Kultur

„Ohne Kultur droht die Gesellschaft innerlich abzusterben“

Der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum, heute Vorsitzender des Kulturrats NRW, kämpft in der Coronakrise für Kunst und Kultur. Die bisherigen Hilfen reichten noch nicht aus.

Interview: Karen Horn Foto: Ute Grabowsky/photothek.net

Herr Baum, die Coronakrise zieht alles in Mitleidenschaft; auch die Kultur. Opernhäuser, Konzertsäle, Museen, Theater und Kinos sind geschlossen. Was macht das mit uns? Kunst und Kultur können für den Einzelnen gerade in der Krise Orientierung geben und so etwas wie Seelentröster sein. Aber auch die Gesellschaft insgesamt droht ohne Kultur innerlich abzusterben, zu verdörren. Sie braucht den Diskurs, die geistigen Perspektiven. Kunst und Kultur sind anstößig, geben Impulse, regen zur Diskussion an. Jede Theateraufführung ist eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Nicht umsonst nannte der deutsche Dichter Friedrich Schiller die Kunst die „Schwester der Freiheit“; der französische Schriftsteller Gustave Flaubert sprach von „subventionierter Revolte“. Ist es nicht widersprüchlich, ausgerechnet dem Revolutionären, Systemkritischen, Systemrelevanz zuzusprechen und es zu subventionieren? Bedeutet das nicht eine Domestizierung des Subversiven? Nein. Ich sehe da keine Gefahr, im Gegenteil. Wir haben anders als bei den Nazis und in der früheren DDR keine Staatskultur. Kein Theater, kein Schriftsteller, kein bildender Künstler lässt sich durch Förderung an die Kette legen. Wir haben nicht die Tradition des privaten Kunstmäzenatentums wie in den Vereinigten Staaten. Sehr oft verbinden dort Mäzene die Förderung mit Wünschen, und sie können die Spenden auch noch von der Steuer abziehen. Unser Grundgesetz verpflichtet den Staat, der ja auch Kulturstaat ist, zur Förderung auch derjenigen Kunst, die nur wenige Leute erreicht. Ohne staatliche Förderung hätten wir in Deutschland keine Kulturszene, auch wenn es bei uns erfreulicherweise Mäzene gibt. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat ebenfalls einen Kulturauftrag. Wo genau liegen denn die Schwachstellen der Förderung von Kunst und Kultur in unserem Land, die durch die Coronakrise jetzt noch einmal akzentuiert worden sind? Das ist vor allem die mangelnde soziale Absicherung der Solo-Selbstständigen. Von ihnen gibt es in der Kultur sehr viele. Institutionen wie städtische Theater und Orchester haben eine Absicherung vom Staat, die dort angestellten Künstler werden weiterbezahlt, zumindest mit Kurzarbeitergeld. Die Solo-Selbstständigen, die keine Engagements mehr bekommen, fallen durch den Rost des Sozialstaats; ihre Existenz ist gefährdet. Deshalb wird jetzt über die Option einer Öffnung der Arbeitslosenversicherung für Künstler im Sinne einer Art Bürgergeld diskutiert. Die Künstlersozialversicherung ist hier nicht das richtige Instrument. Aber das ist ein mittelfristiges Pro­blem. Jetzt brauchen wir erst einmal Akuthilfe.

„Kunst und Kultur können für den Einzelnen gerade in der Krise Orientierung geben und so etwas wie Seelentröster sein.“

Da ist schon eine Menge geschehen, auf der Ebene des Bundes, insbesondere mit dem „Neustart“-Programm im Volumen von einer Milliarde Euro, und ergänzend auf der Ebene der Länder. Ja, und es gibt auch private Hilfe. Um Menschen aufzufangen, die als freischaffende Künstler von der Kultur leben, ist ein ganzes Netzwerk an Hilfen zum Lebensunterhalt entstanden. Es gibt Bundes- und Landesprogramme, Wirtschafts- und Kulturförderung, auch in Form von Stipendienprogrammen. Da die Krise länger andauert, muss jetzt aber die Anschlussförderung ab Januar gesichert werden. Das ist unsere nächste Baustelle. Auch das Neustart-Programm des Bundes muss im Umfang erhöht werden. Im Vergleich mit anderen Unterstützungsprogammen sind das keine unzumutbaren Forderungen.