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Globalisierung ist etwas für Erwachsene

Exporte gut, Importe schlecht? Die amerikanische Ökonomin und Historikerin Deirdre Nansen McCloskey findet das protektionistische Nullsummendenken kindisch. Sie fordert die Kritiker von Globalisierung und freiem Welthandel auf, diese Theorie versuchsweise einmal selbst anzuwenden: Arbeiten Sie mehr, essen Sie weniger. Prima Sache, oder?

Text: Deirdre Nansen McCloskey Illustration: Stefan Mosebach

Eine Theorie kann etwas ausmachen. Wenn sie kindisch ist, kann sie jemanden, der von ihr überzeugt ist, dazu bringen, sich wie ein Kind zu verhalten. Wenn ein Kind glaubt, dass es mit einem Zauberumhang wie Superman fliegen kann, ist es in der Lage, aus dem Fenster in den Tod zu springen.

Die Theorie, der die abgewählte amerikanische Regierung von Donald Trump anhing, besagt im Kern, dass Tausch ein Nullsummenspiel ist (wobei man bezweifeln mag, dass einem derart kindischen Denken überhaupt die Würde zuteilwerden sollte, als Theorie zu gelten). Die Theorie für Erwachsene lautet „Win-win“, nur die kindische Theorie behauptet „Win-lose“ nach dem Motto: Der Gewinn Chinas im Außenhandel ist der Verlust Amerikas. Wenn Sie einen Berliner für 2,50 Euro kaufen, um ihn auf dem Weg zur Arbeit zu essen, dann sagt dazu die kindische Theorie, dass Sie verloren haben und der Bäcker gewonnen hat. Jede Einfuhr in Ihren Haushalt, Ihr Bundesland oder Ihren Staat ist ein Verlust. Wenn Geld nach außen strömt, verlieren Sie. Exporte von Sojabohnen und Flugzeugen aus den Vereinigten Staaten sind immer gut für Amerika. Denn sie schaffen schließlich Arbeitsplätze im eigenen Land – was, wie Sie feststellen werden, gleichsam die Untertheorie ist, nach deren Maßgabe alle Handelsverhandlungen stattfinden, zum Beispiel zwischen den Vereinigten Staaten und China oder zwischen der EU und Großbritannien. Exporte gut, Importe schlecht. Denken Sie einmal darüber nach, eine solche Theorie auf Ihr eigenes Leben anzuwenden. Arbeiten Sie mehr, essen Sie weniger.

Tatsächlich ist die persönliche Theorie von Noch-Präsident Trump sogar noch kindischer als diejenige, die sein Handelsberater Peter Navarro vertritt (der beschämenderweise einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften von der Harvard University besitzt; aus Protest werde ich meinen zurückgeben). Trumps Theorie besagt, dass Austausch Gewalt ist; dass der beste Plan darin besteht, den Berliner beim Bäcker einfach zu klauen; die Rechnungen von Architekten und Elektrikern nicht zu bezahlen, wenn Sie einen Wolkenkratzer in Chicago bauen. Wenn denen das nicht gefällt, dann machen Sie ihnen ein Angebot, das sie nicht ablehnen können. Klagen Sie, klagen Sie, klagen Sie.

Joe Biden, der gewählte neue Präsident, ist kein Gangster wie Donald Trump. Die Welt braucht sich keine Sorgen zu machen, dass eine Biden-Regierung verrückte Handelskriege anzetteln wird. Gut. Aber die schlechte Nachricht ist, dass Biden offenbar trotzdem an die kindische Nullsummentheorie glaubt. Wie viele Anhänger der demokratischen Partei; wie jeder Verhandlungsführer in Handelsfragen, der auf gleichen Ausgangsbedingungen besteht; wie jeder Politiker, der will, dass in seiner eigenen Wohngegend mehr Wähler für ihn stimmen; so glaubt auch Biden, dass Einfuhrzölle eine gute Sache seien. Sie schützten amerikanische Arbeitsplätze. Es ist besser, meint Biden, dass wir Amerikaner oder Deutsche zu Hause ein Akkordeon herstellen, statt Arbeitsplätze nach Tschechien zu exportieren, um dort ein Akkordeon herzustellen, das dann an einen amerikanischen oder deutschen Musiker verkauft wird.

„Kein Mensch ist eine Insel, die ganz aus sich selbst besteht. “

John Donne (1572–1631), englischer Dichter

Aber daraus folgt, dass Sie am besten auch eine Zollbarriere um Ihr Stadtviertel oder warum nicht gleich um Ihr Haus herum errichten sollten. Bis 1860 gab es in Berlin eine Zoll- und Akzisemauer, die auf einer solchen Theorie fußte und der Stadt Geld verschaffte. Bauen Sie doch auch Ihre eigenen Sojabohnen an. Konstruieren Sie Ihr Akkordeon selbst. Dann haben Sie die maximale Anzahl von Arbeitsplätzen zu Hause.

Aber warten Sie. Haben Sie sich wirklich jemals gewünscht, am Nachmittag zwanzig- oder dreißigmal mehr Aufgaben erledigen zu müssen? Im Gegenteil. Die Globalisierung als Politik für Erwachsene erlaubt es den Menschen, sich auf die Herstellung von Akkordeons zu spezialisieren und diese gegen amerikanische Sojabohnen oder deutsche Maschinen einzutauschen. Im Durchschnitt ist jeder besser dran. Ihr Haushalt ist besser dran, Brandenburg ist es, Deutschland ist es, die EU ist es, die Welt ist es.

Sie können daraufhin fragen: „Aber was ist mit der Akkordeonfabrik in Hamburg oder Chicago, der die tschechische Konkurrenz schadet?“ In einem freien Land haben Sie das natürliche Recht, mit wem auch immer in Austausch zu treten. Wenn der Hamburger oder Chicagoer nicht so gut darin ist, ein Akkordeon herzustellen wie der Tscheche, was spricht dann für eine Subventionierung? Ah, ja: Dass er Deutscher oder Amerikaner ist, einer von uns. Sie sehen das Problem, nicht wahr? Diese Begründung ist nationalistisch, und kein Stück aufgeklärt.

Und das Problem ist eigentlich noch viel, viel schlimmer. Wenn es eine gute Idee ist, den Chicagoer oder den Hamburger zu schützen, warum nicht alle vor jedem Wettbewerb schützen? Hmmm. Warum sollten Sie nicht vor jemandem geschützt werden, der Ihre Arbeit etwas besser macht als Sie, egal ob es sich dabei um einen Hamburger oder einen Chinesen handelt? Warum sollte ich nicht vor einem Ökonomen und Historiker geschützt werden, der eine bessere Vorstellung davon hat als ich, wie das „Great Enrichment“ nach 1800 geschah, die enorme Wohlstandsmehrung in aller Welt? (Mit Blick hierauf würde ich, um ganz ehrlich zu sein, den Freihandel aufgeben sowie Schutz und gleiche Wettbewerbsbedingungen fordern, auf dass ich den nächsten Nobelpreis bekomme, nicht Sie).

Es steckt ein tiefes Problem im Protektionismus, in den Handelskriegen, in Subventionen für deutsche Hersteller, in der Industriepolitik oder einer der zahlreichen kindischen Theorien, die sich als nüchterner und erwachsener Realismus oder als Verhandlungen verkleiden. Der englische Dichter und Priester John Donne sagte einst: „Kein Mensch ist eine Insel, die ganz aus sich selbst besteht.“ Das heißt, jede meiner Handlungen betrifft immer auch Sie. Ja, wenn ich Sie schlage oder Ihnen das Coronavirus in die Nase puste, dann möge der Staat mich mit seiner Gewalt davon abhalten und Sie schützen. Aber wo weder Gewalt noch Betrug im Spiel sind, sollte ein freies Volk frei sein.

Das nennt man Globalisierung.

Deirdre Nansen McCloskey ist emeritierte Professorin für Wirtschaftswissenschaften und Geschichte, Englisch und Kommunikationswissenschaften an der University of Illinois in Chicago. 2019 veröffentlichte sie ihr Buch „Why Liberalism Works: How True Liberal Values Produce a Freer, More Equal, Prosperous World for All“ (Yale University Press).

Foto: Karen Horn