aller Austauschbeziehungen zwischen geografisch getrennten Akteuren. In einer minimalistischen Interpretation könnte man sie auch als den kleinsten gemeinsamen Nenner dessen verstehen, was die verschiedenen Gemeinschaften auf der ganzen Welt miteinander verbindet. In jedem Fall ist das Phänomen der Globalisierung nichts anderes als ein natürlicher Ausdruck des tief sitzenden Bedürfnisses der Menschheit, sich miteinander zu verbinden – sei es im Streben nach sozialen Bindungen oder nach Komplementaritäten im Handel. Gegen die Globalisierung zu sein bedeutet, gegen die Evolution der menschlichen Spezies zu sein. Denn die Globalisierung, das sind wir.

Daher ist die Globalisierung auch keine allmächtige und uns von ferne unsichtbar steuernde Hand; sie hat vielmehr unzählige erkennbare Gesichter. Auch wenn die Komplexität zugenommen hat, sehen wir heute besser denn je, welche Akteure, Absichten, Beziehungen und Prozesse die Globalisierung steuern, in Zusammenarbeit wie auch im Wettbewerb miteinander. Transparenz ist Macht: Sie stößt Bewegungen an, deren Mitglieder sich für Gleichheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit einsetzen. Und es gibt keine Zeit, die sich so gut eignet wie die Gegenwart, um die Globalisierung in diese Richtungen zu lenken.

„Im Digitalen sind wir dabei, uns nicht etwa zu deglobalisieren, sondern uns zu hyperglobalisieren.“

Das heißt nicht, dass die Globalisierung bisher völlig ungerecht gewesen wäre. Im Gegenteil, die Globalisierung ist es gerade deshalb wert, verteidigt und reformiert zu werden, weil sie die größte positive Kraft für die Menschheit als Ganzes war und auch in Zukunft das Potenzial dazu hat. Unsere Infrastruktur, die nahtlose Vernetzung ermöglicht, wie auch der größte Teil der Erfolge in der Armutsbekämpfung auf der ganzen Welt sind von der Globalisierung abhängig und ihr Ergebnis.

Die Blütezeit der sogenannten Antiglobalisierungsbewegung, in der Tausende von Aktivisten regelmäßig zu den großen internationalen Gipfeltreffen strömten, von der Weltbank und IWF bis zum Weltwirtschaftsforum, liegt zwei Jahrzehnte zurück. Protestierende, die die Interessen von westlichen Gewerkschaften bis hin zu afrikanischen Bauern vertraten, beklagten die Ungerechtigkeit der Globalisierung und behaupteten, sie vertiefe die Kluft zwischen Nord und Süd. Heute wissen wir, dass sie falsch lagen, und sie wissen das auch. Deshalb hörten die Proteste auf.

„Anti“-Bewegungen – Anti-Kapitalismus, Anti-Technologie, Anti-Globalisierung – verlieren immer. Sie stehen nicht für einen universalistischen Humanismus, sondern für engstirnige Kurzsichtigkeit. Zu wenig Handel ist ein viel größeres Problem als unfairer Handel, zu wenig Internetzugang ist ein viel größeres Problem als die digitale Kluft, und wenn zu wenig Wohlstand geschaffen wird, ist das ein viel größeres Problem als große Ungleichheit. Wie Bill Gates 2014 sagte, ist die Welt besser als je zuvor. Und das verdanken wir der Globalisierung.

Unermüdlich die Globalisierung zu verteidigen, bedeutet allerdings nicht zu ignorieren, dass sie fortlaufend gestaltet werden muss, um kollektiv nützlich zu sein. Vielmehr müssen wir dafür sorgen, dass erkennbar wird, wer daran schuld ist, wenn sie versagt. Gegen einen bekannten Schurken kann man viel eher etwas unternehmen als gegen eine nebulöse außerirdische Macht. Es ist zum Beispiel nicht die „Globalisierung“ als abstraktes Gebilde, das amerikanische Arbeitsplätze verlagert, um die niedrigen Standards in Freihandelsabkommen mit armen asiatischen Ländern auszunutzen; es sind bestimmte Unternehmen, die das tun, und sie nutzen dabei das Ergebnis von Verhandlungen unter politischen Führern, auf die sie Einfluss ausgeübt haben. Die globalen Lieferketten machen die Globalisierung am ehesten greifbar: Sie nachzuverfolgen weist den Weg zu den Drahtziehern. Hier für Veränderung zu sorgen, ist schwieriger als Kritik; aber es ist auch lohnender.

Die Herausforderungen, welche die heutige Globalisierung mit sich bringt, sind greifbarer als der Begriff selbst: Umweltzerstörung, Ausbeutung der Arbeitskräfte, Finanzkrisen, erhöhte Ungleichheit und so weiter. Aber gegen jeden Fall „schlechter“ Globalisierung ist das Heilmittel mehr „gute“ Globalisierung. Wie sollten wir Entwaldung und Treibhausgasemissionen bekämpfen? Indem wir saubere Energietechnologien wie Sonnenkollektoren oder Wasserstoff-Brennstoffzellen verbreiten. Wie können wir die Ungleichheit verringern, die aus dem Finanzkapitalismus folgt? Wahrscheinlich indem wir den einfachen Bürgern und Verbrauchern elektronische Geldbörsen, Kryptowährungen und Mikroaktien von globalen Technologie- und Finanzunternehmen zur Verfügung stellen. Sollten wir nicht die gesamte Produktion dezentralisieren? Sicherlich, und zwar indem wir mehr 3D-Drucker aus anderen Ländern importieren. Alles immer nur einfacher haben zu wollen, ist etwas für Kleingeister.

Die Globalisierung ist in der Tat an einem kritischen Punkt angelangt. Von nun an wird es sowohl lokaler als auch globaler weitergehen. Die mühelose interkontinentale Mobilität erscheint kostspielig und gefährlich, solange die Coronapandemie noch wütet; daher beschränken wir uns in unseren Reisen und im Tourismus meist auf die unmittelbaren Nachbarregionen. Schon vor der Pandemie drängte der protektionistische Druck einige Lieferketten in die gleiche Richtung, wobei sich die Cluster auf Nordamerika, Europa und China konzentrierten. An dieser Entwicklung gibt es einige Aspekte, die wir durchaus feiern sollten: Mehr lokale Selbstversorgung, insbesondere in Verbindung mit Investitionen in erneuerbare Energien, sollte einen echten Rückgang in Produktion, Verteilung und Verbrauch von Erdöl in aller Welt ermöglichen. Wenn es eine Folge der Deglobalisierung zu feiern gibt, dann diese.

„Gegen die Globalisierung zu sein bedeutet, gegen die Evolution der menschlichen Spezies zu sein.“

Man täusche sich nicht: Die globale Kommunikation und der globale Handel florieren weiter. Anstatt nur in ein oder zwei andere Länder pro Woche zu reisen, stehe ich jetzt an einem einzigen Tag mit Kunden und Zuhörern in bis zu fünf Ländern in Verbindung. Facebook und Google, Amazon und Alibaba, Bitcoin und Ethereum sind globaler denn je. Im Digitalen sind wir dabei, uns nicht etwa zu deglobalisieren, sondern uns zu hyperglobalisieren.

Dasselbe gilt für die Kapitalmärkte. Es ist gängig, die Globalisierung durch die Linse physischer Güter zu betrachten, die auf Schiffe verladen und um die Welt gesegelt werden, aber auch das ist eng und irreführend. Handel wird meist in Milliarden gemessen, Finanzen in Billionen. Im kommenden Jahrzehnt werden Billionen von Dollar westlicher Rentenersparnisse in chinesische und asiatische Schulden-, Aktien- und Anleihenmärkte investiert werden, um amerikanische, kanadische und europäische Anspruchsprogramme zu finanzieren. Selbst wer sich eine Entkoppelung zwischen den Vereinigten Staaten und China sehnlichst wünscht, bekommt das Gegenteil geliefert.

Betrachten wir nun in Zukunft die Globalisierung nicht als Artefakt, sondern als mögliche Rettung. Unsere rücksichtslose Ausbeutung der Natur hat womöglich irreversible Treibhauseffekte und ökologische Kettenreaktionen verursacht, die weite Teile des Planeten unbewohnbar machen könnten. Heute ist die internationale Migration zum Stillstand gekommen, aber sie hat am Vorabend der Pandemie Rekordhöhen erreicht und könnte in den kommenden Jahren durchaus auf Milliarden von Klimamigranten ansteigen. Jeder mag seine eigene Lieblingsmetrik haben, um die Globalisierung zu erfassen, aber wir sind uns sicher alle einig, dass es vor allem um uns geht. Und eine Welt, in der die Menschen in Bewegung sind wie nie zuvor, ist mit Sicherheit eins: globalisiert.

Dies ist nicht der erste Zeitpunkt in der Geschichte, an dem die globale Vernetzung eine Pandemie ermöglicht hat oder an dem wichtige Aspekte der Globalisierung wie grenzüberschreitende Mobilität und Handel immense Rückschläge erleiden. Doch ob Pest oder Erster Weltkrieg, jedes Mal ist die Globalisierung in noch größerem und tieferem Ausmaß als zuvor zurückgekehrt.

Einige Leute sagen, wir sollten einfach damit aufhören. Aber das würde nicht nur das Ende der Globalisierung bedeuten, sondern das Ende der Menschheit selbst.

Parag Khanna ist Politikwissenschaftler, Strategieberater und Publizist. Er ist Gründer und geschäftsführender Partner des Strategieberatungsunternehmens FutureMap in Singapur. Sein jüngstes Buch trägt den Titel „Unsere Asiatische Zukunft” (2019).

Foto: Parag Khanna